Do, 21. Februar 2019
20.11.2018 06:00

Zeitzeugen berichten

Anna-Maria: „Begeisterung hält mich am Leben“

Im Krieg zerstörten Bomben ihre Uni-Arbeit, später verlor sie ihren Mann und ihre Tochter. Trotzdem hat die Linzerin Anna-Maria (100) ihren Lebensmut nie verloren. Im letzten Teil unserer Serie erzählt sie der „Krone“, wie sie so alt wurde und wofür sie sich bis heute begeistert.

Anna-Maria aus Linz feierte am 2. November ihren 100. Geburtstag. Sie lebt nach wie vor in ihrer Wohnung, wo sie von den Mobilen Pflegediensten der Caritas betreut wird.

Während des Zweiten Weltkriegs studierte die Linzerin in Wien. „Ich ging auf die Uni, schrieb nachts meine Arbeiten und verdiente mein Geld mit einer Teilzeit-Stellung beim Arbeitsamt. Dort war ich für die Ausländer zuständig, was ein Glück war. Aus Dank, dass ich sie vermittelt hatte, nahmen sie mir oft Essen mit. So musste ich keinen Hunger leiden.“ Die Bombardierungen waren allerdings schrecklich: „Als ich eines Abends heimkam, stand ich vor dem zerbombten Haus. Ich hatte nur meine Aktentasche und ein paar Papiere bei mir - alles andere war weg. Meine Universitätsarbeiten, an denen ich nächtelang gesessen bin, Kleidung, Schuhe, alles.“

Heirat mit einem Besatzungssoldaten
In Gestalt eines amerikanischen Besatzungssoldaten lernte Anna-Maria die Liebe ihres Lebens kennen, die sie 1947 heiratete: „Es war wie im Traum. Ich ging mit ihm zuerst nach München. Und von da an begleitete ich ihn überallhin: Wir zogen ein paar Jahre nach Amerika, dann nach England. Wir haben uns überall wohlgefühlt. Es war eine wunderbare Ehe. Ich konnte mich ganz auf meinen Mann verlassen.“ Als die gemeinsame Tochter auf die Welt kam, schien das Glück perfekt.

Doch ihr Mann starb kurz nach der Pensionierung und Anna-Maria stand mit der Tochter alleine da: „Manchmal war ich verzweifelt und habe ich mir den Tod gewünscht. Aber dann bin ich wieder aus dem tiefen Loch herausgekommen.“ Das Schicksal schlug noch ein weiteres Mal zu: Die Witwe musste erleben, wie ihre Tochter mit 64 an einem Herzinfarkt starb.

Ihr heute 50-jähriger Enkel ist der Einzige aus ihrer Familie, der ihr geblieben ist. Den Lebensmut aber hat die rüstige 100-Jährige nie verloren. Kraft gaben ihr die Natur und die Berge. Sie war früher stundenlang unterwegs. „Wenn ich heute im Fernsehprogramm sehe, dass ein Film über die Natur gespielt wird, freue ich mich den ganzen Tag darauf. Diese Begeisterung braucht man im Alter. Wenn man sich für nichts mehr begeistern kann, dann hat das Leben keinen Sinn mehr.“

Anna-Maria lebt grundsätzlich gerne: „Ich habe keine Schmerzen, bin nicht krank. Dass ich so alt geworden bin, habe ich meiner Ernährung und der Bewegung zu verdanken. Ich habe vor Jahren aufgehört, Zucker zu essen. Ich süße mit Honig. Ich habe immer viel Salat und Gemüse gegessen - und war viel in der Natur unterwegs.“

„Menschen sind heute materialistischer“
Wenn sie auf die 100 Jahre zurückblickt, dann fällt ihr auf, dass der Zusammenhalt der Menschen früher besser war: „Die Menschen waren nicht so materialistisch wie jetzt, es war nicht jeder auf seine Vorteile eingestellt. Heute sind viele Menschen - auch in der Auswahl ihrer Freunde - immer mehr auf ihre eigenen Vorteile bedacht.“

Die „Krone“-Serie zum 100. Geburtstag der Republik - wir haben in jedem Bundesland mit einem Zeitzeugen über sein langes Leben gesprochen. Hier alle Berichte zum Nachlesen:

Lisa Stockhammer, Kronen Zeitung

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