„Krone“-Interview

Sängerin Wallis Bird: „Das Leben ist ein Fest“

Musik
08.07.2026 05:00

Trauer, Hoffnung und ein Konzert am 10. Oktober im Wiener Flucc: Wallis Bird meldet sich mit ihrem neuen Album „I Can See Your House From Here“ zurück. Im „Krone“-Interview spricht die irische Musikerin über den Tod ihres engen Freundes Kevin Ryan, die heilende Kraft der Musik und warum das Leben trotz allem ein Fest bleibt.

kmm

Das Leben kann manchmal ein Trauerspiel sein. Es kennt nicht nur die hellen Momente, sondern auch jene Schattenseiten, die plötzlich alles verändern. Für Wallis Bird wurde die Musik in einer solchen Zeit zum Trost. Die in Berlin lebende irische Musikerin ist für ihre energiegeladenen Live-Auftritte bekannt, spielte bereits Hunderte Konzerte und wurde mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit zwei Meteor Music Awards und dem Deutschen Musikautorenpreis. Mit „I Can See Your House From Here“ legt sie nun ihr achtes Album vor. Als ich Wallis zum Zoom-Interview treffe, wird schnell klar: Diese Platte ist für die 44-Jährige mehr als nur ein neues Werk. Offen spricht sie über Trauer, den Tod ihres engen Freundes Kevin Ryan – und darüber, warum „I Can See Your House From Here“ trotz allem voller Hoffnung steckt.

„Krone“: „I Can See Your House From Here“ ist dein erstes Album, das du allein produziert hast. Was hat sich dadurch für dich verändert?
Wallis Bird: Sehr viel eigentlich. Wenn man allein sitzt, allein denkt und allein arbeitet, kommt man sehr stark mit sich selbst in Kontakt. Man hat keinen Druck, keine Ablenkung und auch keinen Spiegel. Dadurch kommen sehr pure Gedanken hoch – manchmal aber auch komische. Aber eigentlich war ich in diesem Produktionsprozess gar nicht wirklich allein. Denn der Tod meines besten Freundes war immer dabei. Dieses Album ist Kevin Ryan gewidmet. Und wir haben ihn gefeiert.

„Das Leben ist ein Fest“: Trotz schwerer Themen versucht Wallis positiv zu bleiben.
„Das Leben ist ein Fest“: Trotz schwerer Themen versucht Wallis positiv zu bleiben.(Bild: Rory Grubb)

Was bedeutet dieser Albumtitel für dich?
Der Titel stammt aus einer Zeile von Kevin Ryan. Für mich beschreibt er ein Gefühl, das ganz tief in der Seele sitzt. Ich denke dabei an Menschen, die mir nahestehen – an meine besten Freunde, an meine Familie, aber auch an die Menschen in Gaza. Es bedeutet: Ich sehe dich aus der Ferne, ich sehe dich in Gefahr, aber du bist nicht allein. Es ist ein warmes Gefühl. Für mich persönlich bedeutet es auch, dass ich Kevin in einem neuen Kapitel sehe. Dort, wo er jetzt ist. Und dass ich zugleich auf die Menschen in Gaza blicke.

War es eher befreiend oder manchmal auch beängstigend, bei diesem sehr persönlichen Werk allein die letzte Entscheidung über den Sound zu treffen?Die Entscheidung war eigentlich schon für mich gemacht. Ich konnte in dieser Zeit an kaum etwas anderes denken als an den Tod, an den Verlust meines besten Freundes und daran, wie sehr sich mein ganzes Leben verändert hatte. Das Leben ist kurz, das Leben ist lang – man weiß nie, was um die Ecke kommt. Diese Gedanken waren von Anfang bis Ende des Tages in meinem Kopf. Ich konnte kaum schlafen, ich konnte nur trauern. Und plötzlich hatte ich wieder eine Gitarre in der Hand – oder schrieb 20 Seiten in mein Journal. Am Ende war das Einzige, was ich tun konnte: singen, schreien und Gitarre spielen. Die Musik kam wie ein Trost.

Das Album beginnt mit „And So Turns The Wheel“, einer langen, fast zeitlosen Folk-Ballade. Warum war genau dieser Song der richtige Einstieg in diese Platte?
Weil das ganze Werk vom echten Leben handelt – und zum echten Leben gehört auch der Tod. Mit diesem Song wollte ich gleich am Anfang sagen: Lasst uns feiern, was wir haben. Lasst uns gemeinsam singen. Es geht um Freundschaft, um das Leben, das wir jetzt haben, und darum, dass sich alles jederzeit ändern kann. Wir können nicht wählen, wann wir geboren werden, wann wir sterben oder in welche Familie wir hineingeboren werden. Dieses Thema berührt sehr viele Menschen. Ich wollte sofort eine Verbindung herstellen. Kein Bullshit, einfach direkt hinein. Ich wollte den Menschen die Hand reichen und mit einer Umarmung beginnen.

Was man über Wallis Bird noch wissen sollte

  • Bitte vervollständige den Satz: Hoffnung finde ich, wenn ...
    ... ich mit meinen Liebsten sprechen kann.
  • Kunst kann heilen, wenn ...
    ... Künstlerinnen und Künstler etwas Echtes daraus machen.
  • Nach einem Konzert bin ich meistens ...
    ... beim Publikum.
  • Wenn meine Gitarre sprechen könnte, würde sie sagen ...
    ... au!
  • Mein Backstage-Ritual ist ...
    ... mit der Band zusammenkommen, gemeinsam lachen und dann ganz ruhig auf die Bühne gehen.
  • Meine liebste Wiener Süßspeise ist ...
    ... Mohnstriezel.

Viele weitere Songs handeln von Trauer, aber die Nummern fühlen sich trotzdem nicht hoffnungslos an. Wie hast du diese Balance zwischen Schmerz und Zuversicht gefunden?
Schmerz, Sanftheit und Kummer liegen oft sehr nah an den schönsten Seiten des Lebens. Manchmal kommt genau neben den schönsten Dingen plötzlich die schlimmste Nachricht. Für mich ist das eine Art Seiltanz. Man muss wissen, wie schlimm das Leben werden kann, um es wirklich feiern zu können. Und man braucht Humor, um das Schwere zu überleben. Der Tod ist absurd. Er ist lächerlich, komisch, unsichtbar – und kommt oft so schnell.

Was hast du denn über dich selbst gelernt? 
Ich habe gelernt, dass Freundschaft in meinem Leben unglaublich wichtig ist. Die Menschen, die ich in mein Leben gewählt habe, sind die besten für mich. Ich habe so viel Glück. Meine Beziehung zu meinen Freunden bedeutet mir alles. Um diese Beziehungen muss man sich aber auch kümmern und sie nah an sich heranlassen.
Und ich habe gelernt, dass man weitermachen muss, auch wenn man Angst hat. Das ist sehr wichtig. Lass dir von niemandem einreden, dass Weinen etwas Schlechtes ist. Und lass dir von niemandem das Gefühl geben, dass Menschlichkeit und Fürsorge nicht wichtig sind. Glaube an den Wert jedes einzelnen Menschen. Und liebe die Menschen, die du liebst, mit deinem ganzen Herzen.

„Grieving Is The Price You Pay For Love“ ist schon als Titel sehr berührend. Glaubst du, dass Trauer immer auch ein Ausdruck von Liebe ist?
Ja, das glaube ich. Eine fremde Person im Internet hat mir einmal geschrieben: „Grieving is the price you pay for love.“ Und plötzlich hatte ich eine Antwort auf die Frage, warum ich so viel weine und warum es so weh tut. Ich habe verstanden: Das ist meine Liebe. 
Kevin ist tot. In Gaza wird es immer schlimmer. Aber ich hatte das Gefühl: Ich bin noch Mensch. Und niemand kann mir das wegnehmen. Wenn ich so viel Trauer empfinde – für mich selbst und für die Welt -, dann bedeutet das auch, dass ich liebe, lebe und den Wert des Lebens verstehe.

Wie lange ist Kevins Tod jetzt her?
Zweieinhalb Jahre. Die Zeit vergeht so schnell. Im letzten Jahr hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass die Wunde nicht mehr ganz so offen ist. 

In welcher Beziehung standest du zu Kevin?
Ja. Wir haben zusammen gewohnt und waren im Alltag sehr eng verbunden. Wir haben uns fast jeden Tag gesehen. Mehr als zehn Jahre hinweg haben wir zusammen Musik gemacht, Konzerte gespielt und Kunst geschaffen. Er hat auch an meinen Covern für einige Alben mitgearbeitet. Eigentlich haben wir das Leben miteinander geteilt: Freunde, Familienessen, Beziehungen, den Alltag. Wir waren wirklich sehr eng.

Deine Konzerte sind für enorme Energie bekannt. Wie verändert sich diese Live-Energie, wenn die neuen Songs so stark von Trauer und Erinnerung handeln?
Ich gehe sehr vorsichtig mit der Energie im Raum um. Ich möchte, dass sich Menschen ausdrücken können. Sie sollen weinen können, wenn sie wollen. Sie sollen fühlen, was sie fühlen. Aber ich will niemandem vorschreiben: Du musst jetzt traurig sein. Für mich geht es immer um positive Energie. Wenn man Menschen zusammenbringt, muss man gut auf ihre Energie achten. Man darf sie nicht manipulieren, sondern sollte sie begleiten. Gemeinsam zu trauern oder zu weinen kann auch etwas sehr Positives sein. 
Aber ich will natürlich nicht, dass diese Konzerte traurige Zusammenkünfte werden. Es geht um Gemeinschaft und darum, die kurze Zeit, die wir in diesem Leben haben, wertzuschätzen. Kurz gesagt: Das Leben ist ein Fest!

Mit „The Good Of The People“ endet die Platte. Warum war es dir wichtig, dies mit dem Glauben an das Gute im Menschen zu beenden? 
Weil wir einander brauchen. Ich glaube, es gibt heute viele Dinge, die uns dazu bringen, andere Menschen nicht zu mögen, das Schlechte in ihnen zu sehen oder sie zu Feinden zu machen.Wir müssen aber das grundlegend Gute im anderen sehen. Und nein, ich bin nicht naiv (lacht). Ich glaube einfach fest daran, dass Liebe Berge versetzen kann. Jemanden zu lieben, zu respektieren und seine Würde zu sehen, ist viel lebensbejahender, als nur Feinde zu sehen.

Im Oktober kommst du nach Wien. Was erwartest du dir von diesem Konzert?Ich liebe es, in Wien zu spielen. Diesmal hoffe ich, dass die Menschen mir ihre Community zeigen. Ich wünsche mir, dass sie mir sagen, wie sie diesen Abend mitgestalten möchten. Vielleicht gibt es eine lokale Hilfsorganisation, einen lokalen Künstler oder eine lokale Künstlerin, die die Bühne mit Arbeiten füllt. 
Ich habe schon oft in Wien gespielt und liebe die Atmosphäre dort. Die Menschen sind lustig, laut, fokussiert und sie wollen singen und tanzen. Ich glaube, das Wiener Publikum wird voller Leben sein. Ich möchte meinen Raum den lokalen Menschen geben und sie einladen, mir zu zeigen, was sie möchten.

Hast du rund um das Konzert auch Zeit, Wien ein bisschen zu erkunden?
Ja, wir kommen meistens früh genug an, damit wir zumindest ein Museum besuchen oder einen schönen Spaziergang durch die Stadt machen können. Wir essen auch gerne etwas typisch Lokales, treffen nach der Show Leute oder gehen noch in eine Bar. Meistens haben wir vor oder nach dem Konzert ein paar Stunden Zeit, um die Stadt ein wenig zu erleben.

Wenn jemand in Wien noch nie bei einem Wallis-Bird-Konzert war: Was kann diese Person im Oktober live erwarten?
Einen warmen, offenen, witzigen und sehr liebevollen Abend voller Musik – gemeinsam mit einem kreativen Publikum. Es ist nur für eine Nacht, und das wissen wir auch. Dann ist dieser Moment wieder vorbei. Deshalb ist so ein Abend ein Geschenk – von Anfang bis Ende.

Wer Wallis Bird nun live erleben möchte und mit ihr am 10. Oktober im Wiener Flucc das Leben feiern möchte, der kann sich noch das eine oder andere Ticket auf www.oeticket.com holen.

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