Der heimische Lebensmittelkonzern Agrana bietet sein stillgelegtes Zuckerfabrik-Areal an – doch die Agrana will selbst kein Tiefkühlgemüse produzieren. Chef Stephan Büttner: „Wenn wir helfen können, werden wir es tun.“
Es ist eine der größten industriepolitischen Hiobsbotschaften des Jahres: Der belgische Tiefkühlkonzern Ardo schließt sein Werk in Groß-Enzersdorf im Marchfeld. 190 Mitarbeiter und 50 Leiharbeiter verlieren ihren Job, hunderte Gemüsebauern ihren wichtigsten Abnehmer. Doch nun kommt ein Hilfsangebot aus unerwarteter Richtung – von der Agrana.
„Wir haben einen Standort in Leopoldsdorf, der mitten im Marchfeld liegt. Wenn es zu einer Gesamtlösung kommt, könnten wir einen interessanten Beitrag leisten“, sagt Agrana-Chef Stephan Büttner im Gespräch mit der „Krone“. Konkret geht es um das Areal der stillgelegten Zuckerfabrik in Leopoldsdorf, rund 30 Hektar, die die Agrana noch besitzt. Büttner erklärt, welche Lösung nun möglich wäre.
Das ist die Idee des Agrana-Chefs
„Ein Weg, den ich mir vorstellen könnte, ist ein genossenschaftlicher Zugang“, so Büttner. Dabei würden die Bauern selbst eine Genossenschaft gründen und die Tiefkühlproduktion dort gemeinsam betreiben. „Damit gäbe es eine kontinuierliche Abnahme für die Gemüseproduzenten.“ Der Agrana-Chef weiter: „Da liegt das Interesse eher an der Vermarktung des Rohstoffs. Eine Genossenschaft ist nicht zwingend darauf ausgerichtet, hohe Gewinne an Shareholder zu überweisen. Hier kann die regionale Wertschöpfung viel mehr im Vordergrund stehen.“
Der Standort sei „logistisch sicher ein guter Standort, mitten in der Gemüseregion Marchfeld“. Agrana könnte soweit es gehe Infrastruktur zur Verfügung stellen: Stromnetz, Kläranlage und freie Flächen.“ „So etwas neu zu bauen, kostet viel Geld. Wenn man diese Infrastruktur teilweise nützen kann, wäre das für einen neuen Betreiber ein klarer Startvorteil.“
„Nicht unser Geschäft“ – aber Unterstützung, ja
Büttner macht aber unmissverständlich klar: Die Agrana wird nicht selbst in die Tiefkühlgemüse-Produktion einsteigen. „Das ist nicht unser Geschäft. Ganz klar nicht.“ Man könne helfen, aber nicht selbst betreiben.
Auf die Frage, ob es schon Gespräche mit der Politik gebe, sagt Büttner: „“Also ich denke schon, dass da schon sehr viel im Gange ist.“ Dem Vernehmen nach laufen bereits Gespräche mit der niederösterreichischen Landesregierung.
Das ist die Dimension
Der Agrana-Chef nennt auch konkrete Zahlen: „Ich sage einmal, das sind sicher bis zu 100 Millionen Euro, die man in so eine Tiefkühlgemüse-Produktion investieren muss.“ Ardo selbst hat 112 Millionen Euro für eine Modernisierung veranschlagt. Für Büttner ist klar: „Wenn man das über uns macht, mit der bestehenden Infrastruktur, könnte es günstiger werden. Das muss man sich anschauen.“
Die Dimension des Problems ist gewaltig: Rund 500 landwirtschaftliche Betriebe sind in der Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse organisiert, die fast ausschließlich an Ardo liefert. Auf 3300 Hektar werden Grünerbsen, Spinat, Karotten, Edamame und anderes Gemüse angebaut. Allein 2025 lieferten die Bauern 40.000 Tonnen Rohware im Wert von 18,5 Millionen Euro an Ardo. Das Werk produziert unter anderem für die Marke Iglo sowie die Eigenmarken von Billa, Hofer und Spar.
Wie steht es aktuell um das Areal?
Seit dem Ende der Zuckerproduktion 2025 dient der Standort der Agrana als Logistik-Hub für Verpackung und Lagerung. 50 der rund 80 Hektar wurden an den Schweizer Zughersteller Stadler verkauft „, wie Büttner betont. Die Agrana behielt 30 Hektar.
Büttner will aber keine falschen Hoffnungen machen: „Die Fabrik selbst, die Gebäude, da kann man sicher keine Tiefkühlgemüse-Produktion reinbauen. Man müsste wohl auch eine Halle hinstellen.“ Man müsse das projektieren und mit anderen Möglichkeiten vergleichen. „Aber für solche Dinge stehen wir natürlich immer zur Verfügung. Wenn das möglich wäre, werden wir dort nicht darauf sitzen und sagen: Das machen wir nicht.“
Fürchtet um die Bauern und die Versorgung
Der Agrana-Chef argumentiert auch mit der Bedeutung der Landwirtschaft: „Wenn es diese Verarbeitung überhaupt nicht mehr gibt, dann wird es auch den Anbau nicht mehr geben. Was soll denn mit dem Gemüse dann passieren? Das kommt dann aus Belgien oder von sonst wo.“ Die Bauern müssten „auf was anderes umsatteln. Die Frage ist nur, was? Das ist ja jetzt alles mittlerweile nicht mehr so einfach, vor allem auch in dieser niederösterreichischen Region, wenn wir uns die klimatischen Veränderungen noch anschauen, die Trockenheit zum Beispiel. Es geht schließlich auch um unsere Selbstversorgungsfähigkeit.“
Büttner weiter: „Bauern und Verarbeitung sind nicht zu trennen. Der eine kann ohne den anderen nicht bestehen. Am Ende des Tages braucht eine großflächigere landwirtschaftliche Produktion immer einen Abnehmer und Verarbeiter. Wir sind in Österreich sicher der größte Verarbeiter von agrarischen Rohstoffen, vor allem für Zucker und Stärke. Wenn wir das in unserem Bereich nicht machen, dann fehlt der Landwirtschaft auch hier der Abnehmer.“ Man müsse aber auch selbst profitabel wirtschaften, „sonst können wir nicht investieren“.
Dabei wird der Agrana-Chef grundsätzlich: „Wenn man über Versorgungssicherheit und Resilienz spricht, dann muss das auch ins Bewusstsein kommen und von allen Seiten mitgetragen werden.“ Es gehe um „Eigenversorgung, Wertschöpfung im eigenen Land“. Wenn die agrarische Verarbeitung wegfalle, sei „letztendendes das Thema der Eigenversorgung erledigt“.
Ardo lässt keinen Zweifel: Werk wird zugesperrt
Ardo selbst hat inzwischen alle Hilfsangebote von Bund und Land abgelehnt. In einem Brief an die Bundesregierung heißt es, man glaube nicht, dass öffentliche Unterstützung „einen strukturell unprofitablen Betrieb in eine nachhaltige Langzeitlösung verwandeln könne“. Ardo verweist auf jährliche Verluste von fünf Millionen Euro seit 2023. Bis August 2027 soll das Werk geschlossen und die Maschinen abgebaut werden.
Die Politik sucht weiter nach Lösungen. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) will „alle an einen Tisch holen“. Auch Iglo und Rewe prüfen Möglichkeiten, die Verarbeitung von Marchfelder Gemüse in Österreich zu erhalten. Der niederösterreichische Betrieb Schneider‘s Gemüseland übernimmt bereits ab Sommer 2027 einen Teil der Produktion für Spar. Für die Bauern im Marchfeld könnte das Agrana-Angebot jedoch die entscheidende Perspektive sein – wenn sich eine Genossenschaft findet, die das Wagnis eingeht.
Nun läuft auch Online-Petition
Gegen die Schließung des Werkes im Marchfeld wird jetzt auch im Internet mobilgemacht. In Niederösterreich ist eine Online-Petition zum Erhalt von Tiefkühlgemüse aus dem Marchfeld gestartet worden. Dafür gibt es natürlich auch bundesweit Zuspruch. Heute wurden bereits mehr als 30.000 Unterschriften verzeichnet.
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