Sein Saxofon hatte er schon vor Jahren niederlegen müssen, trotzdem trifft die Nachricht vom Tod des US-Saxofonisten Sonny Rollins im Alter von 95 Jahren die Musikwelt schwer. Für den Bereich des Jazz galt er als „so bedeutend wie sonst höchstens nur Louis Armstrong“.
In „tiefer Trauer und inniger Liebe“ bestätigte das Umfeld von Walter Theodore Rollins, wie „Sonny“ mit bürgerlichem Namen hieß, Dienstagfrüh den Tod der Jazz-Legende. Der 95-Jährige starb am Sonntagnachmittag (Ortszeit) in seinem Haus in Woodstock im US-Bundesstaat New York. Begleitet wurde die Nachricht von einem Zitat Rollins‘, wonach das irdische Leben von kreativen Menschen nicht „das A und O von allem“ sei. Dieser Satz trifft auf wenige so zu wie Rollins, dessen Erbe unauslöschbar ist.
Der sanfte Riese
Den Titel „Saxofonkoloss“ trug Rollins zu Recht auf gleich mehrere Arten: In den Händen des 1,87 Meter großen Hünen sah das sonst durchaus gewichtig wirkende Tenorsaxofon wie ein Spielzeug aus. Und spielen konnte er es, was er schon 1956 auf dem – vom Cover bis zu jedem einzelnen Titel darauf – legendären Album „Saxophone Colossus“ unter Beweis stellte. Ihm selbst war das Attribut peinlich, was ihn nur umso besser beschreibt.
Dass Rollins von Jazzstar und Saxofonkollege Branford Marsalis als für die Musik „so bedeutend wie sonst höchstens nur Louis Armstrong“ eingestuft wurde, ist nicht übertrieben. Für Hörer mögen andere bedeutender sein. Aber auch Trompeter Miles Davis, dessen 100. Geburtstags nur einen Tag vor Rollins‘ Tod gedacht wurde, wäre ohne Rollins wohl nicht der geworden, als der er heute verehrt wird. John Coltrane, dessen 100er im September ansteht, auch nicht. Und auch sonst niemand, der heute Jazz spielt.
Wegweiser für die Ewigkeit
Mit Davis und Coltrane war Rollins als „der junge Gott“ (Davis) Teil der New Yorker Jazz-Elite der frühen 1950er: Heroinabhängig zu sein und das zu romantisieren, gehörte dazu. Sich durch das In-Grund-und-Boden-Spielen von Kollegen zu definieren ebenso – kombiniert mit Verachtung für alle, die nicht „hip“ waren. Es war Rollins, der als erster aus all dem ausstieg und noch 60 weitere Jahre, bis er 2014 wegen Lungenfibrose das Saxofonspiel beenden musste, Dinge als erster anders als alle anderen machte.
Rollins spielte Musik von Country-Songs bis zu – anonymen – Soli für die Rolling Stones („Tattoo You“), um die Jazz-typische Verachtung anderer Musik-Genres zu durchbrechen. Er definierte das Jazz-Trio ohne Klavier neu. Er beschritt lange vor Coltrane Wege zu Religion und Philosophie, all das stets in nachdenklicher freundlicher Bescheidenheit statt mit dem damals – und teils auch heute noch – üblichen rotzigen Machismo. Auf den von Rollins freigeschlagenen Pfaden folgten ihm seither Legionen, aber niemand so kompromisslos. Nicht umsonst befand US-Präsident Barack Obama, Rollins habe ihn zu Risiken inspiriert, die er sich sonst nicht zugetraut hätte.
(K)ein Heiliger auf der Brücke
Als Rollins 1959 schon vielbeschäftigter Jazzstar war, verschwand er plötzlich. Gerüchte über Drogen-Rückfall und Tod machten die Runde. In Wahrheit verbrachte er drei Jahre bei jedem Wetter auf der New Yorker Williamsburg Bridge, um dort zu üben. Die Jazzwelt strickte daraus eine Art Heiligenlegende. Rollins‘ eigene Erklärung war weit prosaischer und zeigte doch zugleich die Essenz seiner Überzeugung, dass ernsthafte Arbeit an der Kunst und menschliche Demut einander bedingen: Er habe einfach beschlossen, dass seine Zuhörer neue musikalische Ideen verdient hätten – aber das Neugeborene seiner Nachbarn nicht gestört werden sollte.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.