Martyrium nach Unfall

13 Jahre Kampf: Marcel sieht nur noch eine Option

Persönlich
31.05.2026 06:45

Ein furchtbarer Unfall. Ein Leben im Rollstuhl. Extreme Schmerzen. 13 Jahre lang hat Marcel (*) durchgehalten. Ende April wendet er sich an die „Krone“. Er wird bald sterben, aber vorher will er noch seine Geschichte erzählen.

„Er wird im Juni in den Freitod gehen. Der medizinische Prozess dazu wird Ende Mai eingeleitet werden. Bitte hören Sie sich seine Geschichte an.“

Dieses Mail einer Verbindungsperson zu Marcel (*Name von der Redaktion geändert) landete Ende April in meinem Postfach. Begleiteter Suizid also, dachte ich und musste sofort an Niki Glattauer denken. Auch er hatte sich für eine Sterbeverfügung und einen assistierten Suizid entschieden – wie 98 weitere Personen im Jahr 2023, Tendenz steigend.

Der Fall Glattauer löste eine ethische Debatte aus
Nach der Veröffentlichung eines Interviews mit dem bekannten Lehrer und Journalisten (er arbeitete auch acht Jahre lang für die „Krone“) entbrannte in Österreich eine ethische Debatte – bei Berichterstattung über Suizid ist laut Punkt 12 im Ehrenkodex für die österreichische Presse „große Zurückhaltung geboten. Verantwortungsvoller Journalismus verzichtet – auch wegen der Gefahr der Nachahmung – auf überschießende Berichterstattung.“

Assistierter Suizid ist jedoch in Österreich seit 2022 erlaubt. Somit ist Berichterstattung darüber eine Form der Auseinandersetzung mit einer vom Gesetz vorgesehenen Form der Sterbehilfe. Das Recht darauf sollte, so fanden wir in der „Krone“, nicht nur für Prominente gelten, sondern auch für Marcel.

Rückgrat von Maschine durchtrennt
Seine Geschichte beginnt an einem Frühlingstag im Jahr 2013 in einem Betrieb der metallverarbeitenden Industrie. Marcel ist Mitte 20, er arbeitet dort an einer Verseilmaschine. Als er sich vorbeugt, um Metallspäne wegzublasen, erfasst die Maschine seine Jacke und zieht ihn zwischen die Stahlseile. Sein Rückgrat wird durchtrennt, neben der Querschnittslähmung erleidet er auch schwere innere Verletzungen. Nieren, Leber und Zwerchfell sind zerfetzt, am Oberkörper hat die Maschine seine Haut samt Brustwarze weggerissen. Das alles erlebt Marcel bei vollem Bewusstsein.

Der Niederösterreicher sitzt seither im Rollstuhl, im Februar waren es 13 Jahre. Die Sicherheitsvorkehrungen für die Maschinen an seinem ehemaligen Arbeitsplatz wurden nach dem schrecklichen Unfall massiv angehoben. Für Marcel kamen diese Maßnahmen zu spät. Er leidet bis heute unter extremen Schmerzen, nur seine Arme kann er halbwegs benutzen. Krampfartige Zuckungen der gefühllosen Beine zerren auch an den gelähmten inneren Organen. Marcel benötigt einen Katheter für die Blasenentleerung, muss sich an strikte Zeiten für die Darmentleerung halten.

Marcels Drama passiert tausendfach in Österreich
Lange Zeit wechseln sich gute und schlechte Phasen ab. Dann werden die schlechten Phasen immer länger. Vor dem Haus steht zwar noch das umgebaute Auto, aber er kann nicht mehr damit fahren. Vor der Terrasse steht sein Rollstuhl, aber er schafft es kaum noch hinein. Marcel verbringt seine Tage vor einem Riesen-Flatscreen, bei anonymen Computerspielen hat er sogar einige neue Freunde gefunden. Sie wissen nicht, dass er sich nicht bewegen kann.

Sein Spielraum wird immer kleiner. Vor zwei Jahren gesteht sich Marcel ein, dass er so nicht mehr leben kann.

Halbwegs erträgliches Weiterleben mit Cannabis
Marcels Geschichte ist auch eine Geschichte über medizinisches Cannabis, das in Österreich nur eingeschränkt verfügbar ist. Patientenorganisationen kritisieren, dass der Zugang zu cannabisbasierter Therapie zu eng, zu teuer und schwer durchschaubar sei. Im Gegensatz zu unseren Nachbarländern gibt es keine umfassende Regelung für medizinische Cannabisblüten aus der Apotheke.

Marcel kommt während seiner Reha mit Cannabis in Berührung. Damals hat ihn ein wund gelegener Rücken für viele Monate ans Bett gefesselt. Er konnte kaum noch essen, magerte stark ab. Extreme Schmerzen hielten ihn auch nachts wach. Eines Tages fragt ihn der Pfleger, ob er Cannabis kenne. Marcel bejaht, er hatte es als Jugendlicher fallweise geraucht.

Verein „Arge Canna“

Die „Arge Canna“ fordert einen sachlichen, medizinisch fundierten Umgang mit Cannabis. Im Mittelpunkt stehen Patientenschutz, ärztliche Begleitung, leistbarer Zugang und Recht auf Sicherheit für Menschen, die Cannabis aus medizinischen Gründen nutzen. Der Verein ist gemeinnützig, nicht profitorientiert und daher auf Spenden angewiesen.

Bezeichnung: ARGE CANNA
IBAN: AT874666010000011013
BIC/SWIFT-Code: SVIEAT21XXX

Dass er davon auch als Patient profitieren könnte, ist ihm damals nicht bewusst. Er beginnt, Joints zu rauchen, und erzählt, dass seine Krämpfe in den Beinen fast schlagartig aufhörten. Dass er wieder Appetit bekam, dass sein Lebenswille zurückkehrte. Er spricht von einem „halbwegs erträglichen Weiterleben“. Sogar die Arbeit an seinem ehemaligen Arbeitsplatz kann er wieder aufnehmen – im Rollstuhl und stark eingeschränkt. Die Türen, so versicherte ihm sein Arbeitgeber, stünden für ihn immer weit offen.

Es folgt ein Kapitel, das von Drogenfahndung, Strafverfolgung und einer Anklage handelt. Marcel hatte sich Cannabis zunächst am Schwarzmarkt besorgt und dann selbst zu Hause angebaut – für den Eigenbedarf und zur Linderung seiner Schmerzen. Er stellte aus den Pflanzen Cannabis-Öl her, das er inhalierte und so eine noch stärkere und anhaltende Wirkung gegen seine Schmerzen erzielte.

Dass er dafür strafrechtlich verfolgt wurde, hält er für „unwürdig“ und plädiert dafür, natürliche Cannabis-Blüten in Österreich für Schwerkranke zugänglich zu machen. Unterstützt wird er von der „Arge Canna“, einem gemeinnützigen, auf Spenden angewiesenen Verein, der Menschen unterstützt, die Cannabis-Medikation anwenden.

Die Rechtslage in Österreich

Gesetz: Assistierter Suizid ist in Österreich seit 2022 erlaubt. Für die Beantragung einer Sterbeverfügung muss die betroffene Person an einer unheilbaren, zum Tod führenden Krankheit oder an einer schweren, dauerhaften Krankheit mit anhaltenden Symptomen leiden. Zwei Ärzte, einer davon mit palliativ medizinischer Qualifikation, müssen Aufklärung leisten. Die Verfügung ist schriftlich bei Notar oder Patientenvertretung zu errichten.

Statistik: Jährlich nehmen sich in Österreich mehr als dreimal so viele Menschen das Leben wie durch Verkehrsunfälle tödlich verunglücken. Im Jahr 2023 waren es 1.212 Personen, davon 98 assistierte Suizide, 54 bei Frauen und 44 bei Männern.

Hilfe: Infos zu Suizidgedanken bei Depression, Warnsignalen und akute Hilfe:

Telefonseelsorge Tel.: 142, tägl. 0-24 Uhr www.telefonseelsorge.at

 www.kriseninterventionszentrum.at Tel: 01 406 95 95

 www.suizid-praevention.at (24-h-Hilfe)

Marcel wird schließlich Dronabinol verschrieben, eines der wenigen Cannabis-Medikamente, die in Österreich erlaubt sind. Es hilft ihm weit weniger als das natürliche Cannabis, ist (nicht nur für den Patienten, sondern auch für den Staat) viel teurer und schädigt nachweislich die Leber.

Seit Ende des letzten Jahres kann Marcel nicht mehr arbeiten. Der Aufgabe, sich mit den für ihn lebensnotwendigen Cannabisblüten zu versorgen, sieht er sich nicht mehr gewachsen. Außerdem hätte er zuletzt einen künstlichen Darm-Seitenausgang bekommen müssen. Das war für ihn immer eine Grenze, über die er nicht gehen wollte. Ein Versuch, seinem Leben ein Ende zu setzen, scheitert. Er kommt danach auf die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses und erzählt dem Psychiater von seiner für ihn ausweglosen Situation, davon, dass er keine andere Option mehr sieht. Und erfährt von diesem Mediziner, dass es in Österreich für Patienten, die schwer oder unheilbar krank sind, die Möglichkeit des assistierten Suizides gibt. Auf seine Frage, ob er verstehen würde, wenn er diese Möglichkeit in Anspruch nimmt, antwortet der Psychiater mit „Ja“.

Das Interview mit Marcel erscheint nach seinem Tod
Ich habe Marcel zwei Mal zu Hause besucht und mir seine Geschichte angehört. Unsere Gespräche drehten sich um Patientenrechte und Menschenwürde, um Glück und Leid, auch um das Leid der Angehörigen und Freunde. Um das Leben und das Sterben, um ein Drama, das in Österreich tausendfach passiert.

Wir respektieren Marcels ausdrücklichen Wunsch, dass das Interview erst nach seinem Tod erscheinen soll.

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