Ist das noch ein Van oder schon eine besonders große Luxuslimousine? Mercedes definiert die V-Klasse neu und macht die Baureihe zur veritablen Business Class, der so gar nichts Bus-artiges anhaftet. Außer den vielen echten Sitzplätzen und den vermutlichen Reisequalitäten. Für Österreich gibt es aber Einschränkungen.
V-Klasse? Das war mal schlicht die Pkw-Version des Vito. Hätte der Pietro geheißen, wäre es wohl die P-Klasse geworden. Und bei Stefano - ach nein, S gibt es ja schon. Egal. Wobei offenbar auch eine Menge S-Klasse im VLE steckt.
Der Mercedes VLE ist der Versuch, den Großraumwagen aus der Schmuddelecke der Flughafen-Shuttles zu holen und ihn als „Grand Limousine“ zu verkaufen. Ein Begriff, bei dem man kurz zusammenzuckt. Aber je länger man sich mit dem Auto beschäftigt, desto mehr versteht man, was Mercedes damit meint.
Denn der VLE will nicht einfach nur ein elektrischer Nachfolger der V-Klasse sein. Er will Limousine, Lounge, Lastesel und Langstreckenexpress gleichzeitig sein. Und zwar auf einer völlig neuen Plattform, mit 800-Volt-Technik, Luftfederung, Hinterachslenkung und so viel Bildschirm, dass man im Fond fast fragt, ob man denn nicht an eine Halterung für den Popcorneimer gedacht hat. Und an ein Abo für die Lieferung ans Auto.
Ein Van, der nicht mehr wie ein Van aussehen will
Der wichtigste Punkt zuerst: Mercedes hat begriffen, dass so ein Auto heute nicht mehr aussehen darf wie ein fahrender Schuhkarton. Der VLE steht auf einer neuen elektrischen Van-Architektur und nutzt diese Freiheit optisch ziemlich konsequent aus. Die Silhouette ist deutlich flacher und gestreckter als das, was man von klassischen Großraumlimousinen kennt. Dazu kommt ein Luftwiderstandsbeiwert von 0,25 – und das ist für so ein Auto wirklich bemerkenswert.
Man sieht: Hier hat jemand nicht nur an Einstiegshöhe und Schiebetüren gedacht, sondern auch daran, wie man so einen Brocken durch den Wind schneidet, ohne dass er die notwendigen Eigenschaften verliert. Vorne gibt’s den markentypisch neu interpretierten Grill, viel Lichtinszenierung, sternförmige Tagfahrlichter und überhaupt reichlich Premium-Geblinke. Hinten ziehen sich die Leuchten bogenförmig übers Heck. Das Ganze wirkt erstaunlich elegant für ein Auto, das auf Wunsch bis zu acht Leute samt Gepäck und halbem Wochenendprogramm aufnehmen kann.
Zwischen Wohnzimmer, Kino und Konferenzraum
Drinnen wird’s dann endgültig unerquicklich für alle, die noch glauben, Vans seien bloß praktische Kisten für Großfamilien mit Müsli-Rückständen in der Sitzritze. Mercedes fährt hier ziemlich groß auf.
Der VLE ist von fünf bis acht Sitzen konfigurierbar. Es gibt Einzelsitze, Sitzbänke, Komfortsitze, Premium-Komfortsitze und einen Grand-Komfortsitz mit allem, was die Orthopädie des Wohlstands so hergibt: Massage, Lordosenstütze, Wadenauflage, Zusatzkissen, kabelloses Laden. Business Class auf Rädern, nur ohne Sicherheitsvideo und mit besserem Blick auf die Raststätte.
Besonders hübsch ist die Idee mit dem „Roll & Go“-System. Die manuell verstellbaren Sitze haben vier Rollen, lassen sich verschieben, arretieren oder einfach rausnehmen und in die Garage rollen. Das ist nicht nur praktisch, sondern auch eine schöne Pointe in einer Zeit, in der man sonst für jede Kleinigkeit zuerst ein Tutorial braucht.
Lasset die Sitze tanzen!
Noch absurder – im besten Sinn – wird’s bei den elektrischen Sitzen. Die lassen sich per App oder Zentraldisplay verschieben. Mercedes spricht vom „Sitzballett“, und ausnahmsweise ist das nicht nur Pressestellen-Poesie. Es gibt voreingestellte Modi wie „Gepäck“, „Executive“, „Personen & Gepäck“ oder „Standard“. Auf Knopfdruck schiebt sich der Innenraum also in die jeweils passende Form. Der VLE macht quasi Möbeldesign auf Softwarebasis.
Bei ausgebauten Sitzen stehen bis zu 4078 Liter Ladevolumen zur Verfügung, mit drei Sitzreihen sind es bis zu 795 Liter.
Dazu kommt ein riesiges Panoramadach, umlaufende Ambientebeleuchtung und – natürlich – ein ausfahrbarer 31,3-Zoll-Panoramascreen im Fond. 8K, Splitscreen, Kamera, Apps, Videokonferenzen, Cloud-Gaming, Disney+, Burmester-Anlage mit 22 Lautsprechern. Früher hat man im Fond Auto-Quartett gespielt. Heute kann man auf dem Weg nach Velden offenbar gleich den halben Streamingdienst leer schauen oder das nächste Zoom-Meeting abhalten.
Das Cockpit: Bildschirm ist nicht alles, aber hier fast
Auch vorne lässt Mercedes nichts anbrennen. Optional spannt sich ein MBUX Superscreen über die gesamte Breite: Instrumentendisplay, zentrales 14-Zoll-Display und ein weiteres 14-Zoll-Display für den Beifahrer – alles unter einer Glasfläche. Das ist mittlerweile nicht mehr revolutionär, aber im VLE ergibt es durchaus Sinn: Wer so ein Auto kauft, will meist nicht Verzicht, sondern das gute Gefühl, auf allen Ebenen ausreichend digital versorgt zu sein.
Was es nicht gibt, ist der neue, fast einen Meter breite Hyperscreen aus dem Mercedes GLC, der nicht einzelne Bildschirme zusammenfasst, sondern nahtlos quer über das ganze Armaturenbrett reicht.
Das Betriebssystem heißt MB.OS und ist KI-gestützt. ChatGPT, Bing, Google Gemini – alles mit drin, damit der virtuelle Assistent nicht nur aufs Stichwort „Temperatur 22 Grad“ reagiert, sondern sich wie ein informierter Freund unterhalten soll. Das ist der Moment, wo man kurz hofft, dass dieser Freund nicht auch irgendwann ungefragt Lebensratschläge erteilt.
Spannender ist, dass Mercedes damit das ganze Fahrzeug stärker aus einem Guss denken will: Infotainment, Navigation, Assistenzsysteme, Updates, alles hängt zusammen. Navigation läuft auf Basis von Google Maps, die Routenplanung berücksichtigt Ladestopps, und Over-the-Air-Updates sollen den Wagen aktuell halten. Man kauft also nicht nur ein Auto, sondern eine rollende Softwareplattform mit Leder und Luftfederung.
Fahren: Mehr S-Klasse als Sprinter
Der vielleicht wichtigste Punkt an diesem Auto ist aber nicht der Bildschirmzirkus, sondern die Frage: Fährt das Ding auch so gut, wie Mercedes behauptet?
Wenn die Stuttgarter recht behalten, dann wird genau das die große Stärke des VLE. Er bekommt eine neue Airmatic-Luftfederung mit Niveauregulierung, die das Auto um bis zu 40 Millimeter anheben oder absenken kann. Clever: Mit Kartendaten soll das System das Niveau möglichst lange niedrig halten, um den Luftwiderstand zu senken. Das ist jene Art von Ingenieursdenken, die man gern sieht – nicht nur Komfort, sondern Komfort mit Sinn.
Dazu kommt eine Hinterachslenkung mit sieben Grad, die den Wendekreis auf 10,9 Meter drücken soll. Das ist unfassbar wenig. Anders gesagt: Der VLE will nicht nur auf der Langstrecke glänzen, sondern auch im Parkhaus nicht wirken wie ein Kreuzfahrtschiff im Jachthafen.
Mercedes verspricht außerdem Geräuschkomfort auf hohem Niveau: steife Karosserie, viel Dämmung, entkoppelter Antrieb. Klingt alles sehr nach dem Versuch, den Van endgültig als Premium-Limousine mit Raumvorteil zu positionieren. Und ehrlich gesagt: Genau dort liegt vermutlich auch die Chance des Autos. Denn das Problem vieler großer Vans war nie nur ihr Image, sondern oft auch, dass sie sich am Steuer eben wie große Vans angefühlt haben.
Großer Akku zum Marktstart
Der neue VLE startet zunächst als VLE 300 elektrisch mit 203 kW/276 PS, später folgt der VLE 400 4MATIC mit 305 kW/408 PS und Allrad. Letzterer beschleunigt in 6,5 Sekunden auf 100 km/h. Beide Modelle nutzen eine neue NMC-Batterie mit 115 kWh nutzbarem Energieinhalt. Mercedes spricht von mehr als 700 Kilometern WLTP-Reichweite beim VLE 300. Im nächsten Jahr folgen zwei Modelle mit Lithium-Eisenphosphat-Batterien (LFP), die einen nutzbaren Energieinhalt von 80 kWh haben.
Der VLE setzt auf 800-Volt-Technik und soll in 15 Minuten bis zu 355 Kilometer Reichweite nachladen können. Das ist die Art von Zahl, die im Alltag tatsächlich etwas verändert. Denn bei Familien, Shuttlebetrieben oder Vielfahrern ist nicht die theoretische Maximalreichweite entscheidend, sondern die Frage, ob der Ladestopp nach „kurz Kaffee holen“ aussieht oder nach „Kinderprogramm an der Raststätte organisieren“.
DC-Laden mit über 300 kW ist möglich, bidirektionales Laden auch, und mit dem optionalen DC-Konverter sollen auch 400-Volt-Säulen genutzt werden können.
Familienkutsche, Shuttle oder Zugmaschine
Und damit sind wir beim eigentlich klugen Teil des Konzepts: Der VLE versucht nicht, nur eine Zielgruppe glücklich zu machen. Er will mehrere gleichzeitig abholen.
Für Familien gibt’s Schiebetüren auf beiden Seiten, optional freihändig zu öffnen, voll versenkbare Fenster, eine separat zu öffnende Heckscheibe und – je nach Mittelkonsole – freien Durchgang nach hinten. Das ist im Alltag oft mehr wert als jede Lichtanimation im Dachhimmel.
Für Freizeitmenschen gibt’s variable Sitze, viel Stauraum und bis zu 2,5 Tonnen Anhängelast. Wohnwagen, Boot, Pferdeanhänger – der VLE soll das alles ziehen können. Das ist für ein Elektroauto dieser Art eine ziemlich wichtige Botschaft, weil genau dort viele Konkurrenten noch Luft nach oben haben.
Und für Shuttle-Dienste oder Hoteltransfers gibt’s den noblen Auftritt, den riesigen Fond-Screen, die Executive-Bestuhlung und überhaupt dieses ganze „Ihr Fahrer holt Sie gleich am Terminal ab“-Ambiente.
Was man daran mögen kann – und was man skeptisch sehen darf
Man kann sich über Begriffe wie „Grand Limousine“ oder „Sitzballett“ lustig machen. Und ja, man wird in diesem Auto vermutlich auf mehr Bildschirmfläche schauen können als in mancher Start-up-Zentrale. Aber unterm Strich ist die Richtung spannend.
Mercedes denkt den Van nicht mehr als Nutzfahrzeug mit besseren Manieren, sondern als eigene Premium-Gattung. Das ist mutig, weil der Markt dafür nicht riesig ist. Aber es könnte aufgehen, weil der VLE genau jene Lücke besetzt, die viele SUVs offenlassen: wirklich viel Raum, echter Komfort für mehrere Personen und dazu ein Fahrgefühl, das nicht nach Möbeltransport aussieht.
Natürlich bleibt abzuwarten, wie sich das Ganze auf der Straße anfühlt, wie viel von den 700 Kilometern übrigbleibt, wenn das Auto voll besetzt über die Autobahn rollt, und wie weit Mercedes beim Preis Richtung Mond fliegt. Denn billig wird der Spaß sicher nicht. Ein elektrischer Großraum-Mercedes mit 800 Volt, Luftfederung, Hinterachslenkung und Fond-Kino wird kaum als Schnäppchen in die Preislisten huschen.
Übrigens: Der VLE wird im Mercedes-Benz-Werk Vitoria (Spanien) gebaut, wo bereits die Vorserienfertigung läuft. Neben dem VLE sollen dort auch der eVito sowie die Verbrenner-Modelle V-Klasse und Vito gebaut werden.
In Österreich muss man auf vieles verzichten
Mercedes-Benz Österreich beschränkt sich auf VLE-Versionen, die ein zulässiges Gesamtgewicht von 3,5 Tonnen nicht überschreiten. Der Grund: Viele Kunden haben einen Führerschein, der auf dieses Limit beschränkt ist. Manche wissen das nicht einmal. Und dann das Thema Maut – über 3,5 Tonnen braucht man eine Go-Box.
Eine Sprecherin erläuterte auf Nachfrage, was das konkret bedeutet: „Zum Verkaufsstart wird es den VLE nur in Serienausführung mit dem Advanced Plus Paket (PDB), sowie einigen zusätzlichen Sonderausstattungen geben. Aufgrund der 3,7 Tonnen wird es vorerst keine Exclusive-Line, kein Premium-Plus-Paket und einige an das Premium-Plus-Paket gekoppelte Ausstattungen geben.“
Fazit
Der Mercedes VLE ist kein Auto für alle. Er will es auch gar nicht sein (okay, die Österreich-Einschränkung ist bitter). Aber er ist eines jener Fahrzeuge, die zeigen, wohin sich das Auto gerade entwickelt: weg von starren Gattungen, hin zu rollenden Lebensräumen (und ein bisschen über die regulatorischen Grenzen hinaus). Ein bisschen Familienkutsche, ein bisschen Business-Lounge, ein bisschen Luxuslimousine – nur eben mit Schiebetüren.
Wenn Mercedes das Fahrverhalten wirklich so gut hinbekommt, wie es die Technik verspricht, und wenn die Ladeperformance im Alltag hält, was die Zahlen ankündigen, dann könnte der VLE ein ziemlich unangenehmer Gegner für alle werden, die glauben, ein großer Premium-Mercedes müsse zwangsläufig ein SUV sein.
Oder anders gesagt: Vielleicht ist die Zukunft des luxuriösen Reisens nicht höher, bulliger und noch mehr Offroad-Optik. Vielleicht gleitet sie einfach leise an, öffnet beidseitig die Schiebetüren - und fährt danach mit acht Leuten und ohne Drama nach Rom.
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