Was sind die Ursachen?

Eine Bezirkshauptstadt verkommt zur Geisterstadt

Mattersburg im Burgenland war eine florierende Gastronomie- und Einkaufsstadt. Jetzt blutet sie immer mehr aus und verkommt zu einem „Lost Place“. Was sind die Ursachen? Wer hat schuld? Und was unternimmt die Politik gegen den Kaufkraftverlust? Fragen, die sich viele Städte in Österreich stellen.

Mit rund 7500 Einwohnern ist die Bezirkshauptstadt Mattersburg die viertgrößte Stadt des Burgenlandes. Vor zehn Jahren lag die Kaufkraft bei 206 Millionen Euro. Allerdings blieben schon damals nur 54 Prozent im Bezirk. Der Rest wurde in anderen Einkaufszonen ausgegeben – etwa in Eisenstadt oder Wiener Neustadt.

Inzwischen ist der lokale Handel so geschwächt, dass nicht nur unzählige Geschäftslokale in der Innenstadt leer stehen, sondern auch ganze Geschäftszeilen in den Einkaufszentren an der Peripherie verwaisen. Klar, dass es neuen potenziellen Storebetreibern da einfach zu riskant ist, sich in einer Stadt anzusiedeln, die immer mehr einem „Lost Place“ verkommt.

Monis Bistro gibt es nicht mehr. Die Bäckerei, die danach einzog, hat auch schon zugesperrt.
Monis Bistro gibt es nicht mehr. Die Bäckerei, die danach einzog, hat auch schon zugesperrt.(Bild: Reinhard Judt)

Abwärtsstrudel
Nun färbt dieser Negativtrend auch auf die Gastronomie ab. Seit die Konditorei Harrer zugesperrt hat, hat sich noch kein Nachfolger gefunden. Das Imbiss-Café „Monis Bistro“ wurde zwar von der Bäckerei Kaiser aus Neudörfl übernommen, doch nach einem Jahr war wieder Schluss. Das Restaurant Reehlax (vormals: Bettle Juice) ist ebenfalls seit Monaten geschlossen, das Kaffeehaus Pablo überhaupt schon seit Jahren. Vor Kurzem sperrte das Café Judith zu. Und selbst der Florianihoffmann, der erst im vergangenen Sommer frohen Mutes eröffnete und sich als einziges Traditionswirtshaus in Mattersburg etablieren wollte, ist insolvent.

Das Restaurant Florianihoffmann in Mattersburg befindet sich seit Anfang Jänner in einem ...
Das Restaurant Florianihoffmann in Mattersburg befindet sich seit Anfang Jänner in einem Insolvenzverfahren.(Bild: Reinhard Judt)
Dabei ist Pächter Gottfried Hoffmann im Sommer 2025 mit dem Gasthaus so hoffnungsfroh gestartet.
Dabei ist Pächter Gottfried Hoffmann im Sommer 2025 mit dem Gasthaus so hoffnungsfroh gestartet.(Bild: Reinhard Judt)

Raus aus dem Jammertal
„Mir tut diese Abwärtsspirale im Herzen weh! Aber ich allein kann nichts bewegen. Schon gar nicht, wenn die Einkaufszentren privaten Investoren gehören. Auch Immobilienbesitzern kann ich nicht vorschreiben, dass sie leerstehende Geschäftslokale neu verpachten müssen, wenn darüber Mieter wohnen, die sich über Lärm beschweren“, seufzt Mattersburgs SP-Bürgermeisterin Claudia Schlager.

Sie kann verstehen, dass die Bürger in ihrer Stadt immer unzufriedener werden. Doch Jammern allein sei keine Lösung. Man müsse schon auch selbst lokal konsumieren, sagt sie. „Diejenigen, die am lautesten schreien, sieht man halt nirgendwo – weder einkaufen, noch Kaffee trinken oder Mittag essen. Anstatt den stationären Handel zu fördern, unterstützen sie lieber Online-Konzerne“, kritisiert die rote Stadtchefin und ruft die Bevölkerung zu mehr Solidarität auf. 

Mattersburgs SP-Bürgermeisterin Claudia Schlager
Mattersburgs SP-Bürgermeisterin Claudia Schlager(Bild: Reinhard Judt)

Kein Budget für Förderungen
Vonseiten der Gemeinde sind die Mittel und Möglichkeiten, hier gegenzusteuern, nämlich äußerst beschränkt. „Früher gab es eine Wirtschaftsförderung für alle, die Altbestände wiederbelebt und neue Shops eröffnet haben. In Zeiten der finanziellen Schieflage sind Förderungen schwierig, weil ich selbst schauen muss, dass ich den aktuellen Betrieb aufrechterhalten kann. Ich habe 150 Gemeindemitarbeiter, die monatlich ihr Gehalt beziehen wollen“, sagt Schlager.

Wo man hinblickt, überall leere Lokale. In diesem Store war u.a. schon ein Hanf-Shop ...
Wo man hinblickt, überall leere Lokale. In diesem Store war u.a. schon ein Hanf-Shop eingemietet.(Bild: Reinhard Judt)
Auch die alte Bank Austria ist unbenutzt. Wegen Denkmalschutz darf nicht umgebaut werden.
Auch die alte Bank Austria ist unbenutzt. Wegen Denkmalschutz darf nicht umgebaut werden.(Bild: Reinhard Judt)
In dieser Geschäftszeile ist seit der Eröffnung 2022 noch kein einziger Shop eingezogen.
In dieser Geschäftszeile ist seit der Eröffnung 2022 noch kein einziger Shop eingezogen.(Bild: Reinhard Judt)
Das Café „Pablo“ steht schon seit Jahren leer.
Das Café „Pablo“ steht schon seit Jahren leer.(Bild: Reinhard Judt)

So setzt Mattersburgs Stadtchefin die Hebel an
Tatenlos zusehen, wie die Kaufkraft in Mattersburg weiter schwindet, will sie aber auch nicht. Deshalb möchte sie den Stadtkern weiter attraktivieren. „Unser neuer Jubiläumspark wird gut angenommen. In diesem Stil will ich Schritt für Schritt auch den Rest der Innenstadt gestalten. Mit mehr Grünflächen, modernen Sitzmöglichkeiten und Spielplätzen kann man mehr Menschen zum Gustieren und Flanieren bewegen.“ Zudem sollen Leerstände für Ausstellungen genutzt werden.

Um die Besucherfrequenz zu erhöhen, sind anlässlich des heurigen 100-Jahre-Stadtjubiläums auch zahlreiche Events geplant, wie ein Faschingsfest im Februar, ein Kirtag im April, eine Angelobung mit Leistungsschau des Bundesheeres und Platzkonzert sowie ein großer Blaulichttag im Mai. Im Juni soll das 50-jährige Bestehen der Stadtkappelle groß gefeiert werden. Im Herbst stehen Modenschauen zum Schulstart oder das Night-Skating für Kinder auf dem Programm. „All das sind Möglichkeiten, die Menschen in unsere Stadt zu locken“, meint Schlager.

Gute Kommunalpolitik ist gefragt
Was eine Stadt gegen den Kaufkraftverlust tun kann

Eine Stadt kann Kaufkraftverlust nicht komplett verhindern, aber sie kann ihn abfedern, indem sie an mehreren Stellschrauben gleichzeitig dreht. Damit das Geld in der Stadt bleibt, muss sie regionale Anbieter pushen und den Einzelhandel und die Gastronomie gezielt fördern – etwa durch lokale Währungen („Stadtgutscheine“), Wochenmärkte und eine lokale Vergabepolitik bei Aufträgen. So zirkuliert jeder Euro öfter vor Ort. 

Damit ausreichend Geld zum Ausgeben vorhanden ist, braucht es die Ansiedlung von innovativen Unternehmen, die den Menschen ihre Jobs sichern. Auch eine leistbare Wohnungspolitik (kommunaler Wohnungsbau, Mietpreisdämpfung) und stabile Gebühren – etwa für Energie, Parken etc. –  sind relevant. Ebenso kostenlose oder günstige Kultur- und Freizeitangebote sowie zielgerichtete Hilfen für einkommensschwache Haushalte (Essenszuschüsse, Sozialtickets). 

Darüber hinaus kann jede betroffene Stadt versuchen, die aussterbende Innenstadt als „Erlebnisraum“ ansprechender zu gestalten – etwa durch Grünflächen, Parkanlagen, Erholungszonen und Flaniermeilen. Leerstände können als Pop-up-Stores, Ateliers oder Co-Working-Spaces genutzt werden und bringen zusätzlich Leben in die Stadt. Entscheidend sind auch eine gute öffentliche Erreichbarkeit sowie leistbare Rad- und Parkkonzepte. 

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