Der Frankfurter Trap-Rapper Reezy stieg am Mittwochabend im ausverkauften Gasometer in den musikalischen Boxring der Raiffeisen Halle. Zwischen Feuer, Rauch und harten Beats zeigte der 31-Jährige auch seine gefühlvolle Seite. Kurz vor 22 Uhr war Schluss – schließlich mussten viele Fans am nächsten Morgen wieder in die Schule – wir waren live dabei.
Schon vor Konzertbeginn war klar: Der Frankfurter Rapper Reezy zieht wirklich. Die Schlange reichte am Mittwochabend bis zur U-Bahn-Station Gasometer, fast 3000 vorwiegend junge Fans drängten sich in die ausverkaufte Halle. Denn kaum sind die Schulferien vorbei, ging es für viele offenbar direkt vom Klassenzimmer aufs Rapkonzert. Draußen verabschiedete sich der Spätsommer bei knapp 29 Grad mit Gewitter und Regen, drinnen wurde es wenig später noch heißer. Ein DJ stimmte mit Trap- und Hip-Hop-Klängen auf den Abend ein, ehe gegen 20.30 Uhr die ersten „Reezy, Reezy“-Rufe durch die Halle schallten.
Als dann der große Vorhang mit der Aufschrift „Call It 2 Night“ fiel, dröhnte „Are you ready?“ aus den Boxen – fast wie unmittelbar vor einem Boxkampf. Und genau darauf war auch die Show ausgelegt: Das Bühnenbild erinnerte an einen Boxring, auf der LED-Wand erschien „Round 1“. Passenderweise stieg der 31-jährige Musiker mit „Gervonta Davis“, benannt nach dem US-Boxstar, in den musikalischen Ring.
Mit „Lionel Richie“, „Dalé“ und „Funkel“ ging es Schlag auf Schlag weiter. Bei „Raheem“ zeigte sich die Menge bereits erstaunlich textsicher. Der Song trägt den bürgerlichen Vornamen des 31-Jährigen und ist zugleich Namensgeber seines erst im August erschienenen neuen Albums. Gleich danach folgte „Britney Spears“.
Vom Rap-Nachwuchs zum Rap-Star
Hinter Reezy steckt Raheem Heid, der in Frankfurt geborene Sohn des Rappers und Reggae-Musikers D-Flame. Schon als Teenager begann er selbst Musik zu machen, brachte sich unter anderem Klavier und Gitarre bei und arbeitete später auch als Produzent. Sein erster eigener Top-20-Hit gelang ihm 2019 mit „Phantom“ an der Seite von Summer Cem, den großen Durchbruch brachte schließlich „Manchester“. Heute gehört Reezy zu den erfolgreichsten Vertretern der jüngeren Deutschrap-Generation.
An Energie mangelte es ihm im Gasometer jedenfalls nicht. „Reezy, wenn du so weitermachst, kriegst du noch einen Tennisarm“, scherzte eine Stimme von der Bühne. Es knallte, Flammen schossen in die Höhe, Rauch zog durch die Halle. Bei „Zaha Hadid“, „Niemals gedacht“ und später „Shoot“ ging die Menge mit. Die Hitze machte sich allerdings schon früh bemerkbar: Wasser wurde nach vorne gereicht, erste Fans mussten versorgt werden. Doch auch der erste große Haken des Abends zeigte sich schnell: Der Sound war stumpf, Reezy dadurch über weite Strecken nur schwer zu verstehen. Noch störender war, dass zahlreiche Songs kaum Zeit bekamen, sich zu entfalten. Oft gab es lediglich eine Strophe oder wenige Momente zu hören, ehe bereits der nächste Track folgte. Statt eines Konzerts entstand dadurch phasenweise der Eindruck einer großen Hip-Hop-Mixtape-Party.
Unterstützung bekam Reezy von mehreren Kollegen auf der Bühne. Vorgestellt wurden sie zunächst nicht, immerhin verriet die Leinwand später „Paul K x Trimm“. Für einige Minuten übernahmen die beiden sogar das Kommando – und prompt wurde aus der Menge wieder lautstark nach dem eigentlichen Hauptdarsteller gerufen.
„Piano Reezy“
„Hallo Wien“ – endlich richtete sich Reezy direkt an sein Publikum und nahm am Piano Platz. Als „Piano Reezy“, wie er selbst sagte, schlug er mit „Moodswings“ plötzlich deutlich leisere Töne an. „Wer von euch hat auch ein schlechtes Zeitgefühl?“, fragte er, ehe „Gefühl für die Zeit“ folgte. Bei „Pretty Little Shorty“ zeigte sich schließlich eine ganz andere Seite des Rappers. Und genau hier war Reezy am stärksten. Seine warme Singstimme trug durch die Halle, Soul war plötzlich stärker zu spüren als Straßenrap. Auch „My Little Sunshine“ unterstrich später seine gesanglichen Qualitäten. Für einen Moment verschwand der harte Rapper hinter dem gefühlvollen Sänger – leider waren gerade diese Momente viel zu schnell wieder vorbei.
Mit rotem Durag (Kopfbedeckung) ging es zurück ans Mikrofon. „Wo sind meine Tiger?“, fragte er vor „Tiger“. Danach machte Reezy Liegestütze auf der Bühne - fast so, als würde er sich wirklich für die nächste Runde im Ring aufwärmen. Bei „Trust Me/Lachs“ loderten wieder die Flammen, „Arda Saatci“ und „Shoot“ wurden von den Fans textsicher mitgerappt.
Mittlerweile war es so heiß und stickig, dass sich die ersten Besucher ihre Shirts auszogen. Dazu hing der Geruch der Pyrotechnik in der Luft, als hätte jemand nebenan den Grill angeworfen.
„Oh oh, was haben wir denn hier?“, fragte Reezy plötzlich, als auf der LED-Wand eine Kiss-Cam erschien. Es war eine der wenigen direkten Interaktionen mit seinem Publikum. Große Kuss-Szenen blieben zwar aus, dafür passte der anschließende Song „1+1“ umso besser. Doch auch dieser wurde lediglich angerissen, ehe es mit „Rosewood Interlude“ weiterging.
Ähnlich erging es „Karim Benzema“ und „Trapper‘s Lullaby“. Reezy hatte schlicht zu viele Songs in zu wenig Zeit gepackt. „Itachi Flow“, „In & Out“ und „700 Pferde“ trieben die Stimmung mit Rauch, Flammen und tausenden Handylichtern noch einmal nach oben.
Wenig Nähe zu den Wiener Fans
„Ich hab echt wenig mit Wien geredet“, stellte der Künstler irgendwann selbst fest. Nun ja, wenigstens war er sich dessen bewusst. „Die Technik lässt es nicht zu“, schob er hinterher. Zum Abschied wurde der 31-Jährige dann aber persönlicher: „Danke, dass ihr alle hier wart – ich weiß euch jeden Einzelnen zu schätzen.“
Mit „Expensive Shit“ ging es Richtung Finale, ehe schließlich jener Song ertönte, der seinen Aufstieg maßgeblich prägte: „Manchester“. Jetzt waren die Handys endgültig oben und die Fans textsicher - erfreulicherweise bekam sein großer Hit mehr Raum als viele Tracks zuvor. Nach lautstarken Zugabe-Rufen kehrte Reezy noch einmal zurück und beendete mit „Sabía Que No“ seine schweißtreibende Bye-Bye-Hip-Hop-Sommerparty.
Fazit: Reezy bleibt ein spannender Künstler – und gerade die Momente am Piano zeigten, wie viel mehr in ihm steckt als harte Beats, Luxus-Rap und Pyrotechnik. Genau deshalb war dieser Abend aber auch eine vergebene Chance. Das Boxring-Konzept lieferte einen gelungenen roten Faden und optisch ordentlich Spektakel, musikalisch landeten jedoch zu wenige Treffer. Zu viele Songs wurden nur angerissen, der dumpfe Sound verschluckte immer wieder Stimme und Lyrics und die Nähe zum Publikum blieb überraschend gering.
Die stärksten Minuten waren jene, in denen Reezy Feuer, Rauch und große Inszenierung beiseiteschob und einfach sang. Doch gerade diese waren vorbei wie ein Wimpernschlag. Für einen Künstler, der schon mehrfach in Wien gespielt hat und inzwischen eine ausverkaufte Halle füllt, darf man mehr erwarten. Trotz viel Feuer war an diesem Abend unterm Strich etwas zu viel Schein und zu wenig Sein – der musikalische K.-o.-Schlag blieb leider aus.
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