Schule abgebrannt

Frankreich: Jugend-Proteste eskalieren zu Gewaltorgie

Ausland
19.10.2010 22:58
Bei einem erneuten landesweiten Streik- und Protesttag in Frankreich hat der Widerstand gegen Präsident Nicolas Sarkozys Rentenreform am Dienstag immer dramatischere Formen angenommen. Schwere Jugend-Krawalle mit brennenden Autos und zerbrochenen Schaufenstern überschatteten die Proteste. In der Stadt Le Mans brannte am Vormittag eine Schule ab (Bild), die zuvor bereits blockiert worden war. Der Bürgermeister vermutet Brandstiftung. In Nanterre kam es erneut zu Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Es gab rund 300 Festnahmen.

Am sechsten landesweiten Streik- und Protesttag seit Anfang September beteiligten sich nach Angaben der Gewerkschaft CGT rund 3,5 Millionen Menschen und damit in etwa ebenso viel wie beim bisherigen Höhepunkt der Aktionen am 12. Oktober. Das Innenministerium sprach hingegen von lediglich 1,1 Millionen Demonstranten.

Bestreikt wurden erneut Fern- und Nahverkehr, die Luftfahrt, Schulen, die Post und andere Unternehmen. Im Mittelpunkt der Proteste stand aber erneut der Energiesektor: Rund 2.500 der 12.500 Tankstellen des Landes waren am Dienstag von der Benzin- und Dieselknappheit betroffen, die zwölf Raffinerien des Landes waren weiter lahmgelegt. Vor vielen Tankstellen bildeten sich lange Schlangen. Arbeitgeberverbände warnten vor Schäden für die Wirtschaft, weil Beschäftigte nicht mehr zum Arbeitsplatz kämen oder der Nachschub für die Produktion fehle.

Ausschreitungen bei Schülerprotesten
Am Rande von Schülerprotesten kam es erneut zu Ausschreitungen und Zusammenstößen. So wurden in Nanterre bei Paris und in Lyon Autos angezündet, die Polizei setzte Tränengas ein. In Paris wurde ein 15-jähriges Mädchen verletzt, als durch angezündete Mülltonnen ein Motorroller explodierte.

Im erbitterten Massenstreik gegen die Pensionsreform haben Demonstranten offenbar auch Öl-Frachtkähne auf dem Rhein in der Nähe von Straßburg gestoppt. Die Streikenden hätten die Schiffe daran gehindert, dringend benötigte Ölprodukte aus benachbarten Ländern nach Frankreich zu importieren, sagten Rohstoffhändler am Dienstag.

Benzin an den Tankstellen geht aus
Wegen der Proteste der Arbeiter im Hafen Fos-Lavera bei Marseille mussten Öl-Raffinerien in Deutschland und der Schweiz bereits ihre Produktion anhalten oder senken. Die Streiks lösten zudem einen Anstieg der Frachtraten um zehn Prozent aus.

An Tausenden Tankstellen in Frankreich ging bereits das Benzin aus. Allein der Ölkonzern Total registrierte Engpässe an etwa einem Viertel seiner 4.000 Servicestationen in Frankreich. Flughafen-Mitarbeiter, Zugführer, Lehrer und Postboten schlossen sich den seit Tagen anhaltenden Protesten von Raffinerie-Arbeitern an.

Gewerkschaft ruft zur "Friedfertigkeit" auf
Nach Angaben des Innenministeriums wurden seit einer Woche rund 1.200 "Randalierer" in Polizeigewahrsam genommen. Am Rande der Demonstration in Paris gab es am Dienstag neun Festnahmen. Hier gingen laut CGT rund 330.000 Menschen auf die Straße, die Stadtpolizei sprach von 67.000 Demonstranten. Sarkozy wandte sich nachdrücklich gegen "Gewalt" und "Ausschreitungen". Auch die Gewerkschaft CFDT rief die Demonstranten zur "Friedfertigkeit" auf.

Im Elysée-Palast beriet die Regierung am Abend darüber, wie sie die Blockaden bei der Benzin-Versorgung auflösen könnte. Die Sitzung, an der neben Sarkozy unter anderem auch Innenminister Brice Hortefeux und Arbeitsminister Eric Woerth teilnahmen, dauerte jedoch nur gut eine halbe Stunde. Eine Erklärung gab keines der Kabinettsmitglieder ab.

Die Rentenreform wird noch in dieser Woche im Senat beraten, der frühestens Donnerstagabend endgültig abstimmen dürfte. Die Pläne sehen eine Erhöhung des Renteneintrittsalters von 60 auf 62 Jahre vor.

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