US-Choreografin Jessica Lang zeigt in der Volksoper Wien ab Samstag ihr Ballett über Pergolesis „Stabat Mater“ als Finale des vierteiligen Abends „American Signatures“. Ein Interview über Schmerz, die Sprache der Seele und Empathie.
Das „Stabat Mater“ von Pergolesi begleitet Jessica Lang seit mehr als zwei Jahrzehnten. Drei der zwölf Teile des eindringlichen sakralen Barockstücks hat die US-Choreografin bereits früh vertanzt, 2013 entstand daraus eine komplette Ballett-Oper, 2020 ein reiner Tanz-Abend.
Für die Produktion „American Signatures“ an der Volksoper hat Lang, die heuer bereits die Eröffnung des Opernballs choreografiert hat, ihre Pergolesi-Arbeit noch einmal adaptiert und mit dem Staatsballett neu einstudiert.
Mittelalterliches Schmerzensgedicht
Das „Stabat Mater“, nach einem mittelalterlichen Gedicht, erzählt eine schmerzvolle Geschichte. Im Zentrum steht die Gottesmutter, die weinend unter dem Kreuz ihren Sohn Jesu betrauert. 40 Minuten lang kreisen Text und Musik hochemotional um heilige Wunden und Tränen, tiefe Pein und Vergebung.
Lang sieht in dem Orchesterwerk für zwei Singstimmen ein „absolut universelles Gebet, in dem es darum geht, Schmerz nicht nur zu bedauern, sondern selbst nachzuempfinden“, wie sie im Interview erzählt. „Es ist ein Menschheitsstück: Der gesamte Bogen des Balletts dreht sich um Empathie.“
Auch die Geschichte, die Lang erzählt, ist universell: „Wir sehen nicht einfach Jesus oder Maria auf der Bühne, sondern erkennen, dass wir alle Teil dieses größeren Ganzen sind. Jeder ist die Mutter, jeder der Sohn, alle empfinden diese Empathie.
Schmerz als lehrreicher Teil des irdischen Daseins
„Let Me Mingle Tears With Thee“, (Lass mich Tränen mit Dir vergießen) hat Jessica Lang ihr Ballett betitelt und zitiert damit eine Zeile aus Pergolesis 1736 entstandenem Werk.
Was will die Choreografin mit diesem Stück bewirken in einer Zeit, die versucht, Schmerz möglichst auszuradieren oder gar nicht zuzulassen? „Es hilft uns zu verstehen, was Schmerz ist – egal welcher Art. Denn so sehr wir das Glück und die schönen Momente im Leben lieben: Der Schmerz lehrt uns mehr als die Momente der Freude: dass unsere Herzen groß sind, dass wir Menschen widerstandsfähig sind, dass wir vergeben können, tieferes Verständnis entwickeln.“
Tanz als „Seele in Aktion“
Der Tanz – als „Seele in Aktion, ausgedrückt durch den Körper“ – und auch die menschliche Stimme sind für Jessica Lang ideal für diese Menschheitsthemen: „Da gibt kein äußeres Instrument, der Mensch selbst ist hier das Ausdrucksmittel. Beides beruht auf dem Atem, auf der Körpermitte“.
Was sie mit ihrer Tanzsprache ausdrücken will? „Mein Ballett hat einen klassischen Look, wirkt aber gleichzeitig modern. Keine unnatürlichen Tutus, eher wie der Besuch eines Museums oder einer Kirche. Man sieht die Qualität der Stoffe und spürt sofort die Gemeinschaft.“
Info: “American Signatures“ ab 9.5. an der Volksoper Wien. Neben „Stabat Mater“ sind drei weitere Ballette von Jerome Robbins, Pam Tanowitz und Lar Lubovitch zu sehen.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.