„Sniper“ als Zeuge

Angeklagte will ihren Ex nicht verletzt haben

Vorarlberg
19.08.2026 18:15
Porträt von Chantal Dorn
Von Chantal Dorn

Wegen schwerer Körperverletzung muss sich seit Mittwoch eine 53-jährige Frühpensionistin aus Vorarlberg vor Gericht verantworten. Sie soll ihren damaligen Lebensgefährten mit einem Messer attackiert haben.

„Er hat sich die Schnittverletzungen selbst zugefügt!“ Mit dieser entschlossenen Aussage verteidigte sich eine 53-jährige Frühpensionistin am Mittwoch aus Vorarlberg vor dem Landesgericht Feldkirch. Der Vorwurf gegen sie wiegt schwer: schwere Körperverletzung und Sachbeschädigung. Sie soll ihrem damaligen Lebensgefährten mit einem Messer mehrere Schnittwunden am linken Unterarm zugefügt haben. Doch die Frau, die sich gleich zu Prozessbeginn für nicht schuldig erklärt, zeichnet ein völlig anderes Bild: jenes einer Frau in ständiger Angst. Ihr Verteidiger wird deutlich: „Meine Mandantin war Opfer schwerster Straftaten.“ Mehrfach habe sie den Mann bereits wegen Körperverletzung angezeigt.

Die aktuelle Anzeige gegen sie sei nichts anderes als eine Retourkutsche. Auf Nachfrage von Richter Theo Rümmele bleibt die Angeklagte dabei: „Nein, er hat sich die Schnittverletzungen selbst zugefügt.“ Ihre Schilderung des Tatabends wirken wie ein Psychothriller: Ein Dezemberabend, zunächst harmlos. Dann kontrolliert er plötzlich ihr Handy, macht sich über ihre Borderline-Erkrankung lustig – und ritzt sich schließlich selbst mit dem Küchenmesser in den Unterarm. Sein zynischer Kommentar, wie sie erzählt: „Schau, das kann ich auch. Das zeige ich jetzt der Polizei und zeig dich an.“ Noch am selben Abend ruft sie die Polizei.

„Er war Sniper in Russland“
Die nackte Angst der Frau wird im Saal spürbar. „Wissen Sie, Herr Richter, ich hätte ihn gar nicht attackieren können, weil ich gar keine Chance gehabt hätte. Sonst wäre ich wieder im Krankenhaus gelandet“, sagt sie. Einmal habe er sie so brutal geschlagen, dass sie mit blauem Auge und Hirnblutung im Spital gelandet sei. Besonders erschütternd ihre Worte über seine Vergangenheit: „Er war Sniper in Lettland und Russland und hat oft zu mir gesagt, dass er einen Menschen mit einem Finger umbringen könne.“

Dann betritt der Ex-Lebensgefährte entschlossenen Schrittes und mit eiskaltem Blick den Gerichtssaal. Breitbeinig, Arme verschränkt, sitzt er als Zeuge vor dem Richter – ein Mann, bei dem schnell klar wird: Mit ihm ist nicht gut Kirschen essen. Bei der Polizei hatte er noch ausgesagt, die Angeklagte habe ihm die Schnitte zugefügt, er habe nur stillgehalten. Doch vor Gericht dann die Überraschung: Der Lette versteht plötzlich kaum noch Deutsch und verlangt einen Dolmetscher – „entweder für Lettisch oder Russisch“. Die Einvernahme platzt. Der Prozess muss auf Oktober vertagt werden.

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