Saxofonstar in Wien

Lakecia Benjamin, Phönix aus der Jazz-Asche

Kultur
12.06.2026 08:00

Mit ihrem neuen Album „We Dream“ im Gepäck kommt Lakecia Benjamin nach Wien – eine seltene Gelegenheit, die musikalische Alchemie der Saxofonistin live zu erleben: Sie verwandelt mit jedem Ton die Jazz-Tradition in sehr heutige Klänge und ihre persönliche Leidensgeschichte in unbändige Energie.

Manchmal ist sogar das unbedankte Nischendasein von Jazz für etwas gut: zum Beispiel, wenn man als junge New Yorker Saxofonistin mit Arbeit in anderen Musikgenres die Miete zahlen muss und so jahrelang von Kalibern wie Stevie Wonder, Prince, Missy Elliott, Alicia Keys und anderen mehr lernen kann, bevor man als dann schon mit allen Wassern gewaschene Musikerin und sechs Grammy-Nominierungen in den letzten drei Jahren die eigenen musikalischen Wurzeln umackert.

Tragödie in Triumph verwandelt
Pop und große Stadion-Konzerte hat Lakecia Benjamin schon 2020 hinter sich gelassen, als sie mit dem Album „The Coltranes“ zeigte, dass man die Ikonen John und Alice Coltrane am besten würdigt, wenn man nicht in Ehrfurcht vor ihnen erstarrt. Sie wäre danach wohl auch so schrittweise in die Jazz-Elite aufgestiegen. Das erledigte sie aber im Laufschritt. Verantwortlich dafür war zum Gutteil, dass ihr Leben 2021 am seidenen Faden hing.

Eine Woche nach der Präsentation ihres neuen Albums „We Dream“ im heimatlichen New York spielt ...
Eine Woche nach der Präsentation ihres neuen Albums „We Dream“ im heimatlichen New York spielt Lakecia Benjamin am Sonntagabend im Musikclub „Porgy & Bess“ in Wien.(Bild: Elisabeth Leitzell)

Gebrochene Rippen, ein gebrochenes Schulterblatt, ein gebrochener Kiefer und eine Gehirnblutung waren die bittere Bilanz eines Autounfalls, den Benjamin knapp überlebte. Ihrem seither umso lebensbejahenderem Naturell entsprechend kann sie heute darüber lachend erzählen, dass sie im Spital nicht einmal mehr den amtierenden Präsidenten der USA oder das Kalenderjahr nennen konnte, sondern nur noch Titel der Kompositionen von Saxofonist Charlie Parker.

Feuriger und gereifter denn je
Benjamin kämpfte sich trotz jahrelanger konstanter Schmerzen beim Spielen in Rekordtempo wieder zurück zu ihrer Form und verarbeitete die Erfahrung im Album mit dem treffenden Titel „Phoenix“, auf dem das Bewusstsein hörbar ist, dass jeder gespielte Ton der letzte sein könnte. Zugleich präsentierte sie sich als gereifte Künstlerin – immer noch mit dem für New York typischen „Hier werden keine Gefangenen gemacht“-Zugang zur Musik, aber von allen Überflüssigkeiten befreit.

In ihrer Mitte angekommen
Die neue Einspielung „We Dream“ zeigt, dass die 43-Jährige in ihrer Mitte angekommen ist: Die Dringlichkeit in jeder Note ist geblieben, aber inzwischen auch ein selbstsicherer Überblick über die vielen musikalischen Welten, die sie schon gesehen hat. Mit illustren Gaststars wechselt sie darauf mühelos von Jazz zu Funk zu Hip Hop. Passend zum Albumthema der Suche nach Hoffnung in dunklen Zeiten geht sich sogar eine versteckte Verneigung vor Marvin Gayes Politsoul-Klassiker „What‘s Going On?“ aus.

Das Wiener „Porgy & Bess“ hatte das Glück, am Sonntag, den 14. Juni, eine Lücke in Benjamins Tourplan durch mehrere europäische Jazzfestivals zu ergattern. Als Trostpflaster dafür, dass die Bundeshauptstadt seit Jahren kein Jazzfest mehr zusammenbringt, kann man die Musikerin mit ihrem Trio somit – inzwischen ausnahmsweise – in Klub-Atmosphäre erleben. Ein paar Stehplätze sind noch verfügbar, aber wie immer gibt es auch an diesem Abend den zuverlässigen Live-Stream aus der Riemergasse.

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