Europas Nachrichtendienste schlagen Alarm: Russland führt einen unerklärten, hybriden Krieg. Während Deutschland zum Hauptziel wird, wiegt sich Österreich in falscher Neutralitätssicherheit, so Russland-Experte Alexander Dubowy.
Eine Drohne, präpariert mit Sprengstoff, abgestellt neben ukrainischen Frachtflugzeugen. So fand man sie Anfang August auf dem Flughafen Leipzig/Halle. Berlin macht Russland für den Anschlagsversuch verantwortlich. Für Martin Jäger, den Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes (BND), ist der Fall nur ein Beispiel unter vielen.
„Deutschland ist in Gefahr, in einen gewaltsamen Konflikt mit Russland zu geraten“, sagte Jäger am Montag vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags. Von keinem anderen Land gehe derzeit eine so direkte und konkrete Bedrohung aus. Die Chefs der deutschen Nachrichtendienste stehen den Abgeordneten sonst nur in geheimer Sitzung Rede und Antwort. Öffentlich geschieht das einmal im Jahr.
Jäger wählte drastische Worte. „Russland führt einen Schattenkrieg gegen uns“, sagte er. „Wir befinden uns nicht im Verteidigungsfall und werden trotzdem angegriffen.“ Zugleich betonte er, der BND sehe derzeit keine Hinweise auf einen großangelegten russischen Angriff auf Nato-Gebiet. Möglich seien aber «niedrigschwellige militärische Aktivitäten», vor allem im Baltikum.
Genau diese Unterscheidung hält Alexander Dubowy für entscheidend. „Die Lage ist ernst, umso präziser muss man sein“, sagt er. Die Gefahr liege nicht in einem baldigen Großangriff. Russland verschärfe vielmehr die Konfrontation unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges: durch Sabotage, Cyberangriffe, Spionage, Einflussoperationen und Auftragsmorde. Die Zahl dieser „hybriden Aktivitäten“ habe seit 2022 massiv zugenommen.
Dass Deutschland im Visier steht, hat Gründe. Jäger nannte das Land ein „Haupthindernis russischer hegemonialer Machtprojektion in Europa“. Berlin unterstütze die Ukraine und stelle sich russischem Druck auf die baltischen Staaten entgegen. Dubowy zieht daraus einen klaren Schluss: „Solcherart wird Deutschland zum Kernstaat Europas für die Unterstützung der Ukraine, und damit aber auch zum zentralen Ziel Russlands.“
Besonders aufhorchen lässt ein Satz Jägers. Die russische Führung wolle „für die Zukunft gewährleisten, dass in Berlin und anderen europäischen Hauptstädten keine politischen Entscheidungen gegen Moskau getroffen werden“.
Beweise im strengen Sinn gebe es dafür nicht, sagt Dubowy. Ein Kreml-Papier mit den genauen Plänen liege nicht vor. Jäger formuliere eine nachrichtendienstliche Bewertung, deren Grundlage nicht öffentlich sei. Es gebe aber eine große Menge öffentlich bekannter Indizien, die genau zu diesem Muster passten.
Dubowy nennt Beispiele. Deutschland habe festgestellt, dass Russland versucht habe, die Bundestagswahl zu beeinflussen. Der Angriff auf die Deutsche Flugsicherung werde dem Militärnachrichtendienst GRU zugeschrieben. Und die EU dokumentiere russische Desinformation, Cyberattacken und Sabotage in zahlreichen Mitgliedstaaten.
Das Ziel dahinter sei stets dasselbe: Gesellschaften spalten, das Vertrauen in die eigene Politik untergraben, Entscheidungen zur Ukraine verlangsamen. Für Moskau zählt dabei schon der Teilerfolg. „Wenn Waffenlieferungen und sonstige Ukraineunterstützung politisch schwieriger werden, Sanktionen verwässert oder gesellschaftliche Widerstände gegen bestimmte außenpolitische Entscheidungen verstärkt werden, ist bereits ein für Russland positiver Effekt erzielt“, sagt Dubowy.
Und Österreich? Hier sei das Risiko anders gelagert, aber keineswegs gering, sagt Dubowy. Eine direkte militärische Verwicklung sei weniger wahrscheinlich als für Deutschland oder die Nato-Frontstaaten. Österreich ist keine zentrale Drehscheibe für die Unterstützung der Ukraine. Die Bedrohung liege vor allem im nachrichtendienstlichen und politischen Raum.
Vor einem bequemen Vergleich mit der Schweiz warnt er dennoch. Durch Österreich führen wichtige Verkehrskorridore, die im Konfliktfall militärlogistisch Bedeutung bekämen. „Überhaupt schützt Neutralität Österreich nicht – weder vor Spionage noch vor Cyberangriffen, Desinformation oder politischer Einflussnahme.“ Moskau zähle auch Österreich zum „Westen“.
Wien ist zudem ein besonderer Ort für Spione, weil hier zahlreiche internationale Organisationen sitzen. Der Verfassungsschutz DSN spricht laut Dubowy von einer der weltweit größten russischen Legalresidenturen, also Geheimdienstlern unter diplomatischer Tarnung. Bereits 2025 bezeichnete die DSN Russland als Hauptakteur bei Spionage und Einflussnahme gegen Österreich. Zu den wichtigsten Aufgaben des Auslandsnachrichtendienstes SWR gehöre es, politische Entscheidungsträger auszuspähen und zu beeinflussen.
Moskaus Hebel in Österreich sind laut Dubowy zwei Themen: Neutralität und Energiesicherheit. Gerade dort lasse sich Außenpolitik innenpolitisch unter Druck setzen.
Wie kriegsbereit ist Russland selbst? Dubowy beschreibt eine „hochgradig militarisierte, aber keine vollständig mobilisierte Gesellschaft“. Die Bevölkerung bleibe bemerkenswert apolitisch und passiv. Der Staat dagegen sei weit fortgeschritten: Ausgaben für Sicherheit, Rüstung und den Ukrainekrieg hätten seit Jahren Vorrang. Geplante Budgets würden regelmäßig überschritten, auch der Haushalt für 2027 markiere einen neuen Rekord.
Am schnellsten schreitet laut Dubowy die Militarisierung der Jugend voran. Die „militärisch-patriotische Erziehung“ ist fest verankert. Im Schulfach „Grundlagen der Sicherheit und Verteidigung des Vaterlandes“ ist auch eine militärische Grundausbildung vorgesehen.
Viele Russen tragen den Krieg zumindest nach außen mit. Eine hohe persönliche Kampf- oder Opferbereitschaft folgt daraus nicht – noch nicht. „Mit Blick auf die Jugendpolitik kann sich Letzteres innerhalb weniger Jahre aber ändern“, sagt Dubowy.
Die deutschen Nachrichtendienste sehen sich als „erste Verteidigungslinie“, wie Jäger sagte. Sinan Selen, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, sprach von russischer Bereitschaft zu Sabotage und Tötungsdelikten. Man habe Abwehrerfolge erzielt, doch die Lage verschärfe sich weiter.
Die Regierung von Kanzler Friedrich Merz will reagieren. Ein Gesetzentwurf sieht vor, dass BND und Verfassungsschutz in besonderen Fällen künftig auch operativ eingreifen dürfen, etwa um Cyberangriffe zu stoppen. Der Bundestag muss darüber noch beraten. Jäger rechnet derweil mit weiteren Einschüchterungsversuchen. „Vermutlich wird es auch erneut nukleare Drohungen geben.“
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