Neue Konzertformate

Ein Chorist als Dirigent & Beethoven mit Botschaft

Kultur
20.07.2026 10:55

Die Ouverture Spirituelle bei den Salzburger Festspielen hinterließ am Wochenende mit ungewöhnlichen Konzerten Eindruck – Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der französische Bass und Dirigent Lionel Meunier zeigten eindrucksvoll, wie vielschichtig dieses klassische Format sein kann.

Es sind außergewöhnliche Konzerte, die Markus Hinterhäuser für den Auftakt der aktuellen Salzburger Festspiele programmiert hat. In vielfacher Hinsicht. Sie zeigen, wie lebendig, kreativ und vielschichtig gestaltet dieses Format sein kann – und wie unterschiedlich Menschen miteinander in und über Musik kommunizieren können. Was die zwei Konzerte vom Sonntag neben klanglicher Intensität verband? Sie kamen ohne klassische Dirigentenrolle aus.

Sich nicht nur in den Dienst der Musik zu stellen, sondern das eigene Musizieren in den Dienst einer größeren Sache: Geigerin Patricia Kopatchinskaja bricht für ihr inszeniertes Konzert „Les adieux“ mit zahlreichen klassischen Konzertabläufen.

Barfuß gegen die Zerstörung
Mit der stehend musizierenden Camerata Salzburg zeigte sie im Haus für Mozart zu Auszügen aus Beethovens duftig musizierter „Pastorale“ Bilder von Umweltverschmutzung und Zerstörung. Die „Szene am Bach“ kontrastierte sie – selbst barfuß am ersten Geigenpult aktiv – mit zugemüllten Flüssen, Donner und Sturm mit Tsunamis und Hurrikans. Zum Trauermarsch aus der „Eroica“ gaben historische Tierdarstellungen stellvertretend ausgerotteten Arten das letzte Geleit – projiziert auf ein Tuch über den Köpfen der Musiker.

Den Musiken des zweiten Teiles war das menschengemachte Leid dann schon eingeschrieben, die Bilder der Zerstörung entstanden da vor dem inneren Auge: Schostakowitschs Violinkonzert fängt die Repressalien des Stalin-Regimes ein, Luigi Nonos „Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz“ trägt das Grauen im Titel.

Wer sich in der Musik vor der Gegenwart verstecken möchte, ist hier nicht am rechten Platz. Wer sich einlässt auf diese ungewöhnliche Form, öffnet einen assoziativen Reflexionsraum jenseits der eingeübten flüchtigen Betroffenheit, in dem dieses künsterisch-politische Manifest nachklingt.

Der Dirigent in der letzten Reihe
In eine gänzlich andere Sphäre führte am Vormittag der französische Bass Lionel Meunier mit Johann Sebastian Bachs h-moll-Messe. Das ungewöhnliche an seiner Interpretation: Meunier leitet sein Ensemble Vox Luminis selbst singend aus dem Chor heraus. Für die Musiker bedeutet das eine enorm wache Kommunikation untereinander und ein großes Selbstverständnis für diese Musik.

Meunier selbst gibt im Zentrum der Continuo-Gruppe stehend dezent Impulse, lädt zu Einsätzen mit Blicken ein oder gibt sie mit dem Wippen des Klavierauszuges in seinen Händen. Die allesamt neun hervorragenden Gesangssolisten aus seinem Ensemble lässt er sich direkt mit dem gut 20-köpfigen Orchester abstimmen.

Lionel Meunier (ganz hinten links) leitete sein Ensemble Vox Luminis aus dem Chor heraus und ...
Lionel Meunier (ganz hinten links) leitete sein Ensemble Vox Luminis aus dem Chor heraus und ließ seinen Solisten – hier im Zentrum Perrine Devillers (Sopran), Raffaele Giordani (Tenor) – den Vortritt.(Bild: © SF/Marco Borrelli)

Was das Geschehen musikalisch zusammenhält und voran treibt, ist ein gemeinsamer Puls, der in allen Beteiligten sanft und stetig pocht. Das sieht man im feinen Wippen, im gemeinsamen Atmen und den vielen wachen Blicken. Das hört man in einem federnden Schwingen.

Tiefgründig ohne jede Schwere
Was Meunier damit gelingt, ist ein leuchtender, transparenter und doch sehr plastischer Klang, zeitlos und tiefgründig ohne jede Schwere. Die Besucher der Kollegienkirche ließen diese Energie vor ihrem Jubel noch eine gute Minute beeindruckt nachklingen.

Wer Barockmusik dirigieren muss, hat schon verloren, war Alte-Musik-Pionier Nikolaus Harnoncourt überzeugt. Lionel Meunier hat eindeutig gewonnen.

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