Simon Phillips gehört zu den vielleicht bekanntesten Musikern der Welt, die ein angenehmes Dasein in der Anonymität leben. Er spielte für die größten Acts der Jazz- und Rockhistorie und kommt mit seinem eigenen Projekt Protocol nach Wien. Ein Gespräch über große Namen, den Status eine Session-Drummers und der Erfindung eines Heavy-Metal-Drumstils.
Egal ob Jazz, Fusion, Rock oder Heavy Metal – Simon Phillips spielt all diese Stile im Schlaf herunter. Der 69-Jährige ist einer der profiliertesten und beliebtesten Schlagzeuger der internationalen Musikbranche und die Acts, mit denen und für die er sich auf seinen Schemmel setzte, lesen sich wie das „Who Is Who“ der Musikhistorie. Mick Jagger, Toto, Judas Priest, The Who, Gary Moore, Michael Schenker, Jon Lord, Mike Oldfield, Tears For Fears, 10cc, Mike Rutherford und die Chemical Brothers sind nur ein besserer Auszug aus der Vita des gebürtigen Londoners, der als Zwölfjähriger in der Dixieland-Band seines Vaters in seinen Beruf rutschte. Wiewohl sein Engagement bei den britischen Heavy-Metal-Legenden Judas Priest sich auf das Album „Sin After Sin“ (1977) beschränkt, leistete er dort Herausragendes. Mit seinem Doublebass-Drumming, etwa auf dem Song „Dissident Aggressor“, revolutionierte er das Schlagzeugspiel in einem ganzen Genre und bereitete den Boden für harsche, an den späteren Thrash Metal angelehnte, Attacken.
Herzensmusik kennt kein Genre
Er spielte auf den Solo-Debütalben von Schenker und ex-Genesis-Mitglied Rutherford, war 1989 bei der amerikanischen Reunion-Tour für die The Who die Person ihres Vertrauens und dann auch noch auf den Soloalben von Sänger Roger Daltrey und Gitarrist Pete Townshend. Nach dem Tod von Jeff Porcaro war er von 1992 bis 2014 Drummer der kultigen Toto, sein freilich größter Karrierewurf. Doch hinter all den großen Namen und famosen Session-Möglichkeiten gründete er schon 1989 sein Projekt Protocol, in dem er sich bis heute musikalisch ausleben kann. Erst dieses Jahr erschien das sechste Album der progressiven Jazz-Combo, die außerdem aus Bassist Ernest Tibbs (Allan Holdsworth), Keyboarder Otmaro Ruiz (John McLaughlin), Gitarrist Alex Sill und Saxofonist Phillip Whack besteht. Dort ist Phillips Herzensmusik verankert, mit der er auch froh durch die Lande tingelt und dabei nun etwa auch im Wiener Porgy & Bess Station macht.
„Jedes Album von Protocol ist als Fortschritt anzusehen, wobei es nicht zwingend darum geht, sich musikalisch zu verändern“, so Phillips im „Krone“-Talk, „Ende der 80er habe ich viel Fusion und Rock’n’Roll gespielt, ich bin ein großer Fan von Weather Report und dem Mahavishnu Orchestra. Ich konnte von so vielen Großen lernen und war auch immer willig das zu tun. Deshalb hat es mich musikalisch früh in alle Richtungen verschlagen.“ Mit der legendären österreichischen Jazz-Größe Joe Zawinul hätte Phillips in Weather Report gerne zusammengearbeitet. „Mit Joe zu spielen wäre eine Ehre gewesen. Ich kannte seine Söhne und war einmal in seinem Haus in Malibu, aber er war nicht daheim. Dann öffnete sich mal ein Fenster für eine Kooperation, aber ich war mit Toto beschäftigt. Ich bin ein paar Mal in ihn reingerannt und er war immer freundlich. Er liebte es, sich mit vielen Musikern zu umgeben, es hat ihn inspiriert. Ich war damals bei einem seiner letzten Konzerte im Blue Note in Mailand. Ich glaube, das muss 2006 gewesen sein.“
Liebe zum Spielerischen
Protocol mag nicht so glänzen wie seine Großprojekte, dort kann er seiner künstlerischen Freiheit dafür vollen Lauf lassen. Für das Album „Protocol 4“ gab es 2019 sogar eine Grammy-Nominierung. „Wir haben uns oft verändert, aber es ging immer ums Spielerische. Das aktuelle Line-Up ist seit sechs Jahren stabil und der wichtigste Grundsatz ist, nicht zu langweilen. Über das Spielerische die Herzen des Publikums zu erreichen und auch unsere eigenen Herzen zu erfüllen.“ Wer mit so vielen Größen der Musikhistorie unterwegs war, hat viel zu erzählen. Etwa über den vielleicht Größten aller noch Lebenden, Mick Jagger. „Wenn wir probten, saß er oft da und hat einfach die Band beobachtet. Er hat darauf geachtet, dass es allen gutgeht und ist für mich der beste Performer aller Zeiten. Er hat sich um jedes Detail eines Sets gekümmert, überließ nichts dem Zufall. Was natürlich das genaue Gegenteil der Jazz-Welt ist, wo es rein um die Musikalität und um nichts anderes geht.“
Phillips arbeitete mit den größten Namen und Egos der Musikwelt. „Eine Zeit lang war ich gefühlt jeden Tag in einem anderen Studio“, schmunzelt er, „manche sind großartige, lebendige Menschen. Andere introvertiert und schüchtern, wieder andere explosiv und bestimmend. Als Session-Musiker musst du dich allen Situationen anpassen. Wie sieht das Szenario aus und wie diene ich diesem Szenario bestmöglich? Das ist die Frage, die sich mir stellte. Man macht den besten Job, den man kann.“ Bei einer Riesenband wie Toto einem Gründungsmitglied zu folgen und dann fast 20 Jahre zu bleiben, war alles andere als selbstverständlich. „Man muss sich in die Musiker einfühlen. Wie sind die Charaktere im Studio und auf der Bühne? Die ersten Toto-Jahre fühlten sich so an, wie aufs College zu gehen. Es ging erst einmal darum, zu lernen – irgendwann habe ich selbst mitgestaltet, was ein natürlicher Prozess war. Plötzlich war ich auch für die technischen Belange verantwortlich.“
Glücklich mit der Wahlheimat
Phillips lebt schon seit geraumer Zeit in den USA, seine alte britische Heimat ist aber noch felsenfest in seiner DNA verankert. „Der Vorteil in England war, dass in den Radios alle Stile durchgemischt wurden. Die Amerikaner haben für alles einen eigenen Sender, aber in England wurde Musik immer bunter und vielseitiger rezipiert.“ Seine Vielseitigkeit hat Phillips immer ausgezeichnet. „Ich bin der einzige Typ, der einerseits immer als Judas-Priest-Drummer gesehen wird, der aber auch bei Musicalproduktionen von Andrew Lloyd Webber am Schlagzeug saß“, lacht er. Sein Kurzausflug zu Judas Priest blieb legendär. „Ich treffe noch heute junge Metal-Schlagzeuger, die sich an ,Sin After Sin‘ orientieren. Das ist unglaublich und jetzt fast 50 Jahre her.“ Seit 1992 wohnt Phillips mittlerweile in Amerika. „Ich vermisse vor allem ein richtiges English Breakfast und in Los Angeles ist es oft zu heiß, um Tennis zu spielen. Ansonsten war die Entscheidung für mich aber goldrichtig.“
Live im Porgy & Bess
Mit seiner Band kommt Simon Phillips am 12. Mai wieder ins Wiener Jazzlokal Porgy & Bess, um „Protocol 6“ vorzustellen. Das Konzert ist leider schon restlos ausverkauft.
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