19.04.2021 20:28 |

Corona-Ausreisetests

Experten empfehlen deutliche Grenzwert-Senkung

In Bezirken, in denen „Ausreisetests“ durchgeführt werden, wird das tägliche Wachstum der Sieben-Tage-Inzidenz im Schnitt um sechs Prozent gebremst, wie Komplexitätsforscher um Peter Klimek in einem neuen Papier berechnen. Um eine Strategie in Österreich zu fahren, die auf niedrige Inzidenzen als Kennzahl setzt, empfehlen die Wissenschafter daher Inzidenz-Grenzwerte für regionale Ausreisetests von aktuell 400 auf 100 und darunter zu senken.

Von den vorgeschriebenen Testungen bei der Reise aus einem Bezirk mit sehr hohem Infektionsgeschehen profitieren demnach auch die angrenzenden Gegenden: Dort lässt sich der Analyse zufolge die Zunahme der Sieben-Tage-Inzidenz immerhin um drei Prozent täglich drücken. Erstellt wurde sie von den beiden am Complexity Science Hub (CSH) Vienna und der Medizinischen Universität tätigen Forscher Peter Klimek und Stefan Thurner sowie von Georg Heiler (CSH und Technische Universität Wien). 

Extremes Drücken der Sieben-Tage-Inzidenz möglich
Senke man den Grenzwert für die vierwöchigen lokalen Maßnahmen längerfristig auf eine Inzidenz von 100, sei damit zu rechnen, dass bundesweit dann nur noch um die 50 neu infizierte Personen pro 100.000 Einwohner und Woche zu verzeichnen wären, schrieben sie in dem am Montag veröffentlichten Papier. Würden Ausreisetests gar schon ab einer Inzidenz von 25 verlangt, ließe sich eine österreichweite Sieben-Tage-Inzidenz von zehn erreichen.

Ausreisetests „keinesfalls aufgeben“
Da die Maßnahme laut den Forschern „hocheffektiv“ wirke, sollte dieses vielfach kontrovers diskutierte Eindämmungskonzept auch bei Öffnungsschritten „keinesfalls aufgegeben werden“, wird betont. Insgesamt könne die Vorgehensweise eine entscheidende Rolle beim Management von Lockerungen spielen, die angesichts zuletzt positiver Trends möglich sein sollten, so die Wissenschaftler. Öffnungen sollten jedoch nicht zu schnell und zu umfassend erfolgen.

Schwenk zu Niedriginzidenz-Strategie gefordert
Für die kommenden Monate halten die Wissenschafter fest, dass „mit insgesamt fallenden Infektionszahlen“ der Ausreisetest-Grenzwert weiter nach unten gesetzt werden könne, „ohne übermäßig viele Regionen mit regionalen Maßnahmen belegen zu müssen.“ Damit könne man im Sommer hin zu einer Strategie wechseln, die darauf setzt, die Inzidenz deutlich zu drücken.  Eine solche sei „von wissenschaftlicher Seite überwiegend und wiederholt gefordert“ worden.

Welle „versandet“ durch weniger Mobilität
Die Annahmen der Forscher basieren auf Analysen der Situation in jenen 14 politischen Bezirken bzw. Hochinzidenz-Gemeinden, in denen Ausreisetests bis zum 6. April verordnet wurden. Auch durch verminderte Mobilität und Kontakthäufigkeit „versandet“ demnach eine Welle unter diesen Bedingungen rascher. Obwohl die messbaren Effekte sich von Fall zu Fall erheblich unterschieden, sei die Wirkung positiv.

Herdenimmunität wohl erst bei über 80 Prozent
Ausreisetests bräuchte es voraussichtlich auch noch im kommenden Herbst und Winter, da bis dahin nach Ansicht der Forscher noch keine Herdenimmunität erreicht werden könne. Der Grund: Durch die ansteckendere britische Virusvariante liege die Herdenimmunität nicht mehr wie früher angenommen bei 70 Prozent, sondern womöglich erst bei 80 bis 85 Prozent. Mit Kontrollen ließe sich ein regionales Auftreten von neuen Mutationen eindämmen.

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