Interview mit 70

Andreas Vitásek: Jubiläum ohne Tintenfische

Kultur
04.10.2026 08:00

„Wie es mir gefällt“ heißt das neue Programm von Andreas Vitásek, der heuer seinen 70er gefeiert hat. Es ist ein persönlicher Rückblick auf 45 Jahre auf der Kabarett-Bühne. Ab 6. Oktober in der Wiener Kulisse.

„Krone“: Wie geht es dem Klassischen Kabarett? 

Andreas Vitásek: Mache ich klassisches Kabarett? Wahrscheinlich. Ich habe kürzlich die KI befragt, was ich bin: ein Vertreter des klassischen Kabaretts. Als ich angefangen habe, war ich nicht klassisch. Das waren Farkas, Waldbrunn, das Simpl. Ich zählte zum neuen Avantgarde-Kabarett!

Sie stehen seit 45 Jahren auf der Bühne. Wie sehr haben sich Genre und Humor verändert?
Mit den langen Erzählbögen ist es vorbei. Man bekommt kleine Häppchen, kurze Shows, geschuldet durchs TV, Social Media, Instagram, sogar TikTok. Mir ist das immer zu kurz. Ich brauche ein bisschen Zeit. Ich muss mein Publikum erst einmal zu mir holen. Es ist einfach eine andere Spielart. Aber es hat sich viel getan. Es gibt tolle junge Leute. Ich schaue mir immer wieder Kolleginnen und Kollegen an, weil ich auch die andere Seite kenne, als Intendant vom Kultur Sommer Güssing. Eine wirklich schöne Entwicklung ist, dass die Frauen jetzt viel präsenter sind.

Haben die früher gefehlt? 
Es gab etwa Andrea Händler oder die Dolly Schmidinger. Aber das Kabarett war männlich dominiert. Doch die Frauen haben aufgeholt, weil man heute emanzipatorische Themen natürlich gut verhandeln kann. Während wir Männer gerne ins Wehleidige abdriften.

Andreas Vitásek in „Wie es mir gefällt“.
Andreas Vitásek in „Wie es mir gefällt“.(Bild: Werner Redl)

Wie sehr habe Sie sich weiterentwickelt? 
Mein Stil hat sich natürlich über die 45 Jahre stark verändert. Ich erinnere mich an den Beginn, als ich von meiner Ausbildung als Pantomime in Paris gekommen bin. Über die Kabarett-Lokale kam ich mit den Kollegen wie Lukas Resetarits und I Stangl in Kontakt und zum Kabarett. Wir haben uns dann gegenseitig beeinflusst und befruchtet. Ich begann plötzlich zu reden und die anderen haben angefangen, sich mehr zu bewegen.

Die Bewegung ist geblieben? 
Dem körperlichen Zustand des Alters geschuldet, bewege mich immer weniger.

Also keine Pantomime mehr? 
Wenig. Aber es gibt Leute, die mir sagen, man spürt das noch immer, wenn ich spiele. Ich überlege, beim Jubiläumsprogramm eine große Pantomime zu zeigen. Die geht über zehn Minuten, und ich spiele mit einem weißen Tuch verschiedene Personen, einen Kellner, einen Einarmigen, einen Pianisten.

Ist das Jubiläums-Programm so flexibel? 
Ja, ich habe vor, dass es im Fluss ist. Dass ich es immer wieder verändern kann, neue Nummern hineinnehme, anderes wieder herausnehme.

Ein Best-of aus 45 Jahren? 
Ich wollte aus diesem Korsett, alle zwei, drei Jahre ein neues Programm zu machen heraus. Aber ich wollte eben auch nicht einfach nur die Blockbuster versammeln, sondern versuchen, einen persönlichen Faden zu finden. Ich bringe etwa eine uralte Nummer aus 1991, den Wochenend-Vater. Das war eine Landmarknummer, weil ich zum ersten Mal gereimt habe, womit ich dann auch wieder aufgehört habe. Und ich habe zum ersten Mal wirklich etwas ganz intim Privates von mir gegeben.

Gibt es Nummern, die heute nicht mehr gehen? 
Mehr, als ich geglaubt habe. In der Durchschau bin ich auf Sachen gestoßen, die habe ich gerne gespielt, aber gemerkt: Das geht nicht mehr.

Andreas Vitásek in „Wie es mir gefällt“.
Andreas Vitásek in „Wie es mir gefällt“.(Bild: Werner Redl)

Inwiefern? 
Es geht thematisch nicht, zeitgeistlich nicht, es ist auch politisch nicht mehr korrekt. Es gibt auch so viel Aufregung. Egal, was man sagt, es regt sich immer jemand auf. Ich habe einmal ein Rezept über Tintenfisch-Risotto empfohlen und bekam dann den Vorwurf: Wie können Sie Tintenfisch essen? Das sind doch so intelligente Lebewesen.

Und Politisches? 
Der Prozentsatz im Programm ist immer gleich dem Prozentsatz, wie es mich gerade interessiert.

Wo finden Sie Ihre Themen? 
Ich gehe meistens von mir selbst aus. In der Hoffnung, dann ins Allgemeingültige zu gelangen. Ich glaube auch, dass ich relativ durchschnittlich bin. Ein Kabarettist sollte nicht abgehoben sein, sondern dieselben Bedürfnisse, Leidenschaften und Wünsche haben, wie sein Publikum.

Aktuell? 
Weniger eigentlich. Es ist schon wichtig. Aber was will man über Trump und ähnliche Figuren noch sagen? Und Innepolitisches gerinnt derzeit eher nicht zu einer Nummer bei mir.

War Kabarettist immer ein Berufswunsch? 
Nein, diesen Beruf nimmt man sich nicht vor. Es ist so ein Versuchen und Irren. Es passiert irgendwie. Ich habe Germanistik und Theaterwissenschaft studiert, war eher auf der theoretischen Seite. Erst als Komparse am Burgtheater habe ich Blut geleckt. Ich hatte das Glück, mit Giorgio Strehler für seine Shakespeare Königsdramen-Collage „Das Spiel der Mächtigen“ zu arbeiten. Er gab uns besondere Aufgaben, und wir trainierten mit einer Pantomimin, die er von seinem Teatro Piccolo in Mailand einfliegen ließ. Da habe ich gemerkt, dass Pantomime und Körpertraining viel interessanter sind als etwa die Recherche über die Entwicklung des Kostüm-Ärmels im 18. Jahrhundert auf der Theaterwissenschaft.

Andreas Vitásek in „Wie es mir gefällt“.
Andreas Vitásek in „Wie es mir gefällt“.(Bild: Werner Redl)

Wie ging es weiter? 
Ich bin dann sogar ans Mozarteum, habe die Aufnahmsprüfung für Regie und Schauspiel geschafft – und nach einer Woche wieder gegangen. Es war Ende der 70er Jahre, und das große Them war die Suche nach sich selbst. Also bin ich nach Paris zu Jacques Lecoq. Der hat dann gesagt: Suche dich nicht selbst, du findest niemanden! Das war wie ein schönes Mantra für mich. Ich habe also aufgehört mich zu suchen und mir gedacht, es geht um meinen Beruf, um meine Stellung in der Gesellschaft, und nicht darum, dauernd in sich hineinzuhören.

Sie sind am 1. Mai 70 geworden. Ein gutes Alter? 
Ich möchte nicht jünger sein, aber ich würde gerne länger leben. 200 Jahre oder so. Man hat keine Zeit mehr. Man möchte noch so viel sehen, noch so viele Bücher lesen, noch so viel erleben.

Fühlen Sie sich altersweise? 
Weise nicht, aber altersmilde, glaube ich.

Wie äußert sich das? 
Die Kunstform Kabarett ist eine Mischung aus Kritik, Gesellschaftskritik, und Unterhaltung, aber hauptsächlich Gesellschaftskritik. Und ich finde in einer Zeit, die wirklich schwierig für die Menschen ist, dass mehr Unterhaltung nicht schadet. Vielleicht ist das die Altersmilde – oder schon Zahnlosigkeit. Hin und wieder mal zwei Stunden nicht daran denken zu müssen, was alles Schreckliches passiert, das ist fast schon medizinisch. Womöglich ist das auch die Funktion von Kultur und der Kunst. Das klingt jetzt sehr konservativ, aber vielleicht hat auch das etwas mit dem Alter zu tun.

An Pension denken Sie noch nicht? 
Na ja, ich bin eigentlich schon seit 5 Jahren in Pension.

Ans Aufhören? 
Nein. Irgendwann wird die Zeit kommen, wo ich sage, es ist zu anstrengend. Also ich hoffe, dass ich rechtzeitig draufkomme. Es besteht immer ein bisschen die Gefahr, dass man selbst die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Aber es macht noch Spaß.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Top 3
Top Gutscheine
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung