„Krone“-Interview

Söhne Mannheims und Ella Stern: Ganz nah am Gefühl

Kultur
18.10.2026 06:00

Ihre Hits gehen seit Jahrzehnten unter die Haut, sie zählt derzeit zu den spannendsten aufstrebenden Sängerinnen Österreichs. Am 22. Oktober wollen die Söhne Mannheims gemeinsam mit Ella Stern im Wiener Theater Akzent für ganz viel Gefühl sorgen. Die „Krone“ traf Stern und Söhne-Sänger Michael Klimas vorab zum persönlichen Plausch.

„Hallo, ich bin Michael“, sagt mir ein Mann mit auffallend ruhiger, warmer Stimme. Schon nach den ersten Worten meint man herauszuhören, dass dieser Michael wohl ziemlich gut singen kann. Nun ja, ganz falsch liegt man damit natürlich nicht. An diesem Morgen soll ich einen der Söhne Mannheims treffen – und dieser „Sohn“ ist Michael Klimas. Hört man sich durch die alten Songs der Band, kann man auch heute noch dahinschmelzen. „Und wenn ein Lied“, „Geh davon aus“ – Stücke, die selbst Jahrzehnte später noch für Gänsehautmomente sorgen. Seit mehr als 30 Jahren gehört genau diese Band längst zum festen Inventar der deutschsprachigen Musikszene.

Doch beim Gespräch soll es nicht bei uns beiden bleiben. Denn am 22. Oktober treten die Söhne im Rahmen von „Söhne Mannheims Piano & Austrian Friends“ im Wiener Theater Akzent auf – gemeinsam mit der österreichischen Sängerin Ella Stern. Nur wenige Minuten später kommt sie schon in einem fröhlich-herbstlichen Look und, fast noch wichtiger, mit Kaffeebecher in der Hand zur Tür herein. „Ella kommt immer mit ihrem eigenen Kaffee“, verrät mir schmunzelnd die Verantwortliche, die das Interview organisiert hat. 
Noch bevor das Gespräch richtig beginnt, merkt man: Ella und Michael verstehen sich bestens. Ganz neu ist diese musikalische Verbindung nämlich nicht. Bereits im Vorjahr teilten sich Stern mit ihnen in Ternitz die Bühne. Dass es nun eine Fortsetzung gibt, wirkt deshalb beinahe selbstverständlich. „Wir haben eine ganz große Familie um uns herum. Die meisten verlassen uns auch nicht mehr und bleiben irgendwie in diesem Kosmos. Und Ella war so eine Person in unserem Kosmos“, erzählt Klimas. Auch die 29-Jährige musste bei der erneuten Einladung nicht lange überlegen. „Es ist einfach eine große Ehre. Es war letztes Jahr ein wirklich schöner und musikalischer Abend. Deswegen habe ich mich sehr gefreut.“

„Krone“-Musik-Redakteurin Nadi Adana traf Söhne-Sänger Michael Klimas und Sängerin Ella Stern ...
„Krone“-Musik-Redakteurin Nadi Adana traf Söhne-Sänger Michael Klimas und Sängerin Ella Stern (re.)(Bild: zVg)

„Man bleibt offen und jung“
Dass zwischen der jungen Wiener Musikerin und der traditionsreichen Band einige Jahre liegen, sehen beide keinesfalls als Hindernis – ganz im Gegenteil. „Am Ende des Tages erzählen wir beide Geschichten mit unserer Musik“, erklärt Stern. Schon beim ersten gemeinsamen Soundcheck sei sie beeindruckt gewesen: „Wie hochprofessionell und fantastisch die sind, hat mich wirklich beeindruckt. Dass ich da mit auf der Bühne stehen durfte, war für mich ein wirklich großer Moment.“ Klimas, der mittlerweile auch an einer Wiener Universität Musikproduktion und Songwriting unterrichtet, schätzt den Austausch mit einer jüngeren Generation ebenso. „Wenn junge Leute zu mir kommen, teilweise 20 oder 21 Jahre alt, nehme ich so viel Inspiration mit.“

Denn mit zunehmendem Alter bestehe die Gefahr, zu sehr an Bekanntem festzuhalten. „Deswegen finde ich es total erfrischend, wenn diese Leute eben eine ganz andere Sicht auf Dinge haben. Man lernt so viel und bleibt offen und jung.“ Auch persönlich haben sich die beiden mittlerweile sehr schätzen gelernt. Ella beschreibt Michael als „total offenen“ und „herzlichen“ Menschen. Gerade in einer schnelllebigen Musikbranche sei das alles andere als selbstverständlich. Der Sänger gibt das Kompliment prompt zurück. Hinter ihr stecke viel mehr, als man über Social Media auf den ersten Blick erkennen könne. „Ich habe einfach gemerkt, dass sie ein tiefsinniger und auch extrem professioneller Mensch ist. Dann werde ich vom Fan zum Superfan“, sagt er lachend. 
Beim ersten gemeinsamen Auftritt wurde sie sogar augenzwinkernd als „Tochter Mannheims“ bezeichnet. Ganz so weit würde die Künstlerin selbst aber nicht gehen. „Ich glaube, das würde ich mir nie herausnehmen“, erzählt sie grinsend. „Aber dadurch, dass ich jetzt das zweite Mal dabei sein darf, wachse ich da vielleicht sogar noch ein bisschen mehr hinein. Ich fühle mich sehr willkommen geheißen in der Familie.“ Dass es nach Wien weitere gemeinsame Projekte geben könnte, schließt man jedenfalls nicht aus.

Wordrap mit Klimas und Stern

  • Wien in drei Worten, Michael?
    Bunt. Laut. Schnell.
  • Ella, Herzschmerz oder Lovesongs?
    Herzschmerz.
  • Vor einer Show: Ruhe oder Chaos?
    Michael: Chaos! Wenn ich nervös bin, hilft mir ein Kaugummi im Mund.
  • Wenn du auf der Bühne den Text vergisst, Ella?
    Dann mache ich irgendwie weiter. Ich habe großes Vertrauen in meinen Körper. Das ist so ein Muscle Memory. Manchmal kommt dann kurz so ein Denglisch heraus, irgendein Versuch zu formulieren, was da stehen könnte – und dann ist man wieder drin. (lacht)
  • Ein Söhne-Mannheims-Song für Ella?
    „Mut.“
  • Ein Ella-Stern-Song für die Söhne Mannheims?
    „Atmen.“
  • Der beste Rat, den ihr je bekommen habt?
    Ella: Mach Musik nicht so, als würdest du damit Geld verdienen wollen.
    Michael: Halt‘s Maul und sing. (lacht)

Klassiker, die noch immer Gänsehaut bereiten 
Mehr als drei Jahrzehnte Bandgeschichte und Lieder, die längst zum Soundtrack vieler Leben geworden sind – dass die Musik der Söhne Mannheims heute noch funktioniert, berührt Klimas inzwischen mehr als früher. Er erzählt von einem Hip-Hop-Festival in Hamburg, bei dem sich die Band vor dem Auftritt durchaus gefragt habe, wie sie beim jungen Publikum ankommen würde. Auch, weil sich diese über die Jahre stark verändert haben. „Ohne Xavier hat sich natürlich sehr viel verändert“, sagt er offen. Doch spätestens bei „Und wenn ein Lied“ war die Nervosität verflogen. „Da haben einfach alle mitgesungen. Das war so krass“, erinnert er sich. „Da habe ich mir gedacht: Es ist wirklich Wahnsinn, dass ich Teil von etwas bin, das die Leute in ihrem Leben begleitet hat und emotional wichtig für sie war.“ Für ihn ist das heute „ein Geschenk des Himmels“.  Auch nach so vielen Jahren lösen manche Stücke noch immer etwas in ihm aus. „Schon beim ersten Akkord, bei der ersten Zeile habe ich jedes Mal so ein Gänsehautgefühl.“

Besonders spannend ist seine Verbindung zu „Geh davon aus“: Als die Nummer erschien, war der 48-Jährige selbst noch gar kein Bandmitglied, sondern Fan. „Ich habe damals eigentlich ganz andere Musik gehört – Alternative, Indie, Gitarrenmusik und vor allem englischsprachige Sachen. Dann kam diese Band und ich habe gedacht: ,What the fuck ist das?‘“ 
Heute steht er selbst auf der Bühne und singt genau diesen Titel. „Das ist natürlich ein ganz anderes Gefühl. Aber ich habe immer noch großen Respekt vor diesem Song.“

Von Grüppchen und Tomaten
Auch Stern hat längst einen Lieblingssong der Söhne gefunden: „Fragmente“. „Ich finde, diesen unfassbar emotionaler. Er löst einfach so viel aus“, erzählt sie. Ihre eigenen Titel hält Ella bewusst sehr persönlich. Über Dinge zu schreiben, die sie selbst nicht erlebt hat, könne sie sich kaum vorstellen. „Meine Songs entstehen immer aus einem Gefühl oder einer Emotion heraus und sind dadurch alle wirklich sehr persönlich und privat.“ Gerade am Anfang habe sie noch lange darüber nachgedacht, ob bestimmte Nummern überhaupt veröffentlicht gehören. Mit der Zeit sei diese Hemmschwelle kleiner geworden. „Es ist schon weird, weil man die Leute nicht kennt und eigentlich jedes Mal sagt: ,Hier, meine Seele, schau doch rein.‘“ Ihre Texte entstehen dabei durchaus unromantisch – meist zu Hause. „Manchmal steht auf meiner Supermarktliste: ,Mein Herz tut weh. Tomaten.‘“, sagt sie lachend.

Nach so vielen Jahren im Musikgeschäft blickt Klimas auch offen auf jene Zeiten zurück, in denen es bei den Söhnen nicht immer ganz harmonisch zuging. „Damals war es schwer, uns zusammenzubringen“, erzählt er. „Es gab schon gewisse Grüppchen in der Band, um es mal vorsichtig auszudrücken.“  Gleichzeitig habe die Band schwierige Zeiten durchlebt, die die heutige Besetzung letztlich enger zusammengeschweißt hätten. „Uns ging es wirklich richtig schlecht, das ist ja auch ein offenes Geheimnis“, sagt Klimas. Gerade dieser „freie Fall“ habe ihr aber rückblickend auch gutgetan. „Ich glaube, das hat uns zusammengeschweißt zu dem, was wir gerade sind.“ Die aktuelle Besetzung habe sich über die Jahre „organisch wiedergefunden“. Sein Fazit: „Wir haben eine gute Krise überstanden.“

Vielleicht ist es auch genau diese Erfahrung, die ihn heute entspannter mit Druck und Misserfolgen umgehen lässt. „Schlimmer kann es ja eigentlich gar nicht mehr werden. Was soll noch passieren?“, sagt er lachend. Seine wichtigste Erkenntnis daraus fällt überraschend positiv aus: „Scheitern ist etwas Wunderschönes. Zu verlieren ist etwas Wunderschönes, weil du so viel daraus lernst – auch über dich selbst.“ Ella selbst kennt den Druck einer jungen Karriere hingegen sehr wohl. Oft bemerke sie erst spät, wie viel ihr gerade eigentlich zu viel werde. Ausgleich gibts beim Sport, Nähen und vor allem in handyfreien Stunden. „Ich beschäftige mich schon wirklich zu 80 oder 90 Prozent mit Musik, Lieder releasen und Social Media.“ Umso wichtiger seien Momente, in denen das einmal keine Rolle spielt. 

Für Michael ist der Auftritt im Theater Akzent zudem ein Heimspiel. Der gebürtige Mannheimer lebt mittlerweile in Wien – und hat die Stadt längst lieben gelernt. „Ich wollte weg aus Mannheim“, erzählt er. Ein Ortswechsel könne dabei helfen, sich weiterzuentwickeln, weil einen Menschen in der alten Heimat oft weiterhin so sehen würden, „wie man immer war“. Früher sei Hamburg seine Lieblingsstadt gewesen. „Aber mittlerweile bin ich an dem Punkt, an dem ich sage: Wien ist noch besser.“ Besonders die Mischung der Stadt gefällt ihm. „Ich mag die Mentalität. Ich mag auch, dass die angrenzenden Länder irgendwie mit hineinspielen. Es ist alles so schön durchmischt.“ Für immer bleiben will er dennoch nicht. „Ich brauche irgendwann einen Bauernhof oder Sonne oder Strand“, lacht er. Unsere Hauptstadt sei ihm fürs Älterwerden schlicht zu voll und zu laut.

Nun ja, zunächst steht aber der gemeinsame Abend am 22. Oktober im Theater Akzent an. Tickets gibt es über die Website des Hauses. Aber worauf dürfen sich die Fans denn am meisten freuen? „Ich glaube, auf eine schöne Gefühlsachterbahn. Dass man rausgeht und sich hoffentlich irgendwie ein bisschen geerdet, angekommen und beseelt fühlt“, sagt Stern melancholisch. Gemeinsame Songs seien jedenfalls fix. Und Klimas? Der verrät zumindest noch so viel: „Überraschungen wird es auch geben.“

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