Rund 1.300 Verletzte

Nach Türkei-Beben: Schon über 260 Leichen geborgen

Ausland
24.10.2011 13:19
Tote und Verletzte unter Trümmern, Panik auf den Straßen: Beim schweren Erdbeben am Sonntag im Osten der Türkei sind Dutzende Wohn- und Geschäftshäuser eingestürzt. Die Istanbuler Erdbebenwarte Kandilli befürchtet nach der Erschütterung der Stärke 7,2 zwischen 500 und 1.000 Tote. Bis Montagmittag wurden mehr als 260 Leichen geborgen, über 1.300 Menschen wurden verletzt. Das Zentrum des Erdstoßes lag in der ostanatolischen Provinz Van an der iranischen Grenze.

Das Hauptbeben ereignete sich um 13.41 Uhr Ortszeit. Das Epizentrum des Bebens lag in einer Tiefe von 7,2 Kilometern unter dem Dorf Tabanli rund 19 Kilometer nordöstlich der 380.000-Einwohner-Stadt Van in der gleichnamigen Provinz. Der Erdstoß war nach Medienberichten auch in den Nachbarprovinzen sowie im Nordwesten des Iran zu spüren. Der Krisenstab der Regierung erklärte, durch das Beben seien fast 1.000 Gebäude zerstört worden. Die schlimmsten Schäden gebe es in der Stadt Ercis.

Türkische TV-Sender zeigten Bilder von Menschen, die in Panik auf die Straßen rannten, und von mehrstöckigen eingestürzten Gebäuden. Zwischen Schuttbergen und den auf den Straßen verteilten Trümmern hockten zahlreiche Verletzte. Auf Bildern von Überwachungskameras waren Bürogebäude zu sehen, in denen Möbel übereinander stürzten.

Mehr als 70 Nachbeben bis Montag früh ließen die Bewohner der Region auch am Abend und in der Nacht nicht zur Ruhe kommen. Laut Kandilli gab es am frühen Abend zwei Nachbeben der Stärken 5,4 und 5,5, kurz nach Mitternacht kam es sogar zu einem der Stärke 6,1. Wie die US-Erdbebenwarte mitteilte, war das Epizentrum des bisher stärksten Nachbebens sechs Kilometer von der Stadt Van entfernt. Ob durch die Nachbeben weitere Opfer zu beklagen sind, ist noch nicht bekannt.

Mehr als 260 Leichen geborgen
Auch steht die Zahl der Todesopfer nach dem Hauptbeben weiterhin nicht fest, die Rede ist von bis zu 1.000 Toten. Das Innenministerium in Istanbul teilte Montagmittag mit, es seien bisher über 260 Leichen geborgen worden, mehr als 1.300 Menschen seien verletzt.

Die Opferzahl werde aber noch steigen, da die Informationen aus anderen Städten und den abgelegenen Dörfern an der iranischen Grenze nur schleppend einträfen, sagte ein Sprecher des Krisenstabs in der Provinzhauptstadt Van. Zudem seien zahlreiche Menschen mit teils schwersten Verletzungen in Krankenhäuser eingeliefert worden.

Menschen graben teils mit bloßen Händen nach Vermissten
Die Suche nach Toten und Überlebenden in den Trümmern eingestürzter Häuser wurde unterdessen verstärkt. Mehr als 1.200 Helfer aus dem ganzen Land wurden in das Krisengebiet geschickt. Auch Einheiten der Armee sind im Einsatz. Bewohner der Dörfer gruben auch in der Nacht bei bitterer Kälte mit Schaufeln oder teils mit bloßen Händen nach Vermissten.

Ministerpräsident Recep Tayyib Erdogan sagte alle Termine ab und begab sich laut NTV mit mehreren Ministern ins Erdbebengebiet, um sich ein Bild von der Lage zu machen. "Wir werden keinen Bürger in der Kälte lassen", so Erdogan. Der Rote Halbmond brachte erste Zelte für jene, die nun kein Dach mehr über dem Kopf haben.

Internationale Hilfsangebote
EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy zeigte sich "erschüttert" über das schwere Erdbeben. Nach dem EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs am Sonntag in Brüssel leitete er seine Pressekonferenz zur Schuldenkrise mit der "Nachricht vom schrecklichen Erdbeben" ein, das die Provinz in der Osttürkei heimgesucht habe. Seine Gedanken seien bei den Opfern und Familienangehörigen der Katastrophe, so der EU-Ratspräsident.

Auch Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte in einem Beileidstelegramm an Erdogan ihre "Erschütterung" und bot Ankara deutsche Hilfe an. US-Präsident Barack Obama erklärte, die USA seien "bereit, den türkischen Behörden zu helfen". Auch die NATO und die EU bekundeten ihr Beileid und boten Unterstützung an, ebenso wie Israel, dessen Verhältnis zu der Türkei zurzeit angespannt ist. Moskau erklärte, Russland könne innerhalb kurzer Zeit Rettungskräfte mit Suchhunden und schwerer Technik sowie ein mobiles Feldlazarett in die Krisenregion bringen.

Immer wieder Beben in der Türkei
Die Türkei wird immer wieder von heftigen Erdbeben heimgesucht. In der Provinz Van gab es 1976 ein Erdbeben mit fast 4.000 Toten. Im Jahr 1999 wurden bei zwei großen Erdstößen im Nordwesten des Landes mehr als 20.000 Menschen getötet.

In der Region reiben zwei Erdplatten gegeneinander, weswegen es immer wieder zu schweren Erschütterungen kommt. Schon minimale Bewegungen entlang der sogenannten anatolischen Verwerfung reichen aus, um das Land zu erschüttern. Die Türkei lebt somit in ständiger Angst vor neuen Erdstößen.

Rund 92 Prozent des 780.000 Quadratkilometer großen Landes liegen auf Erdbebengürteln. Etwa 95 Prozent der Türken leben auf unsicherem Grund, auf dem auch 98 Prozent der Industrieanlagen sowie die wichtigsten Staudämme und Kraftwerke stehen. Fast die Hälfte dieser Staudämme wurde in besonders gefährdeten Gebieten gebaut.

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