Sa, 17. November 2018

Im Bregenzerwald

23.07.2018 10:18

Auf Du und Du mit der Welt

Der Bregenzerwald in Vorarlberg ist einzigartig. In kaum einer anderen Region gehen Vergangenheit und Moderne eine so selbstverständliche Symbiose ein.

Und plötzlich geht’s ganz schnell: Stand soeben noch die Sonne als einsamer Solist am Himmel, ziehen binnen Minuten mächtige Wolken auf, um sich schließlich dort, wo die Hügel zu Bergen werden, zu versammeln. Sie müssen erst noch Ballast abwerfen, bevor die Reise weitergehen kann. Wer Pech hat, muss jetzt schnell einen Unterschlupf suchen. Wer Glück hat, dem scheint wenige Kilometer entfernt weiterhin die Sonne ins Gesicht und er darf Zeuge eines Spektakels werden, das sich in dieser Regelmäßigkeit wohl nur im Bregenzerwald bewundern lässt: ein fernes Donnergrollen zur Ouvertüre, dunkle Teppiche rollen vom Himmel, Blitze zucken. Es folgt ein mächtiges, ehrerbietendes, mitunter auch angsteinflößendes Schauspiel.

Doch dann die dramatische Wendung: Die Wolkendecke wird lichter, die ersten Sonnenstrahlen brechen wieder durch, über den Boden ziehen Nebelschwaden wie magischer Dampf, feurige Farben übertünchen das matte Grau. Für dieses wundersame Wechselspiel aus Regenfronten und klarem Himmel gibt’s eine vergleichsweise nüchterne Erklärung: Der Bregenzerwald liegt meteorologisch gesehen im Zentrum der sogenannten „Nordweststaulage“. In keiner anderen Region Mitteleuropas fällt mehr Niederschlag, kaum irgendwo anders lösen sich Hoch- und Tiefdruckgebiete in rascherer Folge ab.

Das Wasser hat den Bregenzerwald geformt, hat tiefe Tobel in den Flysch - eine Mischung aus Ton und Sandstein - geschnitten, dort mächtige Felsen freigespült und anderswo die Sedimente wieder abgelegt. Das Resultat ist eine Landschaft wie eine Collage: Oft lieblich, mitunter schroff, aber immer fantastisch schön. Eine Landschaft aber auch, die erst dem Menschen ihre Schattierungen zu verdanken hat. Sie waren es, die Wälder rodeten, die Sümpfe trockenlegten und selbst die entlegensten Berghänge urbar machten. Kein Akt der Unterwerfung, sondern schlichte Notwendigkeit: Die langen Winter, die unsteten, regnerischen Sommer, die nährstoffarmen Böden ließen ein bequemes Leben in den Talsohlen einfach nicht zu. Noch heute ziehen die Bauern mit ihrem Vieh erst für einige Wochen für die Weide aufs Vorsäß, ehe die Rinder im Hochsommer auf die Alpen getrieben werden. „Dreistufenlandwirtschaft“ nennt sich diese sanfte Form der Kultivierung etwas spröde, sie erst macht den alpinen Raum im Bregenzerwald zur blühenden Landschaft.

Der Mensch wirkt auf seine Umwelt ein - und umgekehrt. Den Bregenzerwäldern wurde in früheren Zeiten viel abverlangt, stets waren sie zur Wanderschaft gezwungen. Gleich, ob der alljährliche Zug auf die Alpen, die Heerscharen von Handwerker, die sich im süddeutschen Raum und in der Schweiz verdingten, oder die Händler, die ihren Käse im ganzen Bodenseeraum feilboten - die Menschen waren in Bewegung und standen im Austausch mit der Welt. Der Bregenzerwald war immer in gewisser Weise eigenständig, aber nie isoliert. Und das erklärt wohl auch, warum es die Bregenzerwälder auf so selbstverständliche Art und Weise verstehen, Tradition und Moderne miteinander zu verbinden. Es gibt einen wunderbaren Satz des Mundartdichters Gebhard Wölfle (1848-1904), der bis heute die Mentalität der „Wälder“ am treffendsten beschreibt: „Meor ehrod das Ault, und grüssed das Nü und blibot üs sealb und dr Hoamat trü. (“Wir ehren das Alte, begrüßen das Neue und bleiben uns selbst und unserer Heimat treu.„)

Wer den Bregenzerwald bereist, bereist keine Provinz - sondern die womöglich urbanste ländliche Region Österreichs. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies in der Architektur: Von der „Blumenkistl-Ästhetik“ vieler Alpentäler keine Spur, stattdessen stehen alte und moderne Gebäude wie verschiedene Generationen einer Großfamilie nebeneinander, es finden sich Siedlungen, die sich so harmonisch in die Landschaft fügen, als wären sie dieser entwachsen. Wer den Bregenzerwald bereist, wird keine Folklore finden - sondern stattdessen gelebte Traditionen, die in erster Linie dazu dienen, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken.

Wer den Bregenzerwald bereist, wird auf keine “Dienstleister" treffen, die vor Touristen den devoten Diener mimen, sich verbiegen und letztlich auch verkaufen - sondern stattdessen auf selbstbewusste, weltoffene Menschen, die einen auf Anhieb ungeniert duzen und gerade aufgrund ihrer Authentizität eine Freundlichkeit ausstrahlen, welche anderswo kaum mehr zu finden ist. Wer den Bregenzerwald besucht, wird keine Klischees bedient sehen, sondern stattdessen an jeder Ecke überrascht werden.

Wer den Bregenzerwald einmal bereist hat, wird wiederkommen. Wegen der Schönheit der Landschaft, den besonderen Menschen, der Architektur, der hochwertigen Gastronomie und wegen jener Bilder, die entstehen, wenn Regenfronten und klarer Himmel am Horizont ihr grandioses Schauspiel inszenieren.

Emanuel Walser, Kronen Zeitung

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