Aufregendes „Gsindl“: Manche Erregung in der Politik hat eine Halbwertszeit von wenigen Stunden. Aber wenn die niederösterreichische ÖVP-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner „die Roten“ in einem Chat als „Gsindl“ bezeichnet, dann verebbt die Aufregung nicht so rasch. Selbst dann nicht, wenn sich die starke Frau der Türkis-Schwarzen dafür entschuldigt. Das „Gsindl“ wird auf den „Krone“-Leserbriefseiten ausführlich und mit viel Emotion diskutiert. Da weist zwar eine Leserin darauf hin, wie diese Handy-Nachrichten in die Öffentlichkeit gelangten - nämlich durch Daten-Diebstahl. Und sie meint auch, dass die Bemerkung Mikl-leitner ihre Richtigkeit hatte und sie habe „noch immer - mehr denn je - Gültigkeit“. Doch damit ist diese Leserbriefschreiberin ziemlich allein auf weiter Flur. Der Rest zeigt sich entsetzt. Da ist die Rede davon, wie erschütternd es sei, „wie manche hohe schwarze Persönlichkeiten über ihr Gegenüber denken“, oder es heißt, der Umgangston „in dermaßen hohen Positionen“ sei „beschämend und verwerflich“, eine weitere Leserin meint, die politische Landschaft werde immer niveauloser, ein anderer Leser schreibt, von Kickl sei man solche Wortwahl ja gewohnt „und jetzt auch die ÖVP“. Er fragt sich allerdings gleichzeitig, warum solche Chats aus der SPÖ nicht auftauchen. Was die Halbwertszeit betrifft - da fragt ein Leser aus St. Pölten, „glaubt die ÖVP, die Wähler merken sich diese Ausdrücke nicht bis zur nächsten Wahl?“ Und er fügt gleich die Antwort hinzu: „Es wird für diese Partei ein schreckliches Erwachen geben. Der ,Pöbel´ und das ,Gsindl´ vergisst nicht.“ Tatsächlich scheint das „Gsindl“ tief zu sitzen, deshalb beschäftigt sich heute auch „Krone“-Kolumnistin Conny Bischofberger mit der Aussage...
Und die SPÖ? Conny Bischofberger verweist in ihrer Kolumne auf den „herben Charme“ der Landeshauptfrau, wenn sie schreibt: „Ich erinnere mich, dass sie den “Krone„-Fotografen einmal scherzhaft ,Burli´ nannte und auch sonst in ihrer privaten Wortwahl nicht zimperlich war.“ Die Kolumnistin hat den österreichischen Schimpfwörter-Experten Prof. Rudolf Muhr um eine Einschätzung von „Gsindl“ gefragt. Als Auskunft bekam sie, dass der Ausdruck von „Gesinde“ stammt, „das waren jene armen Schweine, die auf den Höfen gerackert haben und verdächtigt wurden, Diebe zu sein, hinterfotzig und niederträchtig, man vertraute ihnen nicht.“ Deshalb sei es eine erhebliche Missachtung und Respektlosigkeit, eine Gruppe als „Gsindl“ zu bezeichnen. Bischofbergers Resümee daher: Diese Missachtung zwischen ÖVP und SPÖ ziehe sich schon seit der Zwischenkriegszeit durch und wurde während der großen Koalitionen dadurch gedämpft, dass sich „Rote“ und „Schwarze“ die Republik aufteilten. „Gsindl“ zeige, wie tief die Gräben wieder und noch immer seien. Und schließlich fragt sich Bischofberger: „Was ist eigentlich das Schimpfwort der SPÖ für die ÖVP?“ Ja, da sind wir wieder einmal bei dem einen oder der anderen Leserin, der/die sich fragt, was eigentlich die SPÖ da so alles an Schimpf und Schande für die ÖVP absondert. Bloß hatte die Öffentlichkeit bisher keinen Einblick in deren interne Kommunikation. Aber, wer weiß - das werden wir vielleicht auch noch erfahren.
Einen schönen Donnerstag!
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