„Zu ebener Erd“

Endlich wieder ein Nestroy am Wiener Burgtheater

Kultur
29.01.2026 08:00

Nach neun Jahren wird am Wiener Burgtheater ab Donnerstag, 29. Jänner, wieder Nestroy gespielt. Der deutsche Erfolgsregisseur Bastian Kraft, 46, der zuletzt an der Burg „Der Zauberberg“ inszenierte, führt bei  „Zu ebener Erd und erster Stock“ Regie – wir baten den 46-Jährigen zum Interview. 

„Krone“: Wie ist Ihre Beziehung zu Johann Nestroy. Wann kamen Sie mit ihm das erste Mal in Berührung?
Bastian Kraft: In der Schule habe ich damals so ein bisschen in den „Zerrissenen“ reingelesen und schon sehr gelacht. Als ich dann 2007 als Regieassistent ans Burgtheater kam, habe ich den „Talisman“ am Akademietheater gesehen. Das war mein erster Nestroy. In den Jahren in Wien habe ich dann gespürt, welche Tradition er hier hat. Ich habe ihn mögen gelernt, und als ich dann zum ersten Mal Nestroy inszeniert habe, habe ich mich so richtig verliebt.

Das war „Der Talisman“ 2023 am Thalia Theater in Hamburg. Kennt man Nestroy denn in Deutschland?
Überhaupt nicht! Die meisten Leute wussten nicht, was das ist. Aber weil es so ein tolles universales Stück ist, haben es die Leute geliebt, und es läuft sogar bis heute noch.

Wie kam es zur Zusammenarbeit für „Zu ebener Erde und erster Stock“ in Wien?
Ich habe es nach meiner guten Erfahrung mit dem „Talisman“ vorgeschlagen. Vor allem, weil ich eine Fantasie für diese große Burgtheaterbühne hatte. Und die Intendanz war sofort sehr offen dafür.

Was erwartet das Publikum? Überraschendes wie zuletzt beim „Zauberberg“, wo Sie stark auf das Medium Film und Video gesetzt haben?
Ich glaube, es ist mit nichts zu vergleichen, was ich schon mal gemacht habe. Die Bühne ist klassisch in unten und oben aufgeteilt, das war von Anfang an gesetzt. Video ist wieder dabei, aber das Spiel an sich steht ganz stark im Vordergrund. Das ganze Stück ist wie ein Durchlauferhitzer. Die Figuren werden von einer Situation in die nächste geschubst und müssen immer reagieren. Und wir haben nach einer Ästhetik gesucht, die heutig und nicht altbacken wirkt. Es ist Theater im besten Nestroyschen Sinn, das wir hier total umarmen – und es gibt eine Liveband!

Regisseur Bastian Kraft inszenierte an der Burg u. a. „Dorian Gray“, „Ludwig II.“ und „Der ...
Regisseur Bastian Kraft inszenierte an der Burg u. a. „Dorian Gray“, „Ludwig II.“ und „Der Zauberberg“(Bild: Alice Ionescu)

… der neue Trend an der Burg?
Ja, hier gibt es das gerade sehr häufig. Ich würde sagen, das ist Zufall (lacht) – aber auf eine gute Weise. Es bietet sich auch an, weil die Musikstücke von Nestroy ja reingeschrieben wurden. Livemusik gibt ganz viel Energie und macht das Theatererlebnis auf eine Weise noch mal anders zu einem Live-Ereignis. Und es geht ja in so einer Komödie darum, den Motor auf hohe Touren zu bringen.

Nestroy ist ja, sagen wir durch und durch österreichisch, auch was die Sprache betrifft. Haben Sie darauf auch bei der Auswahl der Schauspielerinnen und Schauspieler geachtet?
Ich habe mir von Anfang an gesagt, ich kann nur darauf vertrauen, dass die Figuren stimmen. Zudem haben mir alle Österreicherinnen und Österreicher in meiner Besetzung gesagt, sie wüssten nicht, welcher Mensch in Österreich so reden sollte, wie im Stück. Für mich ist das eine Theatersprache. Der Ursprung ist natürlich im Wienerischen, aber es werden auch ganz viele französische Worte benutzt, weil es damals Mode war. Aber um auf Ihre Frage nach der österreichischen Besetzung zurückzukommen: Wir haben es gemischt.

Haben Sie den Eindruck, dass Nestroy die österreichische Seele im Speziellen widerspiegelt? 
Ich würde sagen, es ist vielmehr eine menschliche Seele als eine österreichische. Würde man sagen, er beschreibt die österreichische Seele, macht man ihn kleiner. Weil das, was er beschreibt, zutiefst menschlich ist. Bestimmt kann man auch sehr viel Österreichisches darin lesen. Aber es ist universaler. Ich würde sagen, Nestroy ist der europäische Shakespeare. Auch bei ihm ist es nie nur Komödie, sondern hat immer eine Tiefe und eine Seele.

Was ist die besondere Herausforderung bei diesem Stück?
Die Balance zu finden zwischen Theatermechanik und Spielenergie, zwischen Leichtigkeit und Tiefe. Es ist wie eine Partitur. Man muss es üben wie ein Musikstück, und dann muss es aber frei werden, so, dass man nicht spürt, dass alles Kunst ist. Letztendlich soll es einen Zug haben, wie ein Schneeball, der einen Hang runterrollt, den du kaum aufhalten kannst.

Kann ein Nestroy heutzutage junges Publikum begeistern?
Absolut, hundertprozentig. Er ist zeitlos! Ich glaube, das hat damit zu tun, dass Nestroy Menschen wirklich gut verstanden hat mit all ihren Sehnsüchten und Verwundungen. Nestroy ist der Beste darin, dieses Gefühl „Ich bin ein Außenseiter“ oder „Ich genüge nicht“, spürbar zu machen. Ganz viele seiner Figuren passen ja irgendwie nicht hinein, sind irgendwie immer draußen. Damit können sich junge Menschen ganz schnell identifizieren. Wie sich das anfühlt, wenn du glaubst, du bist der Loser. Nestroy schaut gnadenlos, aber immer liebevoll auf diese Menschen. Vielen von uns geht es ja so, dass sie denken, ich gehöre auch nicht dazu. Das ist ein verbindendes Gefühl, dass wir uns mit denen identifizieren, die nicht dazu gehören.

Heuer feiert man „250 Jahre Burgtheater als Nationaltheater“. Hat das für Sie eine besondere Bedeutung?
Ehrlich gesagt, mein ganzes Leben ist immer Jahr des Theaters (lacht). Es ist insofern für mich etwas Besonderes, weil ich mich immer freue, wenn Theater wertgeschätzt wird. Es gibt hier in Wien eine Liebe zum Theater, und solche Ereignisse sind natürlich nochmal besonders schön.

Welchen Stellenwert hat die Burg in Ihrem Leben?
Es ist ein Theater mit einer unfassbaren Aura und Geschichte. Dadurch, dass ich hier Assistent war, ist es auch das Haus, mit dem ich am engsten familiär verbunden bin. Es gibt viele tolle Theater, aber hier ist die Belegschaft noch stärker mit dem Haus identifiziert.

Bei der Kultur wird es in diesem Jahr zu massiven Sparmaßnahmen kommen, wie sehen Sie diese Entwicklung?
Ich halte es für besorgniserregend, wenn eine Situation dieser Rechtfertigungshaltung „Brauchen wir das?“ entsteht. Diese zutiefst ökonomische Sicht auf etwas, was im Kern unökonomisch ist. Natürlich müssen wir sehr gut mit den Ressourcen umgehen und natürlich muss das Theater selbst in seiner Existenz ausstrahlen, warum es notwendig ist und dass es sich lohnt, dafür sehr viel Geld auszugeben. Aber wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs, und im Theater findet nun einmal diese sinnstiftende Auseinandersetzung damit statt, was es heißt, Mensch zu sein. Das finde ich elementar wichtig. Gerade wenn Europa im Wanken ist und unsere Identität vor allem historisch gerade wahnsinnig unsicher ist. Wenn wir jetzt sagen, dass Kultur oder Theater gerade nicht so wichtig sind, fühlt sich das sehr gefährlich an.

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