12.11.2020 09:46 |

Umgang mit Coronavirus

Pandemie-Kontrolle mit „Schweizer-Käse-Strategie“

Im Frühjahr hat der spanische Ingenieur und Schriftsteller Tomas Pueyo mit „Der Hammer und der Tanz“ internationale Bekanntheit erlangt. Sein millionenfach aufgerufener Artikel, in dem er sich dafür aussprach, harte Maßnahmen gegen das Coronavirus lediglich für einige Wochen zu ergreifen („Hammer“) und diese zwischendurch zu lockern („Tanz“), ist auch während der zweiten Welle noch genauso aktuell wie im Frühjahr. Nun veröffentlichte er mit „Die Schweizer-Käse-Strategie“ erneut ein viel beachtetes Werk. Darin zeigt er auf, welche Fehler vor allem westliche Länder während der Corona-Krise gemacht haben und wie es trotz vielerorts steigender Infektionszahlen gelingen kann, das Virus doch noch unter Kontrolle zu bringen.

Pueyo kritisiert zunächst einmal, dass es vielen Staaten auch acht Monate nach dem Beginn der Pandemie nicht gelungen sei, eine nachhaltige Strategie zu entwickeln, um die Corona-Krise unter Kontrolle zu bringen. Er lobt jedoch ausdrücklich das Pandemie-Management der asiatisch-pazifischen Staaten, wo die Fallzahlen praktisch seit März auf einem konstant niedrigen Niveau seien, während sie in der westlichen Welt zuletzt wieder explosionsartig anstiegen.

Auf Beginn der Schulzeit nicht vorbereitet
Staaten wie Japan, Taiwan, China, Hongkong oder Singapur hätten es mithilfe von unterschiedlichen Ausprägungen der „Hammer-und-Tanz-Methode“ geschafft, ihre Ausbrüche zu kontrollieren, ganz unabhängig davon, ob es sich dabei um demokratische oder sogar autoritäre Systeme handle. Pueyo wirft den westlichen Staaten hingegen vor, nicht gut genug aufgepasst zu haben und auf die neue Welle nach dem Ende der Sommerferien nicht vorbereitet gewesen zu sein.


Der 38-jährige Pueyo, der an der US-amerikanischen Eliteuniversität Stanford studiert hat, zeigt auf vier Ebenen auf, wie es gelingen könne, das Coronavirus innerhalb einer Gesellschaft unter Kontrolle zu halten:

  1. So viele Infektionen wie möglich verhindern
  2. Infizierte sollten ihre Kontakte so weit wie möglich reduzieren
  3. Ansteckungsrisiko im Fall von Begegnungen minimieren
  4. Im Falle einer Infektion: Schnelle Identifizierung der Infektion

Reproduktionszahl muss unter 1 sinken
„Keine dieser Abwehrmaßnahmen ist perfekt“ schreibt Pueyo, zusammen seien sie jedoch dazu in der Lage, genügend Fälle zu stoppen, um die Übertragungsrate auf unter 1 zu senken. Der sogenannte R-Wert oder auch Reproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen eine infizierte Person ansteckt. Wenn der R-Wert kleiner als 1 ist, gibt es immer weniger Neuinfektionen und die Pandemie läuft aus. In Österreich lag die Reproduktionszahl am 6. November bei 1,33.

Quarantänepflicht nach Einreise als „optimaler Weg“
Pueyo spricht sich für eine „Schutzbarriere“ aus, um Infektionen fernzuhalten. So könne man etwa die Grenzen für Einreisende aus Risikogebieten schließen, eine Quarantänepflicht einführen, wie das einige Länder in Europa schon gemacht haben, oder auch Menschen an der Grenze testen. Da Einreiseverbote recht teuer seien, ist er eher für die günstigeren Tests an der Grenze, hält Quarantänen aber für den „optimalen Weg“.

Warnung vor einer „heftigen zweiten Corona-Welle“
Einer der größten Misserfolge der Europäischen Union im Kampf gegen das Coronavirus sei es gewesen, nach dem Frühling mit harten Einschränkungen die Grenzen zueinander zu öffnen und somit Infektionen untereinander auszutauschen. Der deutsche Top-Virologe Christian Drosten hatte bereits Anfang September vor einer „heftigen zweiten Corona-Welle“ gewarnt, die aufgrund einer „örtliche Diffusion“ eintreten könnte, also einer Einschleppung von Infektionen aus Urlaubs-Hotspots.

Verhindern von „Cluster-Bildungen“
Es lasse sich ohnehin nicht vermeiden, dass einige infizierte anderen Menschen begegnen und somit ein Ansteckungsrisiko darstellen „Je mehr Menschen in ihren eigenen gesellschaftlichen Gruppen verbleiben, desto besser kann man Infektionen durch Reisende und Infektionen in anderen gesellschaftlichen Gruppen verhindern“, schreibt Pueyo. Diese „Cluster-Bildung“ lasse sich etwa mithilfe unterschiedlich starker Maßnahmen einschränken, wie etwa dem Herunterfahren der Wirtschaft, der Begrenzung von Personengruppen, Ausgangssperren oder Schulschließungen. 

Wenn Einrichtungen geschlossen werden müssten, sollten Schulen aber laut Pueyo die letzten sein, auf die das zutreffen sollte, „insbesondere die Kinderbetreuung“.

Regierungen haben viel Vertrauen verspielt
Pueyo hält starke Lockdowns mittlerweile aber für destruktiv. Im Frühjahr habe ein solcher „Hammer“ Sinn ergeben, weil das wahre Ausmaß der Pandemie damals weitaus größer als bekannt war. Die Situation sei nun - sieben Monate später - jedoch eine völlig andere. Die Regierungen hätten einen Vertrauensverlust innerhalb der Bevölkerung erlitten, weil sie zwischen harten Lockdowns und Ausbrüchen „in unverantwortlicher Weise hin und her taumeln“. 

Superspreader-Events verhindern
Harte Lockdowns sollten so weit wie möglich vermieden werden. Das Schließen von Geschäften hält Pueyo grundsätzlich für falsch, weil der Einkauf mit Maske unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln „weitgehend sicher“ zu sein scheint. Es müsse viel mehr das Ziel sein, sogenannte Superspreader-Events zu verhindern, da zehn bis 20 Prozent der Ereignisse für bis zu 90 Prozent der Übertragungsfälle verantwortlich seien.

Ansteckungsrisiko bei Treffen minimieren
Die nächste Ebene ist für Pueyo die Verringerung des Ansteckungsrisikos bei Begegnungen, die er als „Ansteckungsverhütung“ bezeichnet. Hier gelte es Events zu verhindern, bei denen sich viele Menschen über lange Zeit in einem geschlossenen Raum versammeln. Da kurze Interaktionen meist sicher seien, sollten Treffen verkürzt werden und in jedem Fall einen Mund-Nasen-Schutz getragen werden.

Ausbau des Contact Tracings erforderlich
Außerdem gelte es weiterhin auf die bekannte Strategie „Testen - Nachverfolgen - Isolieren“ zu setzen. Obwohl das wie eine „ziemlich einfache Sache“ aussehe, hätten vor allem westliche Regierungen dabei viele Fehler gemacht. Es reiche nicht aus, nur positiv Getestete zu isolieren, man müsse auch sämtliche Kontaktpersonen unter Quarantäne stellen. Pueyo äußert den Vorwurf, dass viele Länder zu wenige Contact Tracer eingestellt hätten, um die Strategie erfolgreich umzusetzen. Zuletzt hatte etwa die SPÖ vehement den Ausbau der Kontaktnachverfolgung gefordert.

Das schlimmste Versäumnis ortet Pueyo aber bei der mangelnden Durchsetzung und Einhaltung von Isolation und Quarantäne. In Norwegen würden etwa zwei von drei Personen die Quarantäneregeln verletzen. Deshalb seien harte Lockdowns in westlichen Staaten notwendig: „Es ist zu schwer, nur einige wenige Menschen zu isolieren, also isolieren wir sie alle.“

Vier Ebenen der „Schweizer-Käse-Strategie“
Diese vier Ebenen - also das Verhindern von Infektionen, das Ansteckungsrisiko zu minimieren, die Zahl der Begegnungen zu vermindern und das Erkennen von Infektionen - bezeichnet Pueyo als „Schweizer-Käse-Strategie“. Keine dieser Ebenen sei perfekt und alle würden Löcher aufweisen, die Infektionen durchließen, aber alle zusammengenommen würden eine „undurchdringliche Abwehr“ ergeben.


Die Strategie jedes Landes ließe sich in einer Kombination dieser vier Ebenen zusammenfassen. Es könnten aber nicht nur Staaten an der Umsetzung des „zusammenhängenden Puzzles“ beitragen, sondern auch Betriebe, Regionen, Städte oder auch jeder Einzelne seinen Beitrag leisten die rasante Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Martin Grob
Martin Grob
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