Blutzoll an der Front
Putin opfert 70.000 Soldaten für ein Fünftel Wiens
Russlands Machthaber Wladimir Putin glaubt im fünften Jahr des Ukraine-Krieges weiter an den Sieg und spricht vom Vorrücken der russischen Armee. Die Lage an der Front zeigt aber: Vielerorts ist der Vormarsch gestoppt, minimale Gebietsgewinne wurden äußerst blutig erkauft.
Langsam rückt Russland auf Kostjantyniwka vor. Die Stadt im Gebiet Donezk ist eine wichtige Bastion im östlichen Festungsgürtel der Ukraine. Erste Kämpfe haben die Außenbezirke erreicht. Russland versucht, die Stadt immer wieder zu infiltrieren, die Ukraine tut alles, um die Eindringlinge aus der Ferne auszuschalten. Bei ihren Vorstößen hat die russische Armee ihre Taktik geändert: Anstatt in kleinen Gruppen von drei bis sechs Mann zu operieren, schickt sie jetzt Soldaten einzeln oder in Paaren los, erklärte der ukrainische Militäranalyst Oleksandr Kovalenko gegenüber der „Krone“.
„Russen agieren wie ein Schwarm“
„Sie agieren jetzt wie ein Schwarm. Das lenkt die Aufmerksamkeit der ukrainischen Truppen erheblich ab und zwingt sie dazu, mehr Ressourcen aufzuwenden, um die Eindringlinge aufzuspüren und auszuschalten“, erklärt Kovalenko. Stand Ende Juni würden sich etwa 150 russische Soldaten in Kostjantyniwka befinden.
Kostjantyniwka ist der südlichste von vier Schlüsselpunkten des Festungsgürtels, der die Region Donezk verteidigt. Hier ist der russische Druck am größten, weil Putin darauf besteht, das ganze Gebiet zu kontrollieren, bevor der Krieg beendet werden kann. Für die Front weiter nördlich, im Gebiet Charkiw, verkündete der russische Machthaber kürzlich einen angeblichen Erfolg: Seine Armee stehe weniger als fünf Kilometer vor Kupjansk – eine Stadt, die er schon im Dezember 2025 für erobert erklärt hatte.
Ukrainische Gegenangriffe
Hier und im benachbarten Kupjansk-Wuslowyj versuche Russland immer wieder Fuß zu fassen, analysiert Militärexperte Kovalenko. Bisher konnten sie aber keine Positionen sichern und erleiden „erhebliche Verluste“ durch die ukrainische Armee, die in Dworitschna, nördlich von Kupjansk zu Gegenangriffen übergegangen ist. „Entsprechend ist es für die Russen zunehmend schwierig geworden, gleichzeitig ihre Stellungen zu halten und zu versuchen, Kupjansk zu infiltrieren“, so Kovalenko.
Auch im Süden der Ukraine verstärken die Verteidiger ihre Gegenangriffe. Russland verliert an Boden. Lediglich rund um die Stadt Huljajpole setzten die Invasoren intensive Angriffe fort und dehnen ihren Einflussbereich aus. „Der Vormarsch ist aber rein taktischer Natur und auf einen kleinen Sektor von 15 Kilometern Länge begrenzt“, betont der Analyst. Entlang der Grenzen der Gebiete Saporischschja, Dnipropetrowsk und Donezk gebe es ebenfalls Gegenschläge der Ukraine, wodurch die russischen Truppen einzelne Stellungen verlieren. Kovalenko erwartet für den Sommer weitere ukrainische Rückeroberungen.
„Offensive praktisch gescheitert“
Im Gebiet Donezk bleibe die Lage zwar schwierig, insgesamt mache Russland aber keine Fortschritte: „Die russische Frühjahrsoffensive ist faktisch gescheitert, und die Sommeroffensive beginnt erfolglos“, fasst es Kovalenko zusammen. Während Putins Soldaten im Frühling und Sommer vergangenen Jahres jeden Monat um 450 bis 500 Quadratkilometer vorrückten, eroberten sie 2026 im Mai und Juni lediglich 81 Quadratkilometer. Das entspricht weniger als einem Fünftel der Fläche Wiens (415 km²).
Laut ukrainischem Generalstab verlor die russische Armee im gleichen Zeitraum mehr als 70.000 Soldaten, die getötet oder verwundet wurden. „Das ist eine der schlechtesten Verhältnisse von Verlusten zu minimalen Gebietsgewinnen auf dem Schlachtfeld“, so Militäranalyst Kovalenko.
Russland ist nicht mehr in der Lage, eine effektive Offensive durchzuführen.

Oleksandr Kovalenko, Militäranalyst der Gruppe „Information Resistance“
Bild: zVg
Drohnen stoppen Vormarsch
Seiner Ansicht nach befinden sich die moskautreuen Truppen in einer kritischen Lage, die durch die ukrainischen Angriffe auf die Nachschubrouten noch verschlimmert wird. Maßgeblich für das Scheitern der russischen Frühlingsoffensive seien Schläge mit Mittelstrecke-Kampfdrohnen, die eine Reichweite von etwa 200 Kilometern haben, gewesen. Großteils dank ukrainischer Drohnen sei der russische Vormarsch an vielen Frontabschnitten gestoppt und Russland „nicht mehr in der Lage, eine vollwertige, qualitativ hochwertige und effektive Offensive durchzuführen“.










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