„Angst vor Konkurrenz“

Tiefkühl-Pleite sorgt für massiven Widerstand

Österreich
12.10.2026 16:41

Der belgische Tiefkühlkonzern sperrt aus Angst vor Konkurrenz das Werk in Groß-Enzersdorf lieber zu, statt zu verkaufen. Doch Politik und Wirtschaft wollen weiter nicht aufgeben und für „die Bauern bis zu den Konsumenten eine Perspektive schaffen“. Ein wackeliger Plan B kommt aus Eferding in Oberösterreich.

Es ist ein Stich mitten ins Herz der heimischen Gemüseproduktion: Der belgische Konzern sperrt das größte Tiefkühlwerk der Republik zu. Im nächsten Sommer gehen die Lichter aus, rund 240 Menschen verlieren ihren Job. Den 500 bäuerlichen Zulieferbetrieben bricht ein wesentlicher Teil ihrer Geschäftsgrundlage weg.

Fünf Millionen Euro Minus pro Jahr als Begründung
Die Begründung des Konzerns ist – wie berichtet – knallhart: Der Standort sei strukturell unrentabel, daran könnten auch öffentliche Hilfen nichts ändern. Seit 2023 schreibe das Werk im Schnitt fünf Millionen Euro Verlust pro Jahr. Für einen Weiterbetrieb wären Investitionen von 112 Millionen Euro nötig. Selbst eine abgespeckte Variante nur für Spinat würde 66 Millionen Euro verschlingen.

„Man will den Markt einfach mit belgischem Gemüse beliefern“
Soweit die Sicht der Firma. Doch die ersatzlose Schließung wirft Fragen auf. Allen voran: Warum wird das Werk samt teurem Maschinenpark nicht einfach verkauft? Ardo winkt ab – kein neuer Eigentümer könne den Standort in die Gewinnzone führen. In der Politik vermutet man ein anderes Motiv: „Man will sich selbst keine Konkurrenz schaffen, den österreichischen Markt in Zukunft einfach aus Belgien und mit belgischem Gemüse beliefern.“ Bund und Land haben mehrfach versucht, den Konzern zum Bleiben zu bewegen. Der Tiefkühlriese blieb eiskalt.

Am Montag kam es im noch bestehenden Ardo-Werk zu einer von Arbeiterkammer-Chef Markus Wieser ...
Am Montag kam es im noch bestehenden Ardo-Werk zu einer von Arbeiterkammer-Chef Markus Wieser organisierten Betriebsversammlung, die Verzweiflung und Wut über das eiskalte Vorgehen des Agrarmultis widerspiegelte.(Bild: AK)

Doch der Schuss könnte für die Belgier nach hinten losgehen. ÖVP-Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer will an einem „wettbewerbsfähigen Standort“ arbeiten – und sich vom Gemüsehersteller offenbar nicht in die Suppe spucken lassen. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) wurde am Montag am Rande eines Treffens der EU-Umweltminister in Luxemburg noch konkreter, er will „eine Perspektive schaffen“ – für „die Bauern bis hin zu den Konsumenten“.

Spur führt nach Österreich
Einerseits könnte, wenn schon nicht das Werk selbst, dann aber zumindest die Arbeitsleistung übernommen werden – und das womöglich durch mehrere heimische Firmen. „Es gibt Gespräche mit den verschiedensten Persönlichkeiten“, erklärt Totschnig. Eine Spur führt hier nach Oberösterreich. Der Gemüseverarbeiter efko aus Eferding könnte gemeinsam mit dem Familienbetrieb Schneider’s Gemüseland und der Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse (ETG) eine neue Produktion in Österreich aufbauen.

Bei efko gibt man sich noch bedeckt: „Ob und in welcher Form efko an einer möglichen Lösung für die Tiefkühlverarbeitung mitwirkt, ist derzeit offen“, sagt Geschäftsführer Thomas Krahofer. Ziel sei, dass Gemüse und Obst auch in Zukunft in Österreich angebaut, verarbeitet und gekauft werden.

Das Ardo-Werk in Groß-Enzersdorf
Das Ardo-Werk in Groß-Enzersdorf(Bild: APA-Images / Weingartner-Foto)

Die Alternative: Ein neuer Betrieb siedelt sich an. Flächen gäbe es dafür im weiten Weinviertel genug. Durch die Schließung per nächstem Sommer fehlt es aber an Zeit, ein solches Projekt zeitgerecht aus dem Boden zu stampfen. Unruhe herrscht auch bei den Abnehmern. Ardo beliefert in Groß-Enzersdorf unter anderem Iglo sowie die Tiefkühl-Eigenmarken von Billa, Hofer und Spar.

Iglo und der Handel auf der Suche nach Ersatz
Iglo sucht daher laut eigenen Angaben bereits „aktiv nach Wegen“, die Verarbeitung von Marchfeld-Gemüse „so weit wie möglich in der Region aufrechtzuerhalten“. Am Montag hieß es: „Erste Gespräche haben bereits stattgefunden.“ Die Billa-Mutter Rewe beruhigt: Die Versorgung mit heimischem Tiefkühlgemüse sei gesichert. „Gleichzeitig prüfen wir neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit alternativen Lieferanten aus Österreich, um auch langfristig eine verlässliche und hochwertige Versorgung sicherzustellen.“

Mikl-Leitner fordert raschen „Schulterschluss“
Scharfe Worte kommen von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP): „Was Ardo macht, ist an Rücksichtslosigkeit kaum zu überbieten. Sie gefährden Arbeitsplätze, die Existenz unserer Bauern und setzen die heimische Lebensmittelproduktion und regionale Versorgung aufs Spiel. Wir werden alles für eine Lösung tun. Das wird nicht einfach, aber wir lassen niemanden im Stich.“ Sie fordert einen „nationalen Schulterschluss“ – für mehr Unabhängigkeit und eine nachhaltige Lebensmittelproduktion.

Rückendeckung kommt von der Arbeiterkammer. Präsident Markus Wieser suchte am Montag das Gespräch mit der Belegschaft – zwischen Maschinen, Gemüse und der bitteren Gewissheit, dass hier bald Schluss ist. „Ihr seid diejenigen, die hohe Gemüsequalität der Marchlandbauern mit euren Händen und Fachwissen veredeln. Ardo pfeift auf all diese Kompetenzen, sperrt zu und will Österreich mit eigenen, im Ausland produzierten Produkten überfluten“, polterte Wieser.

Bereits vor Corona habe er gefordert, zentrale Bereiche der kritischen Infrastruktur in österreichischer Hand zu halten. Seine Warnung: „Daseinsvorsorge, Industrie und Nahrungsmittel dürfen nicht in die Abhängigkeit von ausländischen Unternehmen geraten.“

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