26.09.2021 06:00 |

Das große Interview

Was ist an unseren Schulen los, Mati Randow?

Sein offener Brief an Kurz, Mückstein und Faßmann und ein heftiger Schlagabtausch mit einem Beamten in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ haben Mati Randow (17) ins Scheinwerferlicht gerückt. Auch im Gespräch mit Conny Bischofberger traut sich der Schulsprecher was.

Schluss mit dem Chaos! Sagt ein 17-Jähriger im Namen Zigtausender Schülerinnen und Schüler, aber auch im Namen von Lehrern und Eltern. Er heißt Mati Randow und sieht aus wie ein freundliches großes Kind. Wir sitzen im Innenhof eines Zweisternhotels in Rom, dort ist Mati auf Schulwoche, es ist die erste Reise seit Anfang der Pandemie.

„Ich fühle mich sonst so alt“
Er holt Espressi vom Frühstücksbuffet und fragt, ob wir per Du sein können. „Ich fühl mich sonst so alt“, lacht er. Obwohl sein Vorname finnisch klingt, gibt es dazu keine Hintergrundgeschichte. „Meiner Mutter gefiel Matti, mein Vater hat dann ein ,t‘ weggestrichen.“

32 Gymnasien haben den offenen Brief an die Bundesregierung unterschrieben, bei dem der Schulsprecher der Wiener AHS Rahlgasse federführend war. Die Schülervertreter kritisieren darin die mangelhaften Corona-Maßnahmen. Mehr als 600 Klassen sind in Quarantäne, immer mehr Eltern nehmen ihre Kinder aus den Schulen.

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Dieser Generalsekretär, der vor Jahrzehnten das letzte Mal an einer Schule war, erklärt mir, dass eh alles super ist. Das muss man sich einmal vorstellen.

Schulsprecher Mati Randow

„Krone“: Bei „Im Zentrum“ und vorher auch schon in der „Krone“ hast du einen Beamten des Bildungsministeriums angegriffen. Warum?
Mati Randow: Weil vier ÖVP-Politiker abgesagt haben, und es ging immerhin um das Thema „Kinder in der Pandemie - von der Politik im Stich gelassen?“ Wenn dann ein Beamter geschickt wird, ist das schon ein Zeichen, auch wenn er der Generalsekretär im Bildungsministerium ist. Und dieser Generalsekretär, der vor Jahrzehnten das letzte Mal an einer Schule war, erklärt mir, dass eh alles super ist. Das muss man sich einmal vorstellen.

Der Betroffene hat es als Arroganz wahrgenommen. Kannst du das nachvollziehen?
Wenn ein Spitzenbeamter es für notwendig erachtet, einem 17-Jährigen am Schluss, wenn er keine Möglichkeit mehr hat zu antworten, Arroganz zu unterstellen, dann zeigt er damit sein wahres Gesicht. Dann frage ich mich, wer da arrogant ist. Das heißt doch, dass er es inhaltlich nicht geschafft hat, zu argumentieren. Dann greift man halt die Person an. Im Übrigen hat er mich falsch zitiert. Ich habe nicht gesagt, dass sie „irgendeinen“ Beamten geschickt haben, so weltfremd bin ich nicht. Ich habe kritisiert, dass sie „einen Beamten“ schicken. Mir ging es darum, dass das eben kein gewählter Regierungsvertreter ist.

Jeannée hat „mehr Arroganzlinge“ wie dich gefordert und der Standard bezeichnete dich als Sprachrohr der politisierten Generation. Worüber freut man sich mehr?
Ich freue mich über jede Aufmerksamkeit, die das Thema bekommt. Egal von welcher Seite.

Gab es schon ein Angebot, in die Politik zu gehen?
Nicht dass ich wüsste (lacht). Die Reaktionen waren überwältigend. Nach der Sendung ist mein Handy keine Sekunde stillgestanden. Es haben mir so viele gratuliert. Meine Eltern natürlich, aber zum Beispiel auch eine ehemalige Volksschullehrerin und eine Kindergartenpädagogin. Ich glaube, man hört uns jetzt zu. Wir haben einen Nerv getroffen, und dieser Nerv ist schon ziemlich entzündet.

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Die Politik hat hier versagt, ich wüsste nicht, wie man es anders ausdrücken sollte.

Schulsprecher Mati Randow

Kommen wir zum Thema. Was ist los an den Schulen?
Ich nehme es nicht zurück, dass an den Schulen Chaos herrscht. Auch wenn Minister Faßmann das bestreitet. Das fängt bei den Corona-Bestimmungen an - statt die Regeln zu verschärfen, damit weniger in Quarantäne müssen, werden die Quarantänereglungen gelockert - und hört beim Impfen auf. Die Politik hat hier versagt, ich wüsste nicht, wie man es anders ausdrücken sollte.

Was ist der Vorwurf?
Wir haben enorm viele Infektionen und viele Jugendliche mit Long Covid, weil die Schulen nicht sicher gemacht wurden. Die Politik erweckt nur den Anschein von Sicherheit. In Wahrheit schiebt die Bundesregierung und insbesondere der Bildungsminister Verantwortung seit eineinhalb Jahren auf uns Junge ab. Die Luftfilter sind ein gutes Beispiel.

Der Minister sagt, jede Schule hat sie bekommen.
Das stimmt aber nicht. Wir haben 40 solche Filter bekommen, aber wir sind die Ausnahme. Das sind Geräte, die wir davor noch nie gesehen haben, aber wir sollen uns jetzt darum kümmern, wie die eingeschaltet werden. Die Schulen sind ohnehin so überlastet. Und dann gibt es - bei unglaublich vielen Arbeitslosen - kein administratives Personal, das die Direktorinnen und Lehrer unterstützt? Die werden jeden Tag mit neuen Sisyphusarbeiten eingedeckt. Dabei sollten sie eigentlich unterrichten. Das schlägt sich auf die Stimmung nieder.

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Mental geht es uns nicht gerade gut. Man hört uns nicht zu. Weil Kinder und Jugendliche keine wirkliche Lobby haben.

Schulsprecher Mati Randow

Wie ist die Stimmung?
Es herrscht Verunsicherung und mental geht es uns auch nicht gerade gut. Man hört uns nicht zu. Weil Kinder und Jugendliche keine wirkliche Lobby haben. Wir haben nur die Bundesschülervertretung, die fast keiner kennt, und die auch nicht demokratisch gewählt wird. Deshalb war der offene Brief so wichtig, den jede dritte Wiener AHS unterschrieben hat.

Faßmann hat ja auch geantwortet.
Wir haben den Brief an drei Regierungsmitglieder gerichtet, an Kurz, Mückstein und Faßmann. Dass nur einer lapidar geantwortet hat, mit einem Tippfehler drinnen, sagt schon alles.

Soll eine Impfpflicht für Lehrer kommen?
Wir fordern eine Impfpflicht für Lehrer in Volksschulen und für Kindergartenpädagoginnen. Kinder, die sich nicht schützen können, müssen durch geimpfte Lehrer geschützt werden, das ist doch ganz klar. Es heißt immer, 77 Prozent der Lehrer sind eh geimpft. Aber jede vierte Klasse wird immer noch von einer ungeimpften Lehrperson unterrichtet. Und dann weigern sich die Politiker, etwas dagegen zu unternehmen.

Aber oft sind auch die Eltern ungeimpft.
Ich finde es furchtbar, wenn Kinder von Eltern, die Impfgegner sind, in Geiselhaft genommen werden. Man darf ja erst mit 14 selbst entscheiden, ob man sich impfen lässt. Es sollte auch viel mehr Aufklärungsunterricht über Corona geben, wo Verschwörungstheorien diskutiert werden. Aber Hauptsache, wir haben einen Covid-Ninja-Pass bekommen, dafür wurden über 400.000 Euro ausgegeben. Niemand weiß, wofür der sein soll. Stattdessen hätte man eine Impfkampagne für Jugendliche machen können.

Bist du geimpft?
Ja, an unserer Schule ist die Durchimpfungsrate auch relativ hoch.

Du bist Schulsprecher an einer sehr privilegierten Schule. Kannst du auch für Schüler an Brennpunktschulen in Favoriten oder Ottakring sprechen?
Ich denke, dass die Jugend beim Thema Corona ziemlich geeint ist. Wir haben es mit unserem offenen Brief geschafft, dass Schülerinnen und Schüler in gewisser Weise eine Art Lobby haben, zumindest für eine Woche. Ich glaube, unsere Anliegen sind weitverbreitet.

Könntest du dir eigentlich vorstellen, in die Politik zu gehen?
Ich kann es nicht ausschließen, aber im Sandkasten habe ich jedenfalls nicht davon geträumt (lacht). Ich hab schon vor Jahren daran gedacht, Lehrer zu werden, den Gedanken hab ich noch immer. Mich interessiert aber neben dem Lehramt und der Bildungswissenschaft auch Psychologie oder Jus. Mal sehen.

Würdest du dich als politisch unabhängig bezeichnen?
Ich bin immer abhängig von denen, für die ich spreche. Von den Schülern der Rahlgasse, den Unterzeichnern des offenen Briefs, etc. Ich versuche, für meine Generation zu sprechen, aber ganz sicher nicht für eine Partei.

Wie geht es dir mit Hasskommentaren? Viele vergleichen dich jetzt mit Sebastian Kurz und behaupten, du wärst von der Impflobby bezahlt.
Sollen sie. Den Vergleich mit Sebastian Kurz finde ich nicht sehr sympathisch. Das mit der Impflobby finde ich lustig, ich werde offenbar als viel gefährlicher eingeschätzt als ich bin. Letztlich bin ich trotzdem ein 17-jähriger Schulsprecher und Schüler, der versucht, seine Matura gut zu absolvieren. Was uns übrigens auch nicht leicht gemacht wird.

Du hast es abgelehnt, für dieses Interview schon einen Tag früher nach Wien zu fliegen. Bin ich eine Klimasünderin, weil ich für einen Tag nach Rom geflogen bin?
Wir sitzen zwar gerade nicht weit vom Vatikan entfernt, ich weiß aber nicht, ob man hier von einer Sünde“ sprechen muss. Die wahren Klimasünder sind die großen Konzerne, die für den Großteil der CO2-Emissionen verantwortlich sind, und die Politiker, die sie subventionieren. Klar ist: Wir alle müssen Luxus-Emissionen reduzieren. Was für wen in welcher Lebenssituation Luxus ist, das muss erst einmal jeder und jede für sich selbst beurteilen.

In Wien findet jetzt gerade die Klima-Demo statt, wie auch vor dem Hotel, in der Via di Santa Maria Maggiore, und in 1200 anderen Städten. Wärst du gerne dabei.
Ja, ich war bis jetzt auf fast jedem weltweiten Streik. Anfang 2019 bin ich ins Kernorganisationsteam gerutscht und habe beim ersten weltweiten Klimastreik in Wien die Route konzipiert und Teilnehmer mobilisiert. Und dann habe ich die Rede vor 25.000 Leuten am Heldenplatz gehalten. Wenn du da oben stehst, ist das schon ein irrer Moment.

Warum hast du dich dann aus der Bewegung zurückgezogen?
Weil ich das Gefühl hatte, dass da zu viele Erwachsene dabei waren, die den Öko-Aktionismus des 20. Jahrhunderts neu beleben wollen. Das kann nicht der Anspruch einer Bewegung sein. Und es gab auch eine sehr starke politische Vereinnahmung durch die Grünen.

Mit sieben im Kinderparlament

Geboren am 1.7.2004 in Wien. Der Vater ist Kunstschaffender, die Mutter stammt aus Hamburg und arbeitet als Redakteurin in Wien. Mit sieben Jahren saß Mati Randow - er ist ein Einzelkind - bereits im Kinderparlament, mit zehn war er Klassensprecher. Beim weltweiten Klimastreik auf dem Heldenplatz 2019 hielt der damals 14-Jährige vor 25.000 jungen Menschen eine Rede. Schulsprecher der AHS Rahlgasse in Wien ist er seit September 2019 - am kommenden Mittwoch kandidiert er für seine dritte Amtszeit.

Conny Bischofberger
Conny Bischofberger
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