17.05.2020 06:30 |

Erster Jahrestag

Straches zu Ibiza: „Es war einfach nur peinlich“

Zum Ibiza-Jahrestag sprechen Heinz-Christian Strache (50) und Ehefrau Philippa (32) darüber, wie sie alles erlebt haben, über die „schoarfe“ Russin, den Stand privater Ermittlungen, den geplanten Verkauf der „Krone“, Urlaub bei der Tante statt auf Ibiza und was aus dem grauen T-Shirt wurde.

Sie reiben sich die Augen? Die Straches in der „Krone“? Ehrlich gesagt, hätten auch wir nicht gedacht, dass wir sie je noch einmal interviewen würden. Aber heute ist der Jahrestag des Ibiza-Videos, und wir hätten da schon noch ein paar Fragen. Ein düsteres Innenhof-Büro im Erdgeschoß hinter dem Rathaus, in das der Auferstandene im Herbst gerne einziehen würde. Im dritten Stock hat ausgerechnet der Erzfeind seinen Sitz, die Wiener FPÖ. Die da unten gegen die da oben heißt das neue Match um Wien in der Ebendorferstraße. Strache rüstet hier zu seiner zweiten Welle.

Eine Atmosphäre fast wie im Video: grelles Neonlicht trotz frühsommerlichen Sonnenscheins, eine Dose Red Bull auf dem Tisch, eine Zigarette in der Hand, Gucci-Gürtel in den Jeans. Bevor das Gespräch beginnt, tippt der Neo-Spitzenkandidat noch flink eines seiner unzähligen und später berühmt gewordenen SMS in sein Handy. Er hustet und empört sich: „Warum soll ich nicht mehr SMS schreiben? Ich hab‘ mir ja nichts vorzuwerfen. Ich habe nichts zu verbergen!“

„Krone“: Herr Strache, vor einem Jahr haben Sie wortreich ihren Rücktritt erklärt. Jetzt sind Sie wieder da. Worauf ist nun Verlass?
Heinz-Christian Strache: Der Rücktritt war eine irrsinnige Zäsur. Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich war wie in Trance. Wie in einem schlechten Film: Du weißt, du hast nichts angestellt, aber du kannst es nicht beweisen. Mein Rücktritt als Vizekanzler war in Ordnung, um die Regierung zu retten, was im Nachhinein eh nicht funktioniert hat, weil Sebastian Kurz sein Wort nicht gehalten hat. Aber es war ein Fehler, als Parteichef zurückzutreten und das EU-Mandat mit fast 45.000 Vorzugsstimmen nicht anzunehmen. Die Illoyalität, mit der man danach mit mir und meiner Frau umgegangen ist, hat in mir den Entschluss reifen lassen, mich zu wehren und wieder politisch aktiv zu werden. Ich hätte der Partei im November ja noch die Hand gereicht und die Aufhebung meiner Suspendierung angeboten, das hat man aber ausgeschlagen.

Blenden wir ein Jahr zurück, zum Tag des Ibiza-Videos: Wann haben Sie vom Video erfahren? Und wie war es, als Sie es selbst das erste Mal gesehen haben?
Ich hatte am Mittwoch davor eine Vorahnung, als mir Reporter der „Süddeutschen“ Fragen dazu gestellt haben. An diesem Freitag um 18 Uhr saßen wir dann mit dem ganzen Team in meinem Büro, um uns zu beraten. Meine Frau war auch dabei. Ich konnte gar nicht hinsehen. Es war einfach nur zum Genieren, einfach nur peinlich. Eine Situation, in der sich keiner gerne sehen möchte. Ich hab‘ mich ehrlich gesagt selbst nicht erkannt. Betrunken war ich sicher nicht. Wenn ich manchmal zu viel Wodka getrunken hab‘, werde ich eher müde oder lustig. Aber im Video war ich völlig aufgedreht. Experten sagen mir: So ist man, wenn man Ecstasy in Tropfen oder liquides Kokain konsumiert. Das hat man mir offensichtlich ins Red Bull getan. Der eine männliche Lockvogel ist ja auch ein amtsbekannter Drogendealer, der auch verurteilt worden ist. Das Arge an der ganzen Situation war, dass ich die ganze Zeit aufstehen und gehen wollte, es aber von meinem Willen her nicht geschafft hab. Ich sage im Video ja auch einige Male zum Joschi Gudenus: “Komm, lass uns gehen!“

Video: Die Chronologie der Ereignisse

Ich kann im Nachhinein noch die ganzen sieben Stunden rekonstruieren, danach ist aber plötzlich komplett der Faden gerissen. Ich erinnere mich nur noch, wie wir gegen 0.30 Uhr in ein Taxi gestiegen sind und ich zu Gudenus gesagt habe: „Bring mich nie wieder in so eine Situation!“ Ich soll danach noch irgendwo am Strand gewesen sein, wie mir später erzählt wurde. Meine Mutter, die mit uns auf Urlaub war, hat mich in der Früh schockiert angeblickt und gesagt, dass sie mich noch nie in so einem zerstörten Zustand gesehen habe. Eigentlich hätte ich zur Polizei gehen und Anzeige erstatten sollen. Hätte ich geahnt, was aus allem gemacht wird, hätte ich das wirklich tun müssen!

Philippa, wo waren Sie in dieser Nacht?
Ich war in Wien und nicht mit auf Urlaub.

Und wie war es für Sie, als Sie Ihren Mann erstmals im Video gesehen haben?
Wir waren ja in seinem Büro, und ich habe die Fassung behalten müssen. Man funktioniert dann einfach irgendwie, weil man muss. Man gerät in eine Art Not-Modus.

Haben Sie sich auch über Persönliches geärgert? Wie z.B. die „schoarfe“ Russin?
Strache (unterbricht): Wenn man genau hinhört, hab‘ ich in diesem mit 13 verschiedenen Schnitten manipulativ zusammengestückelten Video ja auch gesagt: „Des is schoarf!“
Philippa: Na ja, das Red Bull wirst du nicht gemeint haben. Und ehrlich, das war auch mein geringstes Problem. Mir waren auch die Klatsch-Geschichten völlig egal, wonach ich ausgezogen gewesen sein soll. Das hat nie gestimmt. Ich bin in erster Linie Mutter und trage Verantwortung für unseren Sohn. Er ist so ein Sonnenschein. Und ich wollte ihn nicht belasten. Er hat mich nie verzweifelt oder weinen gesehen. Und dann wollte ich meinem Mann Halt geben. Denn auch wenn er selbst schuld war, so war es doch eine Situation, die man keinem wünscht.
Strache: Sie ist nicht nur eine Löwenmutter, sondern auch eine starke Partnerin und mein Fels in der Brandung. Ich bin ihr unendlich dankbar.

Wie waren die Tage und Wochen danach? Vom Vizekanzler zum Outlaw – mit einem Schlag alles verloren.
Strache: Ich war sehr verzweifelt, aber ich hab‘ nie daran gedacht, meinem Leben ein Ende zu setzen. Ich hatte nur die Möglichkeit, daran zu zerbrechen oder zu wachsen. Ich habe mich für Zweiteres entschieden. Das war natürlich nicht einfach. Die Ungerechtigkeiten; von einem Moment auf den anderen stehst du ohne Einkommen und Versicherung da. Und kaum glaubst du, dass du wieder Boden unter den Füßen kriegst, zieht es ihn dir wieder weg. Zum Beispiel mit einer Hausdurchsuchung, wenn du plötzlich in den frühen Morgenstunden aus dem Bett geläutet wirst und die Wohnung voll ist mit uniformierten Beamten.
Philippa: Ich möchte aber sagen, dass sie alle sehr freundlich und respektvoll waren. Ein Schock war es dennoch.

Es gab auch die Spesengeschichte. Manche meinten: Ibiza hätte Ihnen nicht geschadet, es waren die Gucci-Rechnungen und Spesenpauschalen.
Strache (braust auf): Weder meine Frau noch ich haben je auf Parteikosten bei Gucci eingekauft. Das waren kleine Weihnachtsgeschenke, die von der Partei besorgt wurden. Darum habe ich mich nie gekümmert. Ich hatte auch nie 10.000 Euro Pauschale zur Verfügung, das stimmt einfach nicht. Was an all den anderen Dingen über die Partei abgerechnet wurde, hab ich alles zurückbezahlt. Und die 2500 Euro Mietzuschuss waren ein ganz normaler Gehaltsbestandteil als Bundesparteiobmann, weil ich in der Wohnung ja auch viele Termine abzuhalten hatte.

Finden Sie nicht, dass es einfach vielleicht etwas überzogen war, wenn man als Vizekanzler ohnehin 19.000 Euro im Monat verdient und eigentlich für den sogenannten kleinen Mann eintritt?
Vizekanzler war ich ja nicht immer. Und man muss auch kein Armutsgelübde ablegen, um die Nöte von Menschen zu verstehen, die weniger haben.

War es im Nachhinein vielleicht ein Fehler, die Tätigkeit Ihrer Frau als ehrenamtlich darzustellen, während sie 10.000 Euro im Monat dafür bekommen hat?
(richtig sauer)
 Es waren 9000 Euro. Das Gehalt hat sie für ihre Tätigkeit als Social-Media-Beauftragte bekommen, nicht für den Tierschutz. Dafür hat sie FPÖ-TV und meine Facebook-Seite mit 900.000 Followern aufgebaut, das erfolgreichste Medium Österreichs. Dafür hat sie mich 24 Stunden am Tag begleitet. Auch ins Ausland. Ich kann mich ja nicht selbst filmen. Genau genommen hat sie sogar viel zu wenig verdient. Den Job hätten sonst drei andere machen müssen!

Mit Verlaub, das erfolgreichste Medium ist aber immer noch die „Kronen Zeitung“. Sie hat noch etwas mehr Reichweite, als Sie hatten. Was ist Ihnen eigentlich dabei eingefallen, sie verkaufen zu wollen?
Das ist ja alles absurd und total verzerrt. Dieser Lockvogel hat behauptet, sie hätte schon eine fixe Zusage der Familie Dichand über einen Verkauf von Anteilen, aber sie wolle nun noch mehr. Ich hab‘ ihr gesagt, dass ich das ja nicht bestimme und auch keinen Einfluss darauf habe. Ich hab‘ gar nicht gewusst, was sie will. Aber sie hat nicht lockergelassen und immer wieder nachgefragt. Das ganze Verhalten der Dame war ja absurd.

Aber wahr geworden ist der Verkauf von Anteilen im Jahr darauf ja sehr wohl.
Jeder, der damals Zeitung lesen konnte, wusste, dass es zu einer Verschiebung kommen könnte. Ich hatte damit nie etwas zu tun. Dies waren, wie wir heute wissen, andere. Käufer, welche auch aus einem anderen Parteienumfeld kommen.

Was wurde eigentlich aus Ihren privat initiierten Ermittlungen?
Ich selbst habe nie Ermittlungen angestellt. Meine Anwälte sind allem nachgegangen, aber da waren viele Wichtigtuer unterwegs. Wie Interims-Innenminister Peschorn bei seinem Abgang völlig richtig eingestehen musste: Dass die Ermittlungen „nicht so konsequent geführt wurden, wie es notwendig gewesen wäre“, und dass es bei der Zusammenarbeit zwischen den Justizbehörden und der Kriminalpolizei noch Verbesserungspotenzial geben würde und „bei Ibiza daher wahrscheinlich noch vieles im Dunkeln liegt.“

Haben Sie noch Kontakt zu Johann Gudenus?
Nein, daran habe ich kein Interesse. Er geht neuerdings zwei Geschoße über uns wieder ein und aus.

Wovon leben Sie heute?
Ich bin Unternehmer. Ich berate und begleite Firmen bei Entwicklungen, Immobilien und Finanzierungen. Über meine Kunden und Projekte spreche ich aber nicht. Hier geht es um Vertraulichkeit, auch um sie keinen Vernichtungsfeldzügen auszusetzen.

Ist Consulting nicht schwierig nach allem, was passiert ist?
Ich habe das Glück, schon seit dem Start im Oktober sowohl Kunden als auch Aufträge zu haben. Mein gesamtes Einkommen geht derzeit aber noch für meine Anwaltskosten drauf. Es ist ja horrend, was man da stemmen muss. Und Corona macht die Sache nicht einfacher. Ich habe zwei Angestellte, für die ich Kurzarbeit beantragt habe. Die Anträge dazu musste ich dreimal ausfüllen, weil sich nicht einmal mein Steuerberater ausgekannt hat. Nun habe ich endlich die Bestätigung vom AMS, aber ich muss für einige Monate in Vorlage gehen. Gott sei Dank kann ich das gerade noch finanzieren. Aber viele können das nicht, die bleiben alle auf der Strecke. Das ist brutal. Und genau das ist auch ein Grund, warum ich in die Politik zurückkehre.

Stimmt es, dass Ihre Frau Sie wegen Corona nicht einkaufen gehen lässt?
(lacht) Ja, sie hat gesagt: „Du rauchst, du gehörst zur Risikogruppe, du bleibst daheim!“

Sie treten am 11. Oktober in Wien zur Wahl an. Sie sind sozusagen Bürgermeisterkandidat?
(ganz im Wahlkampf-Modus) Natürlich sehe ich mich als Spitzenkandidat auch als das. Es braucht eine starke Opposition, und die Leute wissen bei mir, was sie kriegen. Gerade jetzt, wo Bürgerrechte ausgehebelt werden. Ich will keine Zwangs-App und keine Zwangsimpfung. Man behandelt ein Virus mit Maßnahmen, die schlimmer sind als das Virus selbst. Wenn Kurz sagt, jeder wird wen kennen, der an Corona gestorben ist, dann sage ich: „Jeder wird einen kennen, der durch die Maßnahmen arbeitslos geworden ist und seine Existenz verloren hat.“

Was ist Ihr Wahlziel? Wäre alles unter dem Ergebnis der FPÖ ein Misserfolg?
Mein einziges Ziel ist, so gut wie möglich und zweistellig zu werden. Das wäre schon ein riesiger Erfolg. Die anderen sind mir dabei völlig egal.

Durch die Reisebeschränkungen fällt Ihr Ibiza-Urlaub heuer aus. Was planen Sie stattdessen?
Wir werden zur Tante meiner Frau fahren und zu ihrer Mama. Das wird auch sehr schön sein.

Gibt es Ihr berühmt gewordenes graues T-Shirt aus dem Video eigentlich noch?
Ja, das habe ich noch. Vielleicht werde ich es eines Tages signieren und für einen wohltätigen Zweck versteigern.

Edda Graf, Kronen Zeitung

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