Kaum haben sich die Wogen nach dem ÖAMTC-Sommerreifentest geglättet, erscheint schon der nächste. ARBÖ, GTÜ und Auto Zeitung haben sich die Dimension 235/45 R 18 vorgenommen. Die getesteten Marken unterscheiden sich teilweise, der Testsieger von Continental ist aber auch hier mit Abstand vorn.
Neben den recht teuren Premiumreifen von Continental, Goodyear, Michelin und Pirelli haben auch drei Qualitätsreifen aus dem mittleren Preissegment (BF Goodrich, Firestone, Maxxis) sowie drei günstige Produkte (Laufenn, Tercelo, West Lake) das umfangreiches Testprogramm durchlaufen. Der LingLong Sport Master, der im ÖAMTC-Test für Aufsehen gesorgt hat, wurde bei der Auswahl nicht berücksichtigt.
Trocken alles in Ordnung
Auf trockener Straße bleibt das Testfeld erfreulich dicht zusammen. Der Abstand zwischen dem Continental, der mit 32,8 Metern den kürzesten Bremsweg aus 100 km/h erzielt, und dem West Lake, dessen 35,7 Meter den längsten Anhalteweg markieren, ist noch akzeptabel, sagen die Testverantwortlichen.
Auch bei der Fahrsicherheit lassen sich zwar spürbare Unterschiede ausmachen, doch selbst die Profile von Tercelo und West Lake, die hier am schwächsten abschneiden, lassen sich problemlos bändigen. Mit dem präzisen und dynamischen Fahrverhalten des Goodyear können sie freilich nicht mithalten.
Unterschiede bei den Umwelteigenschaften
Ebenso bei den Umwelteigenschaften (Abrieb, Laufleistung, Rollwiderstand und Außengeräusch) ergeben die Messungen zwar signifikante, jedoch unkritische Unterschiede. Der Michelin sammelt in diesen Disziplinen vorbildlich viele Punkte und relativiert durch die zu erwartende hohe Lebensdauer seinen stattlichen Kaufpreis. Umgekehrt der Tercelo, zum Testzeitpunkt das preisgünstigste Produkt im Markt, doch seine verminderte Laufleistung stellt die Preiswürdigkeit infrage.
Das allein wäre noch nicht ausschlaggebend, da die zehn Kandidaten selbst in Sachen Energieeffizienz recht nah zusammenliegen. Im Fall des Testwagens, ein Audi A5 TFSI, ergibt sich im Vergleich zwischen dem besten (Michelin) und dem schlechtesten Reifen (Tercelo) ein theoretischer Mehrverbrauch von etwa 0,1 bis 0,2 Liter Benzin je 100 Kilometer. Umgerechnet auf den Energiebedarf entspricht das in etwa 0,3 kW mehr auf 100 Kilometer bei 100 km/h – nicht viel.
Nässe trennt Spreu vom Weizen
Auf Nässe ergibt sich ein ganz anderes Bild. Denn hier zeigen die Probanden erhebliche Unterschiede. Allen voran bietet der Premium Contact 7 von Continental auf regennasser Straße optimale Haftung. Egal ob im Handling oder beim Bremstest, auf der Kreisbahn oder bei der Fahrsicherheit – er ist spitze. Auch die Profile von Pirelli, Goodyear und Firestone geben bei Regenwetter eine sehr gute Figur ab – wobei der Firestone zwar am wirkungsvollsten vor Aquaplaning schützt, aber wie Michelin und Maxxis einen ziemlich langen Bremsweg verzeichnet.
„Der Fairness halber sei erwähnt, dass auf einer besonders glatten Asphaltbahn gemessen wurde“, so die Tester. Solche Oberflächen findet man im realen Verkehrsgeschehen etwa vor Kreuzungen, wo die Reifen den Belag beim Bremsen „poliert“ haben. In der Regel werden daher die durchschnittlichen Bremswege im Alltag kürzer ausfallen. Andererseits veranschaulicht diese Methode noch drastischer die Risiken, die von manchen Reifen ausgehen: Die drei Discount-Angebote von West Lake, Tercelo und Laufenn haben zu lange Bremswege von 100 km/h bis zum Stillstand. Dort, wo der Testwagen mit den Continental stoppt, rauscht er auf diesen drei Reifen mit deutlich über 30 km/h Restgeschwindigkeit vorbei – viel zu viel.
Gravierend unterschiedliches Fahrverhalten …
Erhebliche Unterschiede zeigen sich zudem im Fahrverhalten nahe der Haftgrenze. Während die Kandidaten im Trockenen eher verschiedene Charakteristiken an den Tag legen, fordern sie auf Nässe alle mehr oder weniger viel Erfahrung und gute Reflexe vom Fahrer, um den Audi auf Kurs zu halten. Das kann im Ernstfall zum Problem werden: Reagiert ein Reifen beispielsweise unerwartet auf plötzliche Lastwechsel, sind gute Nerven gefragt. Etwa wenn der Fahrer erschrocken Gas wegnimmt oder die Bremse antippt und das Auto an der Hinterachse ausbricht und es schlagartig ins Übersteuern wechselt. Andererseits lässt übertrieben frühes und ausgeprägtes Untersteuern den Wagen stur geradeaus schieben, anstatt die Lenkimpulse des Fahrers umzusetzen. Das fordert zwar weniger Können vom Piloten, birgt aber ein ähnliches Unfallpotenzial.
… mit teils heftigen Lastwechselreaktionen
Die Reifen von Continental und Pirelli entlasten in solchen Situationen mit Berechenbarkeit, einer neutralen Balance und Eigenstabilisierung, wenn das Fahrzeug doch ins Rutschen gerät. Das gelingt nicht allen Kandidaten derart überzeugend. Besonders der Laufenn und der Tercelo fallen bei forcierter Kurvenfahrt mit spürbar weniger Grip auf und rufen mit ihren teils lebhaften Lastwechselreaktionen das elektronische Stabilitätsprogramm des Testwagens auf den Plan. Ist die Fahrdynamikregelung abgeschaltet, schwingt das Heck im Extremfall weit aus und muss durch gezieltes Gegenlenken pariert werden, um einen Dreher zu verhindern. Da die Reifen obendrein größere Lenkwinkel benötigen, um Richtungswechsel umzusetzen, muss der Fahrer ganz schön am Lenkrad kurbeln.
Auch die Profile von Michelin, West Lake und Maxxis dürften auf regennasser Fahrbahn mehr Haftung aufbauen. Doch das würde wiederum Einbußen bei der Energieeffizienz und bei der Haltbarkeit nach sich ziehen - einer von vielen Zielkonflikten in der Reifenentwicklung. „Nur der Pneu, der hier das richtige Maß findet, hat Chancen auf den Testsieg“, so die Tester.
Fazit: Solange die Straßenverhältnisse gut sind, schneiden alle Reifen erfreulich sicher ab, setzen aber individuelle Akzente im Handling, beim Komfort oder in der zu erwartenden Laufleistung. Auf nassem Asphalt offenbaren sich dagegen enorme Unterschiede in der Griffigkeit – etwa beim Bremsen auf regennasser Fahrbahn. Das kann gefährlich werden.
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