Sie will aufräumen

Kandidatin Totzauer: ORF in 3 Krisen gleichzeitig

Innenpolitik
28.05.2026 20:00

Mit dem heutigen Tag endet die Bewerbungsfrist für den neuen ORF-Generaldirektor. Etliche Kandidaten gaben ihre Bewerbung ab, darunter Favorit APA-CEO Clemens Pig. ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer hat sich schon vergangene Woche aus der Deckung gewagt. Die „Krone“ hat mit ihr über Seilschaften im Öffentlich-Rechtlichen und die vielen Baustellen am Küniglberg gesprochen.

„Krone“: Sie haben sich schon beim letzten Mal beworben. Warum versuchen Sie es noch einmal?
Lisa Totzauer: Ich habe schon bei meiner Kandidatur 2021 auf Transparenz, Unabhängigkeit und digitale Transformation gesetzt. Die Probleme waren real, sind nicht verschwunden und sie sind eskaliert. Ich bringe jetzt 5 weitere Jahre Führungserfahrung mit. Ich bin stärker geworden, klüger und innerlich gereifter.

Alle Beobachter gehen davon aus, dass der nächste Generaldirektor schon feststeht. Glauben Sie, dass es eine faire und transparente Wahl sein wird?
Ich bewerbe mich nicht auf Basis von Gerüchten, sondern auf Basis eines Konzepts. Ob die Wahl fair ist, liegt nicht an mir, das liegt an denen, die sie ausführen. Was ich sagen kann: Wenn das Ergebnis vor der Entscheidung feststeht, dann ist das kein Auswahlverfahren. Das ist ein Problem für den ORF, für die Demokratie, für das Vertrauen der Menschen in Institutionen. Ich stelle mich nicht trotzdem, sondern gerade deshalb. Weil eine es tun muss.

Was läuft im ORF falsch? 
Es drängt sich fast die Frage auf, was läuft nicht falsch? Die engagierten Mitarbeiter, die sich täglich bemühen, das beste Programm zu machen, sind genauso empört wie das Publikum und ich über die Skandale. Und manche haben vergessen, dass der ORF der Bevölkerung gehört, nicht der Politik, nicht dem Management. Den Menschen, die jeden Monat 15,30 Euro bezahlen, sie sind unsere Eigentümer. Und sie merken, wenn man sie vergisst.
Darüber hinaus erleben wir drei Krisen gleichzeitig, und das ist das Gefährliche: Das Publikum altert, der Wettbewerb durch internationale Plattformen wächst, und das Vertrauen bröckelt. Das ist keine Konjunkturschwäche, das ist ein Systemversagen.

Am Küniglberg ist Feuer am Dach.
Am Küniglberg ist Feuer am Dach.(Bild: APA/HARALD SCHNEIDER)

Denken Sie, dass die Politik jemals bereit sein wird, den ORF tatsächlich aus ihrem Würgegriff zu entlassen?
Bereitschaft ist das falsche Wort. Die Politik entlässt den ORF nicht aus Großzügigkeit, sie tut es, wenn Strukturen es ihr unmöglich machen, sich einzumischen. Unabhängigkeit ist keine Haltung. Sie ist eine Struktur. Wer auf guten Willen wartet, wartet ewig. Ich baue lieber Sicherungen ein.

Hatten Sie im Zuge der Ausschreibung Kontakt zu Politikern, um sich in Stellung zu bringen?
Ich habe in dreißig Jahren ORF mit allen gesprochen, das ist mein Job. Was ich nicht getan habe und nicht tun werde: Versprechen machen, die mich meine Unabhängigkeit kosten. Jeder weiß, dass das, was ich sage, auch das ist, was ich tue. Das ist nicht Sturheit, das ist Verlässlichkeit.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
Gut. Ich habe das stärkste Konzept, die längste Erfahrung und den klarsten Plan. Ich weiß nicht nur, was gemacht werden muss – sondern auch wie. Das kann man nicht simulieren. Und das Publikum spürt den Unterschied zwischen jemandem, der über den ORF redet, und jemandem, der ihn kennt und sein Publikum spürt. Ich kandidiere nicht, um dabei zu sein. Ich kandidiere, um zu gewinnen und um zu liefern.

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Seilschaften gibt es. Sie funktionieren nach denselben Regeln: Loyalität über Leistung, Netzwerk über Kompetenz.

Lisa Totzauer

Gibt es Männerseilschaften im ORF? Und haben es Frauen schwer in diesem Unternehmen?
Seilschaften gibt es. Die sind nicht immer männlich, aber sie funktionieren nach denselben Regeln: Loyalität über Leistung, Netzwerk über Kompetenz. Das ist das eigentliche Problem. Und ja, Frauen stoßen früher an diese Decke. Dieses Problem wird es mit mir nicht mehr geben.

Ist die Unternehmenskultur schlimmer als woanders?
Nicht schlimmer, aber auch nicht besser, obwohl sie es sein müsste. Der ORF hat einen öffentlichen Auftrag. Das bedeutet: höhere Standards, nicht niedrigere. Eine Kultur, in der politische Einflussnahme normalisiert ist, in der Whistleblower keine Rückendeckung haben, in der Intransparenz als Selbstschutz gilt, das ist nicht hinnehmbar für ein Unternehmen, das vom Vertrauen der Öffentlichkeit lebt.

Breitenecker, Thurnher und Pig
Breitenecker, Thurnher und Pig(Bild: Christof Birbaumer)

Wie wollten Sie dieses Unternehmen wieder auf Vordermann bringen?
Mit einem konkreten Plan, nicht mit Sonntagsreden. Strukturen entrümpeln, Doppelstrukturen abbauen, „ORF On“ zur zentralen Plattform machen. Neue Erlöse durch Koproduktionen. Jeder Euro gehört der Öffentlichkeit, und sie soll sehen, wie er eingesetzt wird. Und: Inhalt vor Kanal. Weg vom Silodenken, hin zu einer Organisation, die sich fragt: Was braucht Österreich und wie liefern wir es am besten?

Hat sich der ORF von seinen Zusehern und Zuhörern entfernt?
Ja. Und das ist die ehrlichste Antwort, die ich geben kann. Die 12- bis 29-Jährigen sind nicht weg, sie sind auf anderen Plattformen. Weil der ORF zu lange gewartet hat, dorthin zu gehen, wo sie sind. Das Dok1 Handyexperiment hat gezeigt: Junge Menschen sind für öffentlich-rechtliche Inhalte begeisterungsfähig, wenn man sie ernst nimmt. Das Alleinstellungsmerkmal des ORF ist, was keine Plattform der Welt replizieren kann: Österreich erzählen. Starke Regionen, heimische Inhalte, unabhängige Information. Das ist das Versprechen. Das müssen wir wieder einlösen.

Wie gehen Sie mit politischen Interventionen um bzw. Werden als GD damit umgehen?
Ich habe dreißig Jahre damit Erfahrung. Ich weiß, wie sie funktionieren, wie sie klingen und wie man nein sagt. Als Generaldirektorin ist die Antwort dieselbe, nur mit mehr Rückendeckung: durch Regeln, nicht durch guten Willen.

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