Mo, 10. Dezember 2018

Kolumne Im Gespräch

15.07.2018 08:00

Mit alltäglichem Tun für eine gerechte Welt

Ich war auf Weltkulturerbe eingestellt - und bin einer Mutmacherin begegnet. Unsere Pfarrgemeinde war auf Ausflug in Mähren und sie sollte uns durch die Stadt Telc führen. Fast wäre ich an ihr vorbeigelaufen, obwohl sie vor dem Hotel auf uns gewartet hat.

Pfarrerin Eva Melmukova ist eine kleine unauffällige Frau. Doch wenn sie ihre Stimme erhebt, weiß man gleich, dass man es mit einer großen und großartigen Frau zu tun hat. Die heute 86-Jährige studierte 1950-1954 evangelische Theologie und Geschichte. Aber sie durfte nicht beide Studien abschließen, musste sich für eines entscheiden. Sie wählte Theologie. Warum? „Ich habe Geschichte geliebt und wollte Schüler unterrichten. Aber im Kommunismus, na ja ich habe mir gedacht, mit Theologie kann ich mehr machen.“ Das konnte sie.

Kirchen standen damals unter staatlicher Kontrolle
Im Dezember 1954 - ein Jahr nachdem die evangelische Kirche der Böhmischen Brüder beschlossen hatte, Frauen zum Amt der Pfarrerin zuzulassen - wurde sie Vikarin in Prag. Eva Melmukova füllte die Kirche. Ihre Gottesdienste waren so gut besucht, dass Leute stehen mussten. Das blieb nicht unbemerkt. Das Regime wurde nervös. Nach drei Jahren entzog man ihr die Erlaubnis, als Pfarrerin tätig zu sein. Die Kirchen standen damals unter staatlicher Kontrolle. Wer Pfarrer sein durfte, entschied der Staat, das war die Regel im kommunistischen Tschechien. 29 Jahre lang durfte Eva Melmukova ihr Amt nicht ausüben, musste u. a. in einer Wäscherei, einer Molkerei und einer Brauerei sowie als Landvermesserin arbeiten. Das macht bitter. Sollte man meinen.

Das Evangelium predigen kann man immer
Doch Pfarrerin Melmukova schmunzelt. „Das Evangelium predigen kann man immer. Mit oder ohne Talar. Und dann hatte ich 1986 diesen Schlaganfall. Gott sei Dank. Man hat gedacht, ich bin invalide und zu nichts mehr zu gebrauchen. Also hat man mich wieder als Pfarrerin arbeiten lassen.“ Bei unserem Besuch in Telc predigt sie im Talar. Mit ihren 86 Jahren erklimmt Eva Melmukova immer noch gelegentlich die Kanzel.

Heute spricht sie über eine Stelle aus dem Matthäus-Evangelium: „Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.“ Eine kleine Menge unansehnlicher gräulicher Sauerteig hat die Kraft, eine große Menge Mehl zu durchsäuern und dafür zu sorgen, dass der Teig aufgeht und das Brot nahrhaft und bekömmlich wird. Eva Melmukova ist wie diese Frau, von der Jesus spricht, denke ich mir. Eine kleine unauffällige Frau, die in ihrem alltäglichen Tun für die gerechte Welt Gottes arbeitet. Wie sie das Evangelium gelebt hat und lebt, was sie sagt und tut, ist wie die kleine Menge Sauerteig. Eva Melmukovas Leben und ihre Worte haben die Kraft, einer großen Menge Menschen Mut zu machen. Auch mir.

Pfarrerin Maria Katharina Moser, Kronen Zeitung
maria.moser[@]glaubenskirche.at

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