Die österreichische Indie-Rockband Naked Cameo kann Millionen Streams auf den Streamingplattformen verzeichnen und hat bereits einige Shows ausverkauft – doch ihr neues, drittes Werk „Phase to Phase“ erscheint bewusst nicht auf Spotify und Co. Am 11. Oktober machen sie damit Halt in Wien. Mit der „Krone“ sprachen Lukas Maletzky und Maria Solberger über Streaming-Frust, echte Fans und warum sie „nie cool“ waren ...
Mitten in einem Altbau im 6. Wiener Bezirk soll ich eine Band namens Naked Cameo treffen. Der Name sagt mir vorab ehrlich gesagt noch nicht allzu viel – dabei kann die österreichische Indie-Rock-Band bereits auf mehr als 40 Millionen Streams und ausverkaufte Shows zurückblicken. Ihr neues Album „Phase to Phase“, das ich mir natürlich im Vorfeld angehört habe, gibt aber schnell einen ersten Einblick: Indie-Rock aus Österreich, mal rau, mal melancholisch, mal mit ganz ruhigen Momenten.
Zur Band gehören Leadsänger Lukas Maletzky, Maria Solberger, die für Synths und Gesang zuständig ist, und Drummer Patrick Pillichshammer. An diesem Tag treffe ich allerdings nur Lukas und Maria. Bevor mein Fotograf – der lässig mit Mitte 60 auf dem Motorrad anreist – und ich das Studio betreten, warten erst einmal mehrere Stockwerke zu Fuß auf uns. Einen Lift gibt es nämlich nicht.
Aus der Puste oben angekommen, öffnet sich ein heller Raum. Es ist gemütlich, unkompliziert und sofort sympathisch. Wir setzen uns zusammen, plaudern los - und schnell wird klar: Auch wenn Naked Cameo später im Gespräch von sich sagen, sie seien „als Band nicht cool“, wirkt genau diese Selbstironie ziemlich lässig. Zwischen Streaming-Frust, Studio-Streit und echten Fans geht es dann auch gleich zur Sache.
„Krone“: Wie unterscheidet sich „Phase to Phase“ von euren bisherigen Platten - musikalisch und emotional?
Lukas: Musikalisch sind die Inspirationen diesmal weniger versteckt. Es ist schon sehr Sixties-angelehnt. Vom Songwriting her hat sich aber dennoch gar nicht so viel verändert.
Maria: Ich finde, es ist irgendwo ein Gitarren- oder Rockalbum, aber eben mit vielen ruhigen Momenten, Streicherklängen und so weiter.
Rock und Streicher als musikalisches Element – das ist auf jeden Fall anders (grinst). Wir haben versucht, unsere Handschrift weiterzuführen, ohne uns zu wiederholen.
Lukas: Kurzgesagt: Wir haben einfach das gemacht, worauf wir Bock hatten (lacht).
Ihr veröffentlicht das Album nicht auf den Streamingplattformen, sondern physisch und über Bandcamp. War das eine spontane Entscheidung?
Maria: Nein, das war ein längerer Prozess. Wir haben irgendwann angefangen, darüber nachzudenken. Unser Publikum wächst organisch, aber irgendwann merkt man: Die Zahlen steigen, aber das Geld nicht wirklich. Mit dem, was wir jetzt schon verkauft haben, haben wir mehr eingenommen, als uns Streaming für dieses Werk gebracht hätte. Diese Rechnung ist absurd.
Lukas: Es wird behandelt wie ein physisches Produkt, aber nicht so bezahlt eben – zahlen tun wir am Ende.
Im Pressetext ist von einem Mittelfinger die Rede. An wen richtet sich der?
Lukas: Nicht zwingend an Labels oder die Idee von Labels, sondern an das System und das, was es repräsentiert. Man sagt uns dann auch immer: „Das ist ein Schritt, bei dem man mit Konsequenzen rechnen muss.“ Aber was für Konsequenzen bitte? Dass man uns noch schlechter bezahlt (lacht)? Es ist ohnehin schon gerade genug, um zu überleben – wenn überhaupt.
Maria: Der Mittelfinger richtet sich generell an die Ausbeutung von Musik und an die unfairen Bedingungen, die heute herrschen.
Ihr hattet ja selbst schon viele Streams und ausverkaufte Shows. Hat euch diese Erfahrung gezeigt, dass Zahlen nicht automatisch Sicherheit bedeuten?
Maria: Ja, absolut. Das ist genau unser Problem. Viele glauben: Wenn du Shows ausverkaufst oder große Streamingzahlen hast, dann hast du es geschafft. Aber wir gehen oft mit weniger Geld heim als die Leute, die für unsere Show bezahlt haben. Es zeigt einfach wie absurd das System ist!
Lukas: Es zieht sich durch die ganze Live-Landschaft. Alles ist teurer geworden, die Clubmieten, die Produktionen, alles. Und irgendwann weiß keiner mehr, wie es weitergehen soll.
Was müsste sich ändern, damit Indie-Künstler besser von Musik leben können?
Lukas: Steuern (biegt sich vor Lachen).
Maria: Eine Streamingabgabe wäre ein erster Schritt. Höhere Fördergelder auch. Gleichzeitig wurden Förderungen in den letzten Jahren gekürzt – das darf nicht passieren. Es müsste klar in die andere Richtung gehen. Andere Länder haben Modelle, bei denen Künstlerinnen und Künstler ein Mindesteinkommen bekommen. Es braucht wieder mehr Wertschätzung für kulturellen Wert.
Wie haben die Fans eigentlich darauf reagiert, dass die Platte nicht auf Streamingplattformen erscheint?
Maria: Unser Social-Media-Post dazu war witzigerweise unser größter Post überhaupt – und da war kein einziges Bild drauf, nur Text. Das spricht Bände. Die meisten Kommentare waren sehr positiv. Ein bisschen Ragebait gibt es immer. Viele unserer Hörerinnen und Hörer gehen auf Konzerte, kaufen Merch, plaudern mit uns. Ich glaube, vieles wird dann auf Tour passieren. Unsere Fans mögen uns ja so, wie wir sind.
Ein Freund hat uns nach einer Show in Berlin einmal gesagt: „Das war das uncoolste Publikum, das ich je gesehen habe.“ Das war für uns das beste Kompliment. Berlin ist nämlich oft so: Alle wollen cool sein. Bei uns ist das anders.
Lukas: Wir sind als Band nicht cool. Wir waren auch nie cool. Und das ist okay (lacht). Wenn man versucht, cool zu sein, dann scheitert man einfach.
Wie steht ihr eigentlich zu Social Media?
Lukas: Wir posten, was nötig ist. Ich war dem immer eher abgeneigt. Dann sagt jeder, du musst es machen, also machst du es – und dann fühlt es sich komisch an. Diese externe Validation macht schon etwas kaputt. Du folgst die ganze Zeit dieser Aufmerksamkeit und irgendwann baust du deine Persönlichkeit darauf auf. Das ist gefährlich, wenn man eigentlich einfach in Frieden mit sich sein will.
Erzählt mir was über das Album, wie seid ihr denn auf den Titel gekommen? Was heißt „Phase to Phase“ für euch?
Lukas: Ich habe lange überlegt. Irgendwann hatte ich im Hinterkopf, dass Bands wie die Pixies oft einfach eine Textzeile vom Album nehmen und sie zum Titel machen. In der letzten Single kommt die Zeile „Phase to Phase“ vor. Das hat dann Sinn ergeben, weil der Prozess zu diesem Album sehr lang war. Den ersten Song habe ich vor sieben Jahren angefangen, der letzte kam kurz vor Schluss. Da passiert viel dazwischen.
Wie entscheidet ihr dann, welche Songs auf das fast fertige Werk kommen?
Lukas: Ein bisschen gehts hier um die Notwendigkeit. Wir hatten nicht genug fertige Songs. Ich habe irgendwann einen Dropbox-Ordner mit rund 200 Skizzen geschickt und gesagt: „Bitte sucht euch was aus.“ Ich bin konstant unzufrieden mit allem, was ich mache – bis ich es dann endlich machen muss und kann – dann bin ich happy.
Man kann sich vielleicht vorstellen, dass es anstrengend ist, mit mir zusammenzuarbeiten (grinst).
Also gab es Reibungspunkte diesmal?
Lukas: Ja. Ich bin schwierig, weil ich ein absoluter Kontrollfreak bin. Bei diesem Album war es aber ein wenig besser. Manchmal bin ich einfach rausgegangen, während die anderen etwas gemacht haben – und am Ende war es dann doch Bombe.
Es gibt eigentlich immer Reibungspunkte. Aber am Ende funktioniert es immer. Viel davon kommt von meiner Unsicherheit. Früher war ich sehr unsicher mit meiner Vocal-Performanc, da musste man mich einfach aushalten – jetzt weiss ich was ich kann.
Maria: Einmal habe ich mich im Bad versteckt und gewartet, bis alles vorbei ist (lacht).
Hattet ihr zwischendurch Angst, dass das Album gar nicht fertig wird?
Maria: Ja.
Lukas: Nein.
Beide lachen.
Lukas: Wir haben es oft nach hinten geschoben, weil es nicht mehr ging. Aber wann es fertig wird, war irgendwann keine Frage mehr. Wir machen schon so lange Musik, wir haben einfach Routine. Und wenn etwas nicht perfekt ist, dann ist es halt nicht perfekt.
Maria: Am Tag nachdem du einen Song fertig machst, findest du sowieso wieder irgendwas, das du nicht geil findest. Das hört nie auf (lacht). Irgendwann muss man dann aber akzeptieren: Das ist jetzt der Status quo.
Ihr arbeitet erneut mit Markus Kleebauer zusammen. Wie war hier die Zusammenarbeit diesmal?
Maria: Das ist eine ewige Freundschaft. Es hilft total, wenn man auf einer anderen Ebene miteinander reden kann. Man muss nichts mit Samthandschuhen anfassen, weil man weiß, wie der andere tickt. Er ist einfach super.
Lukas: Es ist einfach Vertrauen da. Jede Person macht ihren Job sehr gut. Vieles haben wir diesmal auch selbst aufgenommen – Gitarren, Vocals, Vocal Stacks. Bei Markus war es dann eher effizient: Jetzt machen wir das. Nicht Zeit verschwenden, sondern Zeit investieren.
Ihr seid alle schon lange befreundet. Gibts etwas dass sich zwischen euch verändert hat – und was ist gleich geblieben?
Maria: Wir kennen uns ewig und wissen, wie wir miteinander umgehen. Für Außenstehende ist unser Schmäh manchmal vielleicht krass.
Verändert hat sich dennoch extrem viel: Wir wohnen an unterschiedlichen Orten, haben andere Umfelder und andere musikalische Einflüsse. Aber der gemeinsame Nenner in der Musik ist geblieben.
Wie trefft ihr Entscheidungen, wenn ihr musikalisch nicht derselben Meinung seid?
Lukas: Diktator hier (lacht). Nein, ich habe oft sehr klare Vorstellungen, kann sie aber nicht artikulieren. Aber am Ende muss man die Expertise der anderen zulassen. Maria hat die ganzen Streichersätze für das Album geschrieben – das könnte ich nie. Also lasse ich das passieren, und es wird besser, als ich es mir je vorgestellt hätte.
Maria: Manchmal ist es Demokratie. Und es gibt schon so etwas wie ein Vetorecht. Wenn etwas für jemanden gar nicht funktioniert, dann ist es raus. Bei Lyrics hat Lukas natürlich mehr Vorrecht, weil sie zu seinem Thema passen müssen.
Was bedeutet für euch echte Wertschätzung in der Musik? Ein gekauftes Album, ein Konzertbesuch oder eine Nachricht nach der Show?
Maria: Grundsätzlich: echtes Interesse an der Musik. Das kann alles sein. Ein Artikel, ein Kommentar, jemand, der sich wirklich Zeit nimmt, sich damit zu beschäftigen. Das ist die größte Wertschätzung.
Lukas: Man bekommt manchmal Nachrichten von Fans, die man gar nicht kennt, und die sind herzerschütternd. Wenn jemand schreibt, dass er eines unserer Alben mit seiner Mama gehört hat, bevor sie gestorben ist – dann merkst du, wie viel man einer Person bedeuten kann, die man selbst gar nicht kennt. Oder wenn jemand sagt: „Diese Platte war mein Sommer 2021.“ Das nimmt man dann mit.
Was habt ihr in den letzten Jahren über Geduld gelernt? Seid ihr geduldig?
Lukas: Nein.
Maria: Ich glaube, man braucht Geduld (grinst). Vor allem, wenn man in Gruppen arbeitet. Man muss kompromissbereit sein. Das ist wichtig!
Was würdet ihr jungen Indie-Artists raten, die zwischen Streamingdruck, Social Media und echter Kunst ihren Weg suchen?
Maria: Nicht jeden Trend mitspielen und eigene Wege finden.
Im Oktober spielt ihr in Wien. Was erwartet die Fans live?
Lukas: Zerstörung (grinst).
Maria: Live ist es definitiv mehr Rock. Auch die älteren Sachen sind rougher als auf der Aufnahme. Unser Publikum ist gemischt: Hinten sind die, die zuhören wollen, vorne die, die eskalieren wollen. Wir versuchen, beides zu bedienen. Und freuen uns einfach auf einen tollen Abend.
Wer nun Lust auf „Zerstörung“ bekommen hat, wie Lukas die Live-Show im „Krone“-Interview augenzwinkernd ankündigte, kann Naked Cameo am 11. Oktober in der Szene Wien erleben. Tickets gibt es unter www.oeticket.com – und „Phase to Phase“ dann natürlich live.
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