16.11.2018 06:00 |

Zeitzeugen berichten

Martin Ölz: „Der Tisch war immer voll“

Martin Ölz aus Vorarlberg ist 104 Jahre alt. Der älteste Rankweiler hat ein ganzes Jahrhundert miterlebt. Von der Kindheit auf dem Gutshof bis zu dunklen Zeiten während seiner Kriegseinsätze kann er berichten.

Martin Ölz wurde im Mai 1914 in der Vorarlberger Gemeinde Rankweil geboren. Im Gespräch mit der „Krone“ erinnert er sich lebhaft an seine Kindheit in den 20er-Jahren, die vom Arbeitsalltag auf dem landwirtschaftlichen Hof der Kunstmühle Ölz in Rüggelen geprägt war. „Der Tisch war immer voll - regelmäßig haben 14 Leute am Tisch gegessen.“

Besonders waren die ersten Autos auf den davor nur von Fuhrwerken und Kutschen benutzten Straßen: „Anno ‘22, ‘24 ist das Auto aufgekommen, jedes Pferd hat einen Sprung gemacht, wenn ein Auto vorbeigefahren ist. Das hat ein ganzes Jahr gebraucht, bis sich die Rösser daran gewöhnt haben.“

Nach der Volksschule in Rankweil besuchte er zwei Jahre die Handelsschule. Nach Abschluss der „Müllereifachschule“ in Nürnberg trat er in den elterlichen Betrieb ein. Mit 26 Jahren musste Ölz, so wie bereits sein Bruder Adam, in den Krieg ziehen. Seine erste Station war die Militärausbildung in Hall in Tirol, danach wurde er in Kufstein zum Rechnungsführer ausgebildet und in Russland eingesetzt.

Kriegsverwundung nur durch Zufall überlebt
Die Erzählungen vom Krieg zeugen meist von dem schmerzlichen Bewusstsein, nur knapp dem Tod entronnen zu sein. Präzise schildert Ölz den Moment, als er angeschossen wurde, und die Stunden danach, in denen nur der Zufall über sein eigenes Überleben entschied, während neben ihm viele starben. „Nach der Verwundung war ich nicht mehr einsatzfähig, weil ich schlecht zu Fuß war. 1943 bin ich daher zu einer Einheit gekommen, welche in Berlin für den Katastropheneinsatz eingesetzt wurde.“

„In Berlin viele Transporte mit Juden und Häftlingen gesehen“
Die zwei jüngeren Brüder sind an der Front gefallen. Als ein kritischer Beobachter äußert sich Ölz auch zum dunkelsten Kapitel der nationalsozialistischen Vergangenheit: „Beim Nürnberger Prozess gab es eine Liste, die behauptet, sie hätten vom Konzentrationslager nie etwas gehört. Ich als gemeiner Soldat hätte sagen können, wo Juden umgebracht werden. Und wo ich in Berlin gewesen bin, habe ich viele Transporte mit Juden und Häftlingen gesehen.“

Nach Kriegsende übernahm er mit seinem Bruder Adam die Geschäftsführung der Kunstmühle Ölz. Nebenbei war er Gemeindevertreter, Obmann des Bienenzuchtvereins und Kirchenrat des Pfarrvikariats St. Peter. Als Obmann des Bauausschusses setzte er sich tatkräftig für den Bau des Pfadfinderheims ein.

Fünf Kinder, 14 Enkerln, sechs Urenkerln
Ölz ist verheiratet und hat fünf Kinder, 14 Enkelkinder und sechs Urenkel.

Die „Krone“-Serie zum 100. Geburtstag der Republik - wir haben in jedem Bundesland mit einem Zeitzeugen über sein langes Leben gesprochen. Hier die bisherigen Berichte zum Nachlesen:

Morgen lesen Sie die Geschichte der Niederösterreicherin Zäcilia Paternoster.

Sandra Maria Nemetschke, Kronen Zeitung/krone.at

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