Umstrittene Praktik

Spanien erlebt trotz Krisen ein Wirtschaftswunder

Wirtschaft
09.04.2026 11:41
Porträt von krone.at
Von krone.at

Kriege, Zölle und bröckelnde Lieferketten haben in den vergangenen Jahren vor allem Europa stark unter Druck gesetzt. Die großen Volkswirtschaften schwächeln besonders. Ausgerechnet Spanien entwickelte sich in jüngster Zeit zu einem kleinen Wirtschaftswunder. Was steckt dahinter?

Mit Wachstumsraten von 2,8 Prozent lag das Land 2025 deutlich über dem EU-Durchschnitt. Auch in diesem Jahr wird Spanien laut Schätzungen ein fast doppelt so hohes Wachstum verzeichnen können wie der Durchschnitt der Eurozone. Am Montag dann die neueste Erfolgsmeldung aus Madrid: Mit über 22 Millionen Beschäftigten feiert Spanien einen neuen Arbeitsmarktrekord. Die Arbeitslosenquote sank mit 9,8 Prozent auf den niedrigsten Wert seit 18 Jahren (siehe Tweet unten).

Spanien erlebt historischen Aufschwung
„Ihr seid das Team, das Spanien baut, anschiebt, nach vorne bringt. Eine Mannschaft, die Geschichte macht“, schrieb Regierungschef Pedro Sánchez euphorisch auf X und zeigte sich im neuen Fußball-WM-Trikot der spanischen Nationalmannschaft mit der Nummer 22 darauf.

Der wirtschaftliche Erfolg des Landes ist auch an den Aktienmärkten abzulesen: 2025 war der spanische Aktienindex Ibex der erfolgreichste in Europa, verzeichnete ein Plus von fast 50 Prozent.

Touristen sorgen in Spanien für Wohnungsknappheit und einen Wirtschaftsboom.
Touristen sorgen in Spanien für Wohnungsknappheit und einen Wirtschaftsboom.(Bild: AP/Emilio Morenatti)

Land hat entscheidenden Vorteil
Aber wie kann es sein, dass ausgerechnet das ehemalige Krisenland Spanien gerade in diesen schwierigen Zeiten ein „kleines Wachstumswunder“ feiert? Dafür gibt es vor allem drei Gründe, versichert der spanische Ökonom Emilio Sánchez Hidalgo im Gespräch mit der APA: „Eine große Rolle spielt vor allem die Migration. Seit 2021 sind 1,2 Millionen Ausländer ins Land gekommen, die maßgeblich dazu beitragen, den Arbeitsmarkt zu stärken.“

Dabei gelingt es Spanien, woran viele andere EU-Länder scheitern: Neuankömmlinge schnell und unbürokratisch einzugliedern. Der Grund: Spanien hat den Vorteil, dass die große Mehrheit der Einwanderer aus Latein- und Südamerika kommt und somit sprachlich und kulturell leicht integriert werden können.

Das animierte die sozialistische Zentralregierung von Pedro Sánchez Anfang des Jahres sogar dazu, einen außerordentlichen und umstrittenen Legalisierungsprozess zu starten, mit dem zwischen April und Juni rund eine halbe Million Einwanderer Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse erhalten werden. Migranten müssen sich dafür lediglich fünf Monate (Stichtag ist der 31.12.2025) in Spanien aufgehalten haben und ein sauberes Vorstrafenregister der vergangenen fünf Jahre vorweisen.

„Das erhöht nicht nur die Steuereinnahmen, sondern kurbelt auch den Inlandskonsum an.“ Im vergangenen Jahr besetzten die Zuwanderer in Spanien 43 Prozent aller neu geschaffenen Stellen. Die lateinamerikanischen Einwanderer füllen vor allem die Lücken in den für Spanien wichtigen Sektoren der Bauwirtschaft und des Tourismus.

Pedro Sánchez im Gespräch mit Bundeskanzler Christian Stocker
Pedro Sánchez im Gespräch mit Bundeskanzler Christian Stocker(Bild: AFP/JOHN THYS)

Für mediale und politische Aufregung sorgen hingegen die Bilder von Bootsmigranten, die über das Mittelmeer oder den Atlantik zu den Kanaren kommen. Obwohl sie nur einen kleinen Teil der Gesamtmigration ausmachen, befeuern sie die öffentliche Debatte. Ein zweites Problem sind unbegleitete minderjährige Migranten.

Diese Stimmungslage nutzt die rechtskonservative Partei VOX seit 2018 geschickt. Eine wesentliche Voraussetzung für die Legalisierung ist nämlich: keine Vorstrafen in den vergangenen fünf Jahren. Vorurteile gegenüber Marokkanern und Misstrauen gegen Muslime sind weitverbreitet.

Urlauber bleiben treibende Kraft
Der Tourismus und der damit verbundene Dienstleistungssektor sind in Spanien mit rund 13 Prozent des Bruttoinlandproduktes das wirtschaftliche Standbein schlechthin. Spanien gehört weltweit zu den beliebtesten Reisezielen und 2026 dürften laut Schätzung 100 Millionen Touristen für einen neuen Besucherrekord gesorgt haben. Einer der Gründe dafür sind die zahlreichen internationalen Konflikte, die Spanien als sicheres Urlaubsland auch für den Inlandstourismus noch beliebter machen, erklärte Spaniens Tourismusminister Jordi Hereu Ende März.

Gleichzeitig ist Spanien deutlich geringer von Exporten in die USA und Donald Trumps Zollpolitik abhängig als Deutschland, Frankreich oder Italien. Spanien ist nicht in den besonders von den US-Zöllen betroffenen Schlüsselindustrien wie der Automobil- oder Maschinenbaubranche tätig. Spaniens Dienstleistungsexporte wachsen, was laut der spanischen Großbank BBVA für einen Überschuss in der Handelsbilanz sorgt.

Von Energiekrisen weniger betroffen
Selbst von den aktuellen Energiekrisen ist das Land weniger betroffen. Energetisch war Spanien mit Portugal schon immer eine von Europa durch die Pyrenäen isolierte Insel und bezieht seine Energie aus Nordafrika, speziell aus Marokko und Algerien und nicht aus Russland oder der Ukraine.

Das Balkendiagramm zeigt das geplante Volumen der Startup-Finanzierungen in Europa im Jahr 2025 nach Ländern. Großbritannien liegt mit 19.067 Millionen Euro deutlich an der Spitze, gefolgt von Deutschland mit 8.373 Millionen Euro und Frankreich mit 7.389 Millionen Euro. Österreich belegt mit 253 Millionen Euro den 20. Rang. Quelle: EY.

Zudem hat das Mittelmeerland einen weiteren großen Standortvorteil mit viel Sonne, Wind und großen freien Flächen. So kann Spanien auch große internationale Unternehmen und Investoren mit den niedrigsten Strompreisen in Europa locken. Vor kurzem kündigten auch Amazon und Microsoft an, Milliarden Euro in den Bau von Rechenzentren in Spanien zu investieren.

Natürlich macht die Regierung auch ihre eigene Wirtschaftspolitik für das „Wachstumswunder“ verantwortlich. Tatsächlich haben die jüngsten Arbeitsmarktreformen der Linksregierung dazu geführt, die extrem hohe Quote befristeter Zeitverträge zu reduzieren, die prekäre Beschäftigung und die weitverbreitete Scheinselbstständigkeit zu bekämpfen. Durch die Erhöhung des Mindestlohns wurde die Kaufkraft erhöht. Seit 2018 stieg unter Sánchez der gesetzliche Mindestlohn (SMI) um 66 Prozent auf heute 1221 Euro im Monat bei 14 Monatszahlungen im Jahr.

Hat der Aufschwung ein Ablaufdatum?
„Es ist aber längst nicht alles Gold, was glänzt“, gibt Wirtschaftsexperte Emilio Sánchez Hidalgo zu bedenken. „Vor allem kämpft Spanien weiterhin mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit, die mit rund 24 Prozent fast doppelt so hoch ist wie der EU-Durchschnitt.“

Touristen sind nicht überall gerne gesehen.
Touristen sind nicht überall gerne gesehen.(Bild: AFP or licensors)

Der Tourismus hat bekanntlich ebenfalls seine Schattenseiten: Weiterhin wird die Kaufkraft der Spanier durch hohe Mieten und einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum vermindert. Vor allem in spanischen Großstädten kam es zu großen Protesten gegen den Massentourismus. Zwar gehen die meisten Wirtschaftsinstitute davon aus, dass Spanien auch in diesem und dem kommenden Jahr stärker als der EU-Schnitt wachsen wird. Dennoch dürfte sich der Aufwärtstrend abschwächen.

Zumal in diesem Jahr die Gelder aus dem EU-Wiederaufbaufonds auslaufen. Das über 800 Milliarden Euro schwere Programm diente dazu, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der COVID-19-Pandemie abzufedern und die EU grüner, digitaler und krisenfester zu machen. Als Nettoempfänger profitierte Madrid davon besonders.

Trotzdem: Noch kommt Spanien heuer anscheinend etwas leichter durch die internationale Krise als andere EU-Partner ...

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