Der Fall Marcel bewegt

Schmerzexpertin: „Ist ein fehlgeleiteter Patient“

Österreich
02.06.2026 05:30

Die Leidensgeschichte von Marcel, der nach einem Arbeitsunfall im Rollstuhl sitzt und seine extremen Schmerzen nur mit der (in Österreich verbotenen) Cannabisblüte lindern konnte, bewegt auch Schulmediziner. Prof. Sabine Sator, Schmerzexpertin an der MedUni Wien, über den tragischen Fall.

„Krone“: Frau Professor, was war Ihr erster Gedanke, als Sie die Leidensgeschichte von Marcel gelesen haben? 
Prof. Sabine Sator: Es tut mir leid, weil es für mich nicht notwendig erscheint, dass ein Patient so verzweifelt ist, dass er an diesen Punkt kommt. In Wien-Hietzing gibt es beispielsweise eine neurologische Abteilung für Spastik-Patienten mit Querschnitt, genauso am Weißen Hof, auch hier am AKH haben wir eine spezielle Einrichtung für Querschnittspatienten. Für die Behandlung solcher Fälle braucht es multimodale Programme, je früher, desto besser. Das kann nicht vom Hausarzt alleine geführt werden.

Marcel beklagt, dass er natürliches Cannabis, das ihm am meisten gegen seine chronischen Schmerzen geholfen hat, nicht bekommen hat. Was ist da Ihre Expertise? 
Es gibt schon Cannabispräparate, gerade für seine Spastizität, die auch von der Krankenkasse bezahlt werden. „Sativex“ zum Beispiel, eine Kombination von Dronabinol und Cannabidiol. Der Patient raucht ja auch Cannabis, habe ich gelesen. Aber Rauchen ist kein Schmerzmittel, sondern lediglich eine kognitive Distanzierung. Hier sieht man, dass es ein fehlgeleiteter Patient ist.

Prof. Sabine Sator ist Leiterin der klinischen Abteilung für Schmerzmedizin an der MedUni Wien.
Prof. Sabine Sator ist Leiterin der klinischen Abteilung für Schmerzmedizin an der MedUni Wien.(Bild: Meduni Wien/feel image – Fotografie)

Hätte ihm die Schulmedizin helfen können? 
Ja. Mit antineuropathischer Medikation, kontinuierlicher Bewegungstherapie, mit antispastischer Medikation. Es gibt auch die „Baclofen“-Pumpe, die wir implantieren, wenn es mit dem Neurologen abgestimmt ist. Und wenn „Sativex“ nicht ausreicht, gibt es auch die Möglichkeit, Substanzen mit höherem Cannabidiol-Anteil anfertigen zu lassen. Bei schweren therapiefraktären Therapie-Optionen trägt die Kosten dafür auch die Krankenkasse. Gerade deshalb wäre es notwendig, solche Patienten adäquat in Zentren aufzufangen, wo alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, auch kognitive Therapien wie Hypnose oder Verhaltenstherapie.

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Das Rauchen von Cannabis ist kein Schmerzmittel, sondern lediglich eine kognitive Distanzierung.

Schmerztherapeutin Sabine Sator

Marcel wird jetzt, in den letzten Wochen seines Lebens, mit Morphium behandelt, das ihn sehr müde und antriebslos macht. 
Sicher macht ihn das müde. Opiate sind in diesem Fall auch nicht indiziert, weil sie nicht gegen die Spastik helfen. Er braucht antispastische, antineuropathische Medikation. Wie gesagt, so ein Patient sollte in einer Maximaleinrichtung vorgestellt werden. Wir haben so viele spastische Patienten oder Querschnittpatienten mit Hochquerschnitt, die nur schlucken  und atmen können, und die dennoch auf ihre Weise eine Lebensqualität gefunden haben.

Die Rechtslage in Österreich

Gesetz: Assistierter Suizid ist in Österreich seit 2022 erlaubt. Für die Beantragung einer Sterbeverfügung muss die betroffene Person an einer unheilbaren, zum Tod führenden Krankheit oder an einer schweren, dauerhaften Krankheit mit anhaltenden Symptomen leiden. Zwei Ärzte, einer davon mit palliativ medizinischer Qualifikation, müssen Aufklärung leisten. Die Verfügung ist schriftlich bei Notar oder Patientenvertretung zu errichten.

Statistik: Jährlich nehmen sich in Österreich mehr als dreimal so viele Menschen das Leben, wie durch Verkehrsunfälle tödlich verunglücken. Im Jahr 2023 waren es 1212 Personen, davon 98 assistierte Suizide, 54 bei Frauen und 44 bei Männern.

Hilfe: Infos zu Suizidgedanken bei Depression, Warnsignalen und akute Hilfe:

Telefonseelsorge Tel.: 142, tägl. 0-24 Uhr www.telefonseelsorge.at

www.kriseninterventionszentrum.at Tel: 01 406 95 95

www.suizid-praevention.at (24-h-Hilfe)

Was ist das für eine Lebensqualität, wenn man nur noch liegen und sprechen kann und alles andere funktioniert nicht mehr? 
Lebensqualität definiert jeder für sich selbst. Das hängt von vielen Faktoren ab. Familie, soziale und psychische Situation, medizinische Betreuung. Das kann kein Außenstehender beurteilen. Es gibt auch viele Beispiele, bei denen Querschnittgelähmte ihr Leben in die Hand nehmen und sich neu definieren.

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Ich wünsche ihm alles Gute. Er könnte sich gerne noch an meine Abteilung und mich wenden. 

Was die AKH-Ärztin Marcel noch sagen will

Marcel hat sich zu einem begleiteten Suizid entschlossen. Was möchten Sie ihm sagen? 
Er hat seinen Weg entschieden. Ich wünsche ihm alles Gute und er könnte sich gerne noch an meine Abteilung und mich wenden. Als Medizinerin und als Ethikerin sehe ich die ganze Problematik nämlich ein bisschen anders. Ich glaube nicht, dass bei ihm alle Therapieoptionen ausgeschöpft wurden.

Würden Sie sich wünschen, dass er sich noch meldet? 
Ja, obwohl es jetzt relativ spät ist. Dennoch könnte man gewisse Therapieoptionen noch ausprobieren. Mir tut am meisten leid, dass er nach seinem Arbeitsunfall nicht sofort an ein Spezialzentrum gekommen ist, das ihn mit der optimalen Therapie hätte versorgen können. Dann wäre es vielleicht gar nicht so weit gekommen, dass seine Situation immer schlechter und schlechter geworden ist.

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