Einen schönen Freitagabend.
Ich fand das Konzept der Zeitreisen immer spannend. Mit Franz Kafka mittagessen, beim Bau der Pyramiden zusehen oder noch weiter in die Vergangenheit reisen und Johannes Heesters beim Erwachsenwerden zusehen. Vielleicht auch ein paar Diktatoren töten, wenn sie noch Babys sind, wobei die ohne ihre skurrilen Frisuren und Bärte schwer zu erkennen sein werden. Oder zu erkennen waren. Sie sehen, das mit den Zeitreisen ist kompliziert. Ich würde zu meinem 16-jährigen Ich aufbrechen und sagen: „Du musst später nichts studieren, sondern investiere sofort in Bitcoins, wenn sie auftauchen.“ So habe ich nur den ersten Teil durchgezogen. Zeitreisen sind bis an mein Lebensende nicht mehr möglich, dachte ich, außer jemand aus der Zukunft kommt mich besuchen - vielleicht um mich zu töten, bevor ich Kinder bekomme. Wobei ich mich für das Großvaterparadoxon noch etwas zu jung fühle. Tatsache aber ist, dass sich das ganze Land in der Zeit zurückbewegt, wir sitzen als Passagiere in einer großen Coronapolitik-Zeitmaschine Richtung gestern.
Dass wir den März 2022 schreiben, kann angesichts dieser Nachrichtenlage nur ein eigenes Paradoxon sein: Gestern haben sich 280 Österreicher ihre Erstimpfung geholt, vergangenen Sonntag waren es 67 Personen. 67! Wir nähern uns also einer Zeit, in der es noch gar keine Impfung gab. Am 28. Dezember 2020, am Tag nach dem ersten Stich, wurden 1342 Österreicher, durch die Bank Bürgermeister, geimpft. 20-mal so viele wie vergangenen Sonntag.
Gesundheitsminister Johannes Rauch will sich jetzt einmal die Prognosen anschauen. Wir sind in unserer Zeitreise jetzt beim 22. Jänner 2020 angekommen. Rauchs Vorvorgänger sagte damals nach den ersten weltweiten Covid-Fällen: „Derzeit ist absolut kein Grund zur Aufregung, aber es braucht größte Aufmerksamkeit.“ Die Behörden würden „beobachten“. Rauch wollte zudem eine Expertenmeinung zu den Masken einholen, März 2022 diskutieren wir über die Sinnhaftigkeit des FFP2-Schutzes in Innenräumen. Sie ahnen, was in Österreich wohl bald eingeführt wird: die Gesichtsvisiere. Ich habe das nicht getragen. Man wusste in der U-Bahn nie: Fährt der neben mir jetzt ins Theater oder zum Ausbeinen einer Schweinehälfte?
Und bald zahlen wir wieder viel Geld für die PCR-Tests.
Wir reisen also in die Vergangenheit, und das bei Zahlen, die wir uns für das Ende aller Tage nicht hätten vorstellen können. Ich muss nicht in die Zukunft schauen können, um zu ahnen: Vielleicht nicht die beste Idee.
Ich wünsche einen schönen Feierabend, so Sie einen haben.
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