Viele Menschen verbringen ihre Abende mit Serienmarathons. Doch sogenanntes Binge-Watching kann problematisch werden. Einsamkeit erhöht einer Untersuchung aus China zufolge wohl das Risiko dafür, in eine Sucht nach exzessivem Serienkonsum zu geraten.
Zu diesem im Fachmagazin „Plos One“ veröffentlichten Schluss kommt ein Forscherteam von der Huangshan University nach ausführlichen Befragungen.
Das Phänomen Binge-Watching kam vor einigen Jahren mit dem Streaming-Boom auf, zu dessen Beginn noch viele Anbieter ihre Serien-Staffeln an einem Tag komplett auf einen Schlag veröffentlichten. Die chinesischen Forschenden gehen davon aus, dass sich Menschen mit Binge-Watching-Sucht in ihren Motiven deutlich von Vielsehern ohne Suchtverhalten unterscheiden. Entscheidend sei die psychologische Funktion, die das Schauen erfülle.
Das Team machte hierbei zwei Muster fest: Das Binge-Watching wird demnach oft genutzt, um negativen Gefühlen zu entkommen und gleichzeitig positive Emotionen zu verstärken. Aus Sicht der Autoren deutet dies darauf hin, dass problematisches Binge-Watching vor allem dann entsteht, wenn das Verhalten der emotionalen Selbstregulation dient. Menschen, die sich einsam fühlen, nach emotionaler Erfüllung suchen oder Serien gezielt als Fluchtmechanismus einsetzen, hätten demnach ein erhöhtes Risiko, eine Binge-Watching-Sucht zu entwickeln.
Mindestens 3,5 Stunden Bingen pro Tag
Für die Untersuchung befragten die Wissenschafter 551 chinesische Erwachsene, die besonders viel fernsahen. Voraussetzung für die Teilnahme war ein Serienkonsum von mindestens dreieinhalb Stunden pro Tag und mehr als vier Episoden pro Woche. Die Teilnehmenden beantworteten Fragen zu ihrem Sehverhalten, ihren Motiven dafür und ihrem Einsamkeitsempfinden.
Sucht wird in der Studie anhand einer Skala aus der Verhaltenspsychologie definiert - der sogenannten Problematic Series Watching Scale, die sich an einer generellen Suchtskala orientiert. Diese berücksichtigt unter anderem, wie sehr sich die Stimmung durch das Serienschauen oder den Entzug verändert oder ob es negative Folgen im sozialen oder beruflichen Leben gibt.
Die Autoren betonen, dass ihre Studie lediglich einen Zusammenhang aufzeige. Ob Einsamkeit tatsächlich Ursache für das Suchtverhalten sei, müsse weiter erforscht werden. Die Analyse beschränkte sich außerdem auf TV-Serien. Andere Streaming-Angebote, etwa auf Youtube oder TikTok, wurden nicht berücksichtigt.
Soziale Medien womöglich mit mehr Suchtpotenzial
Christian Zabel von der Technischen Hochschule Köln, der selbst zu Binge-Watching geforscht hat, hält die Studie aus China methodisch für gut gemacht – und grundsätzlich auch auf die hiesige Bevölkerung übertragbar. Es sei „sicherlich sinnvoll“, zwischen problematischem und unproblematischem Binge-Watching zu unterscheiden, da nicht jeder Fall Suchtpotenzial habe.
„Es ist naheliegend, dass Einsamkeit zu mehr Binge-Watching führt“, sagte Zabel der Deutschen Presse-Agentur – eher als umgekehrt. Allerdings weist der Forscher darauf hin, dass andere Streaming-Formate – etwa Videospiele oder soziale Medien – mutmaßlich noch größeres Suchtpotenzial haben als klassische Serien. Dort sei man noch einmal ganz anderen Reizen ausgesetzt als bei einer TV-Serie, „die sich etwas mehr Zeit nimmt“.
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