Nicht Evolution, sondern Eruption: Der BMW iX3 soll gefühlt das Auto neu erfinden, definitiv aber die Marke. Mit revolutionärem Bedienkonzept, hochintegrierter Antriebsvernetzung und toller Reichweite. Ob die Münchner dieses Hightech-Kunstwerk auch mit Leben gefüllt haben, erfährt Stephan Schätzl hier im Video-Fahrbericht.
Bei BMW kommen sie aus dem Schwärmen nicht heraus, die Oberbekleidung der Mitarbeiter dürfte seit einiger Zeit generell eine Nummer größer bestellt werden, schließlich trägt jeder eine stolzgeschwellte Brust mit sich herum. Sie haben die Zukunft des Konzerns in die Hand genommen und die Neue Klasse kreiert.
Kein BMW – und doch so sehr einer wie lange nicht
Kurz gesagt: Nach den ersten paar Hundert Kilometern im BMW iX3 kann man die Begeisterung verstehen. Er ist Hightech durch und durch, hat vom Bedienkonzept nichts mehr mit klassischen BMWs zu tun, fühlt sich aber dennoch noch mehr wie ein BMW an als einige andere Modelle der jüngsten Zeit.
Das 2285 kg schwere und doch relativ leichte Elektro-SUV vermittelt eine „Freude am Fahren“, als wäre der bekannte Slogan eigens dafür erfunden worden. So viel Verbindung zu Fahrbahn und Fahrzeug sowie Information über Fahrzustände gab es lang nicht mehr in einem Alltags-BMW. Dabei ist die Lenkung aber nicht so giftig wie etwa in einem Porsche Macan.
Das Fahrwerk gefällt gleichermaßen mit Komfort wie mit Präzision. Adaptive Dämpfer werden nicht angeboten – man wird sie kaum vermissen.
Vier Herzen steuern die Neue Klasse
Alles, was mit Fahren zu tun hat, fühlt sich geschmeidig an. Würde man den Grund dafür suchen, könnte man auf das „Heart of Joy“ kommen, einen der vier als Superbrains bezeichneten Hochleistungscomputer. In diesem Herz läuft alles zusammen, was das Auto antreibt, bremst und lenkt. Und es steuert all das bis ins Feinste. Klar, alle E-Autos beherrschen das Blending zwischen Rekuperation und Scheibenbremsen, beim iX3 geht das aber so weit, dass er die Bremsen nicht einmal zum Anhalten braucht. Stehen bleiben und wieder anfahren laufen daher ungewöhnlich smooth ab.
Dementsprechend komplex ist auch die Verteilung von Antriebs- und Bremsmomenten, auch in Abhängigkeit von Fahrzuständen, etwa beim Anfahren einer Kurve. Schließlich bekommt das Heart of Joy auch die Lenkradstellung mit und kann die Kurvenfahrt unterstützen.
Direkt damit verbunden ist das Superhirn für die Assistenzsysteme. Das ermöglicht bis 130 km/h (im Video 120 km/h, weil Spanien) freihändiges Fahren und autonomen Spurwechsel per Bestätigung durch einen Blick in den Außenspiegel. Wie gut das funktioniert, ob das System mit Überwachung nervt und wo eventuelle Schwächen liegen, verrät das Video. Ein Nachteil liegt auf der Hand: 130 km/h ist zwar in Österreich okay, in Deutschland schränkt es (im Vergleich mit dem klassischen Spurführungstempomaten) aber die Möglichkeiten ein – schließlich gilt dort auf vielen Strecken kein Tempolimit und der iX3 50 xDrive läuft bis zu 210 km/h.
Was es nicht mehr gibt, ist die Möglichkeit, auf den ganz normalen Tempomaten umzuschalten, was bei BMW bisher grundsätzlich möglich war.
Weiteres Beispiel für die Vielzahl an Assistenzmöglichkeiten: Das selbsttätige Ein- und Ausparken funktioniert auch, wenn der Fahrer neben dem Fahrzeug steht und den Finger am Smartphone-Display hat. Steht er dabei leicht im Fahrtweg, bricht der BMW nicht stupide ab, sondern weicht dem Menschen aus. Umfahren statt stoppen, sozusagen (man muss es nur richtig betonen).
Die beiden übrigen Rechner sind zuständig für Infotainment sowie Basis- und Komfortfunktionen.
Antrieb: Stark und weit
Zum Marktstart wird ausschließlich der BMW iX3 50 xDrive angeboten, der insgesamt 345 kW/469 PS und 345 Nm liefert. Der Heckmotor ist der stärkere der beiden, dominiert daher auch fahrdynamisch den Vortrieb und ist ein im Haus entwickelter fremderregter Synchronmotor. Der Asynchron-Motor an der Vorderachse wird bei ZF zugekauft. Er unterstützt den Heckmotor nur bei Bedarf, etwa wenn man überprüft, ob man wirklich in 4,9 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 kommt.
Mit den 109 kWh nutzbarer Akkukapazität ist eine WLTP-Reichweite von bis zu 805 Kilometer möglich, wenn man die entsprechende Bereifung wählt. Normverbrauch: 15,1 kWh/100 km. Das Laden von 10 auf 80% dauert dank 800 Volt und 400 kW Spitzen-Ladeleistung nur 21 Minuten, in zehn Minuten lädt man 372 km WLTP-Reichweite.
Bedienkonzept: Neu und sehr durchdacht
Das an dieser Stelle schon mehrfach beschriebene Bedienkonzept der Neuen Klasse - Panoramic iDrive genannt – setzt sich aus einer Art Head-up-Display-Leiste im unteren (geschwärzten) Bereich der Frontscheibe und einem 17,9 Zoll großen Zentralbildschirm zusammen. Dazu kommt optional ein klassisches Head-up-Display, dessen Position allerdings nicht optimal ist.
Die angezeigten Infos des „Panoramic Vision“ lassen sich sehr leicht konfigurieren. Die Menüführung am Screen ist so durchdacht wie lange nicht mehr bei BMW. Außerdem ist das Abschalten der lästigen Zwangsassistenten sehr leicht: Limitwarner und Spurhalter haben eigene Buttons (links am Rand, immer im Vordergrund), außerdem fragt das Fahrzeug bei jedem Start (KI-gestützt), ob man alle Assistenten abschalten will – dann muss man nur noch bestätigen.
Auffälliges, aber perfektes Lenkrad
Immer wieder Grund für Diskussionen bieten seit längerer Zeit die Bedienelemente an den Lenkrädern, bei denen die Hersteller unterschiedliche Konzepte verfolgen. VW kehrt wieder zu echten Knöpfen zurück, Mercedes hält an unangenehm und fehleranfällig zu bedienenden Touchelementen fest. Insofern war die Spannung groß: Wie funktionieren die elektronischen Elemente im BMW iX3? Antwort: tadellos. Das elektronisch-haptische Feedback funktioniert und die Plastikblöcke sind so geformt, dass man jedes Feld problemlos findet, ohne hinschauen zu müssen.
Ein versehentliches Bedienen mit dem Handballen (beim Rangieren etc.) ist nicht möglich, weil die Bedieneinheiten vom Lenkradkranz abgesetzt sind. Der wiederum ist gut ausgeformt, griffig und mit angenehm weichem Leder bezogen.
Eine Besonderheit an den Bedienelementen: Es werden jeweils nur die Funktionen angezeigt, die gerade verfügbar sind – zur besseren Übersichtlichkeit. So sucht man den Parkassistenten auf der Autobahn vergeblich, findet ihn aber sofort, wenn man ihn braucht, und kann die Funktion intuitiv nutzen.
Gutes Platzangebot
Gerade auf der Rückbank bieten BMWs nicht immer großzügige Platzverhältnisse - im neuen iX3 geht es ähnlich zu wie im Knapp-fünf-Meter-Gerät BMW iX, obwohl der iX3 bei 2,90 m Radstand nur 4,78 Meter lang ist. Der Kofferraum fasst 520 Liter, mit umgeklappten Rücksitzlehnen 1750 Liter. Etwas unwürdig ist, wie man die Lehnen entriegelt – per Stofflasche an der Sitzfläche statt per Hebel im Kofferraum. Zusätzlich befinden sich unter der Fronthaube 58 Liter Extra-Stauraum.
Die Preise
Bei 69.950 Euro beginnt die Preisliste beim BMW iX3 50 xDrive. Da ist zwar der Adaptivtempomat mit Spurführung dabei, aber zum Beispiel nicht die beleuchtete Front, die das neue Design erst vollständig macht. Die beiden Testfahrzeugvarianten bei der Präsentation in Spanien kamen mit sehr guter Ausstattung auf knapp 90.000 Euro. Mit an Bord waren da etwa Anhängerkupplung (2 Tonnen Anhängelast), Glaspanoramadach und alles, was an Elektronik verfügbar ist.
Weniger leistungsstarke Varianten sollen ebenso folgen wie stärkere – auch wenn eine M-Version offiziell noch nicht bestätigt wurde.
Fahrzit
Trotz Hightech-Feuerwerk und auf den ersten Blick völlig abgefahrenem Bediensystem wirkt der BMW iX3 in keiner Weise distanziert, sondern empfängt den Fahrer mit Wohnlichkeit, feiner Bedienung, grandiosem Fahrverhalten und extremen digitalen Möglichkeiten. Teils mit Softskills, denen man anmerkt, dass BMW alle Erwartungen der Kunden erfüllen will.
So haben die Münchner ihre Feuertaufe bestanden – mit neuen Möglichkeiten und alten Qualitäten. Und ja, da ist Leben in der Bude.
Warum?
Tolles Fahrverhalten
Starker Antrieb mit guter Reichweite
Spannendes Bedienkonzept
Warum nicht?
Freunde klassischer BMWs könnten etwas Mühe haben
Oder vielleicht …
… Mercedes GLC EQ, Audi Q6 e-tron, Smart #5
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