Gewalt in Einrichtung

„Die Missstände waren der Regierung völlig egal!“

Tirol
11.06.2026 17:00

Die Landesgesellschaft TSD reagiert spät auf Attacken in der Notschlafstelle Innsbruck: Seit fast einem Jahr sind Probleme dokumentiert. Die Opposition nimmt Regierung in die Pflicht. 

In einer eilig einberufenen Pressekonferenz kündigte TSD-Geschäftsführer Florian Stolz erste Sofortmaßnahmen nach den langjährigen, massiven Sicherheitsdefiziten in der Notschlafstelle Innsbruck an – die „Krone“ berichtete.

„Dies sollte wohl den Eindruck vermitteln, die Lage sei im Griff. Nichts ist paletti, sie haben nichts im Griff“, nahm Liste-Fritz-Klubchef Markus Sint gestern dazu Stellung. Das beweise der jüngste Vorfall Mittwochnacht: „Ein Mitarbeiter wurde gewürgt, bis der Klient endlich vor die Tür gestellt werden konnte. Es kann nicht sein, dass in einer Landeseinrichtung, die jährlich 2,4 Millionen Euro Steuergeld erhält, solche Zustände herrschen“, klagte Sint und prangerte „Unfähigkeit des Geschäftsführers und Untätigkeit der Landesregierung“ an. Sie dürfe nun nicht länger wegschauen.

„Landesregierung ist in der Verantwortung“
Laut Sint herrsche in der Einrichtung „Gefahr im Verzug“: 100 Übergriffe seien seit 2025 dokumentiert – körperliche Angriffe mit Verletzungen, Anspucken, Morddrohungen und Beleidigungen. „TSD-GF Stolz weiß nachweislich seit August 2025 Bescheid. Mitarbeiter haben ihn schriftlich über die eskalierende Gewalt in der Landeseinrichtung informiert und konkrete Schutzmaßnahmen gefordert. Erst aufgrund des öffentlichen Drucks kündigt Stolz nun Maßnahmen zur Verbesserung an. Das ist zu wenig und viel zu spät“, sagt Sint, der auch die Landesregierung in die Pflicht nimmt: „Sie ist für die TSD verantwortlich, weil sie zu 100 Prozent dem Land Tirol gehört. LH Anton Mattle und LHStv. Philip Wohlgemuth tragen Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern, Klienten und Steuerzahlern.“

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Ich dachte mir schon, dass der TSD-U-Ausschuss ein Weckruf sein wird. Ich bin enttäuscht und entsetzt, dass jetzt solche Missstände zu Tage treten. 

Liste-Fritz-Klubchef Markus Sint

Dringlichkeitsantrag und Anfragen im Landtag
Die Notschlafstelle Schusterbergweg (NoSt) ist eine von drei in Tirol. Weitere befinden sich in Lienz und Kufstein, sie sind allerdings nur im Winter geöffnet. Neben der NoSt betreibt das Land noch den Notraum für Frauen und das Nikado für Suchtkranke und stellt dafür jährlich einen Millionenbetrag zur Verfügung. Deswegen gibt es auch eine Leistungsvereinbarung zwischen Land und TSD – die aber laut Sint nicht eingehalten wird. Das zeige sich am Personalmangel. „Die dauernde Unterbesetzung befeuert die Missstände weiter. Gleichzeitig kündigt TSD-Geschäftsführer Stolz Mitarbeiter ohne Angabe von Gründen“, kritisiert Sint und kündigt Landtagsinitiativen an.

„Stichwesten und Cams kein Schutz vor Angriffen“
Dass nun Stichschutzwesten und Bodycams die Lösung sein sollen, bezeichnet die Innsbrucker FPÖ als „Farce“. Das sei keine Garantie, vor Angriffen sicher zu sein. „Es hilft nur eine strenge Einlasskontrolle. Eine richtige Sicherheitsschleuse ist ein Muss. Nur so kann verhindert werden, dass Klienten bewaffnet hineinkommen“, sagt FP-GR Reini Happ. Weil LHStv. Wohlgemuth und TSD-GF Stolz bei einem Gespräch mit ihm Missstände als Übertreibungen weggewischt und keinerlei Handlungsbedarf gesehen haben, fordert die FP nun Rücktritte: „Man muss es so sagen, dass ihnen die Mitarbeiter bis jetzt völlig egal waren.“

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Wir sind entsetzt über die Zustände. Stichfeste Westen für Mitarbeiter sind kein Sicherheitskonzept, sondern ein Eingeständnis des Scheiterns.

DNI-Klubobfrau Birgit Winkel

„Sicherheitsschleuse jetzt, nicht erst beim Neubau“
Die jüngsten Aussagen der Geschäftsführung der Tiroler Sozialen Dienste (TSD) über die erschütternden Zustände für die Mitarbeitenden in der Innsbrucker Notschlafstelle lassen tief blicken“, kommentierten am Donnerstag DNI-Klubchefin Birgit Winkel und Ersatz-GR Renate Krammer-Stark die Entwicklungen: „Dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter künftig mit stichfesten Westen und stichfesten Handschuhen ausgestattet werden sollen, ist ein alarmierendes Zeichen und gleichzeitig die fassungslos machende Dokumentation des politischen Versagens der Verantwortlichen in TSD und Land.“ Bleibe nur zu hoffen, „dass jene Körperteile, die von den Westen nicht geschützt werden, nicht zum Ziel von Gewalt werden. Warum muss man auf eine Sicherheitsschleuse bis zum Neubau warten? Die Situation ist absurd und erschütternd zugleich.“

Kein Mehr an Sozialarbeit nötig? 
Deutliche Kritik an der personellen Ausstattung übt auch ALi-GR Mesut Onay: „Wenn der TSD-Geschäftsführer im Sinne des Koalitionsfriedens in der Landesregierung meint, es brauche kein Geld und keine zusätzliche Sozialarbeit, dann fehlt es hier offensichtlich an Sachlichkeit und Realitätsempfinden.“ 

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