Da war doch etwas ...

Trump entlarvt jetzt sein eigenes Iran-Märchen

Außenpolitik
25.02.2026 08:22

Donald Trump hat im Nahen Osten die größte US-Streitmacht seit der Irak-Invasion 2003 zusammengezogen. Berichten zufolge sind aktuell zwischen 40 und 50 Prozent der gesamten weltweit einsetzbaren US-Luftwaffe in der Region stationiert. Ein Großangriff scheint unmittelbar bevorzustehen, doch die neue Kriegslust sorgt für enorme Fragezeichen.

Im Zentrum der Verwirrung steht eine eklatante Diskrepanz: Noch vor wenigen Monaten behauptete US-Präsident Trump medienwirksam, das iranische Atomprogramm im vergangenen Sommer „ausgelöscht“ zu haben. Die angebliche nukleare Bedrohung dient heute jedoch als Hauptargument für neue Militäroperationen. Warum?

Wunderheilung nach „nuklearer Auslöschung“
Sollte der Iran tatsächlich so kurz vor einer eigenen Atombombe stehen, wäre dies eine wundersame Erholung – zumindest wenn man den früheren Worten des Republikaners Glauben schenkt. Unmittelbar nach der gemeinsamen Militäroperation mit Israel am 22. Juni verkündete Trump: „Die wichtigsten Anreicherungsanlagen des Iran wurden vollständig und restlos ausgelöscht.“

Donald Trump im sogenannten „Situation Room“ des Weißen Hauses
Donald Trump im sogenannten „Situation Room“ des Weißen Hauses(Bild: AFP)

Sein Kriegsminister, Pete Hegseth, ging sogar noch weiter und erklärte breitbeinig: „Der nukleare Ehrgeiz des Iran ist damit ausgebremst!“

Die Karte zeigt die Verteilung von US-Militärverbänden rund um den Iran seit Mitte Januar. Sie markiert US-Stützpunkte in mehreren Ländern der Region sowie die Positionen von Schiffen und Flugzeugen. Wichtige Schiffe sind der Zerstörer USS Delbert im Roten Meer, Schiffe im Persischen Golf, zwei Zerstörer in der Straße von Hormuz und der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln im Arabischen Meer. Der Flugzeugträger USS Gerald Ford ist auf dem Weg ins Mittelmeer. Quelle: CNN.

Diese Siegesrhetorik hielt die US-Regierung monatelang aufrecht, obwohl Berichte basierend auf Geheimdiensterkenntnissen ein anderes Bild zeichneten. Der Angriff warf den Iran Monate – vielleicht sogar Jahre – zurück und schwächte das Regime in Teheran enorm, von einer „Vernichtung aller nuklearen Hoffnungen“ waren die USA aber weit entfernt.

US-Regierung schürt Atompanik
Jetzt will die US-Regierung von dieser Erzählung nichts mehr wissen. Trumps Teilzeit-Außenminister Steve Witkoff ging sogar so weit, dass das angeschlagene Mullah-Regime unmittelbar vor dem nuklearen Vollzug stehe. Der Iran sei „wahrscheinlich eine Woche davon entfernt, waffenfähiges Material in Industriequalität zu besitzen. Das ist brandgefährlich“, erklärte der Sondergesandte jüngst Fox News zur besten Sendezeit. Beweise für seine Behauptung legte er freilich nicht vor.

Die US-Regierung verhält sich plötzlich so, als hätten die Angriffe im vergangenen Jahr gar nicht stattgefunden. Als gebe es keine gewonnene Zeit und als würde sich das Fenster zur Verhinderung einer iranischen Bombe rapide schließen, was Experten und Kenner der Region ernsthaft bezweifeln (siehe X-Posting oben).

„Das Regime in Teheran ist heute schwächer als zu jedem anderen Zeitpunkt seit der Machtübernahme 1979“, hielt Thomas Wright, Militärstratege unter Joe Biden, im US-Magazin „Atlantic“ fest. Es leidet unter anhaltenden Unruhen im Inland, massivem wirtschaftlichem Druck und einer tiefen Legitimitätskrise. Der Oberste Führer Ali Khamenei wird im April 87 Jahre alt, eine Nachfolgekrise droht: „Dies ist ein Moment der Fragilität, nicht der Stärke“, wie es Trump der amerikanischen Bevölkerung aktuell verkauft.

Das Regime von Khamenei ist wohl so schwach wie selten zuvor.
Das Regime von Khamenei ist wohl so schwach wie selten zuvor.(Bild: EPA/IRAN SUPREME LEADER OFFICE HANDOUT)

EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas schlägt in dieselbe Kerbe. „Wir brauchen nicht noch einen Krieg in dieser Region“, erklärte sie am Rande eines EU-Außenministertreffens. Auch ihr Urteil lautet: Der Iran sei so schwach wie nie zuvor. Genau diese Zerbrechlichkeit sollte die amerikanische Strategie leiten, um die Risse im System noch weiter zu vertiefen. Doch Trump bevorzugt für angeschlagene Verhandlungspartner bekanntlich einen Hammer.

Geht es Trump um einen Regimesturz?
Der US-Präsident hat wiederholt angedeutet, dass eine Militäraktion auf die iranische Führung abzielen könnte. Das blutrünstige Regime in Teheran hat in den vergangenen Monaten Tausende Demonstranten töten lassen, unterstützt islamistische Terrorgruppen und ist ein integraler Bestandteil der sogenannten „Achse des Bösen“. Wohl kein Demokrat würde diese islamistische Diktatur vermissen.

Bereits 2025 schrieb der US-Präsident auf seiner Plattform Truth Social über den Mullah-Führer Khamenei: „Ich wusste GENAU, wo er sich versteckte.“ Im Gegensatz zum ersten Angriff liegen heute laut Verteidigungsbeamten „gezielte Schläge gegen die iranische Führungsriege“ als Option auf dem Tisch des US-Präsidenten. 

Doch die Risiken sind immens – und es fehlt ein Plan für das „Danach“. Die mächtigen Revolutionsgarden (IRGC) könnten die Kontrolle übernehmen und einen noch härteren Kurs einschlagen. Ein Angriff auf die Führung würde wohl eine besonders aggressive iranische Reaktion provozieren, da das Regime nichts mehr zu verlieren hätte. US-Bodentruppen müssten eine Massakrierung der Zivilbevölkerung verhindern, was unrealistisch erscheint. Eine Blockade der Straße von Hormus, durch die ein Fünftel des weltweiten Öls transportiert wird, wäre zudem eine wahrscheinliche Folge.

Hinzukommt, dass im Weißen Haus offenbar niemand weiß, wie eine „erfolgreiche“ Mission aussehen könnte. US-Generalstabschef Dan Caine soll Trump auf entsprechende Risiken durch einen längeren Konflikt hingewiesen haben. Nach Informationen der „Washington Post“ sieht Caine in Engpässen bei wichtigen Waffen und mangelnder Unterstützung durch Verbündete ein erhebliches Risiko für einen Einsatz und für US-Personal. Es darf zudem bezweifelt werden, wie effektiv es ist, das iranische Atomprogramm alle paar Monate „auszulöschen“.  

Der Flugzeugträger USS Gerald R. Ford hat die Karibik verlassen und ist bereits im Mittelmeer ...
Der Flugzeugträger USS Gerald R. Ford hat die Karibik verlassen und ist bereits im Mittelmeer angekommen.(Bild: AFP/COSTAS METAXAKIS)

Vorgehen sorgt für Ärger in den USA
So eine Operation wäre rechtlich ohnehin nicht gedeckt. Die Macht des US-Präsidenten als Oberbefehlshaber ist streng auf absolute Notfälle beschränkt, etwa zur Abwehr eines bereits laufenden oder unmittelbar bevorstehenden Angriffs. „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass dies heute der Fall ist – das würde die Schläge illegal machen“, stellte Verfassungsexperte David Janovsky gegenüber „Time“ fest. 

Auch die Angriffe von 2025 seien rechtlich höchst fragwürdig gewesen. Damals argumentierte die Trump-Regierung mit dem Recht auf „kollektive Selbstverteidigung“ an der Seite Israels. Die Erzählung einer wundersamen Rekorderholung des iranischen Nuklearprogramms soll nun offenkundig als Legitimierung eines Alleingangs dienen. 

Einem solchen Krieg fehlt jedoch die parlamentarische Autorisierung, und die US-Wähler haben offene „Regime-Change-Kampagnen“ wiederholt abgelehnt – insbesondere Trumps Kernwählerschaft kann seinen internationalen Abenteuern wenig abgewinnen. Das Vorgehen der US-Regierung sorgt dementsprechend über die Parteigrenzen hinweg für Aufregung.

Trump kämpft aktuell mit enorm schlechten Umfragewerten:

Wird Trump für Klarheit sorgen?
Selbst George W. Bush ließ den Irak-Krieg vom Kongress absegnen, der sich später als fataler Fehler herausstellen sollte. Bevor Washington den nächsten Schritt macht, muss eine grundlegende Frage beantwortet werden: Was genau hat sich seit Juni geändert, das jetzt einen derart extremen Kurs rechtfertigt? 

Doch der Druck, die versammelte Militärmacht auch einzusetzen, wächst mit jedem ankommenden Schiff und Flugzeug. „Wir können die Truppen nicht ewig dort draußen halten“, so ein ehemaliger Pentagon-Beamter.

Trump trat am Dienstagabend (Ortszeit) vor den Kongress. Der „Commander-in-Chief“ sagte bei seiner Rede zur Lage der Nation („State of the Union“) jedoch kaum etwas Neues. Trump sucht wohl noch immer eine belastbare Begründung für sein Vorgehen ...

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