Kurrent entziffern, Geschichte retten: Die Wienbibliothek sucht Freiwillige, die historische Briefe und Karten lesbar machen.
Gustav Mahler. Karl Kraus. Die Familie Strauss. Große Namen, große Geheimnisse – und ein Schlüsselloch, durch das jeder blicken darf. Voraussetzung: Man kann die Schrift noch lesen.
Die Wienbibliothek im Rathaus öffnet mit dem Projekt „crowdsourcing“ private Post von damals. Tausende Briefe und Postkarten aus den Jahren 1914 bis 1919 und 1920 bis 1934 liegen bereits digitalisiert vor. Was fehlt, ist die Übersetzung: Kurrentschrift und altes Latein, für ungeübte Augen oft nur Gekritzel. Freiwillige übertragen die Zeilen in lesbaren Text.
Blick ins Privatleben
Unter den Absendern finden sich prägende Figuren des Wiener Geisteslebens: Marie von Ebner-Eschenbach, Marianne Hainisch, eben jene Familie Strauss. Ihre Briefe zeigen sie als Menschen mit Alltagssorgen und Zärtlichkeiten.
Ein Paket aus London, das nie in Wien ankam
Wie intim der Blick durchs Schlüsselloch werden kann, zeigt ein Brief von Emma Fridezko an ihren Bruder Karl Kraus vom 13. Jänner 1920. Aus London schickte sie ihm Kuchen, Sardinen, Schokolade, Kekse, die Fleischpaste Bovril und Malzgetränkepulver – rund elf Pfund, mit Bedacht ausgesucht, um ihrem Bruder eine Freude zu machen.
Die Freude blieb aus. Kraus vermerkte auf dem Brief nur zwei Worte: „nicht eingelangt“. Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte in Wien Mangel, Rationierung und Inflation bestimmten den Alltag. Ein Paket heil ankommen zu lassen, glich einem Lotteriespiel. Aus einer Geste der Zuneigung wird so ein Beleg für die chaotischen Zustände jener Jahre.
Im Kollektiv die Geschichte der Stadt aufarbeiten
Genau solche Funde liegen noch zuhauf im Archiv, unentdeckt, weil unlesbar. Hunderte Freiwillige haben bereits mitgeholfen und einen Teil der Bestände entziffert. Wer dazustoßen will, registriert sich auf crowdsourcing.wien, transkribiert Briefe oder Postkarten – geprüft wird jeder Text von der Community. Als Dank lädt die Wienbibliothek alle Mitwirkenden zweimal im Jahr zum Café ein.


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