Manchmal sind schon bei kleinen Verhaltensauffälligkeiten rasch Diagnosen ausgesprochen. Social Media und KI springen da gern als „Helfer“ ein. Ob das wirklich gut ist, fragt sich Autor Robert Schneider in seiner Kolumne:
Früher war man einfach unkonzentriert, rutschte auf dem Stuhl herum, schwätzte andauernd, war beim Unterricht nie bei der Sache. Heute hat man ein Wort dafür: ADHS. Früher mochte man keine lauten Partys. Heute befindet man sich deshalb irgendwo im Autismus-Spektrum.
Damit Sie mich bloß nicht missverstehen! Keine Frage: ADHS und Autismus sind reale neuroentwicklungsbedingte Besonderheiten, die für viele Menschen erhebliche Herausforderungen bedeuten. Aber in jüngster Zeit hat sich eine bemerkenswerte Entwicklung eingeschlichen: Aus jedem Maröttchen wird plötzlich ein Symptom, und das Symptom braucht einen Namen.
Habe ich ADHS, wenn ich beim Lesen oft abschweife? Ist es eine Form von Neurodivergenz, wenn ich meine Bücher nach Farben ordne und den Bleistift exakt parallel zur Tischkante lege? Ich bin schwerkrank. Ich spüre es selbst. Besonders beliebt sind Selbstdiagnosen per Videoratgeber. Auf TikTok erklärt einer zehn Sekunden lang, dass jemand mit ADHS sich keine Namen und das dazugehörende Gesicht merken kann. Voll erwischt! Ich habe ADHS. Aber wie!
Jede Mutter, die ihr Kind einschult, wird dem Lehrer erzählen, dass es „irgendwie“ hochbegabt ist. Aber Achtung! Hochbegabung könnte auch ADHS sein, eine schlimme Form von Autismus oder ein Krankheitsbild, für das es bald vier neue Buchstaben geben wird. Traurigerweise droht die inflationäre Verwendung der Begriffe genau das zu verwässern, was gute Diagnostik leistet: Menschen ernst nehmen, deren Alltag tatsächlich erheblich beeinträchtigt ist. Vielleicht könnte es helfen, einen Satz einfach mit „Ich bin halt so“ zu beenden, ohne gleich einen Fragebogen auszufüllen.
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