Geboren in Österreich – und trotzdem beginnt die Schule für Tausende Wiener Kinder mit einer Hürde für jedes Fach: Sie verstehen zu wenig Deutsch, um dem Unterricht ausreichend folgen zu können. Wer dabei nur an gerade erst zugewanderte Kinder oder den Familiennachzug denkt, übersieht den größeren Teil des Problems.
Die aktuellen Zahlen zeichnen ein besorgniserregendes Bild: 60 Prozent aller Kinder, die wegen mangelnder Deutschkenntnisse als „außerordentlich“ eingestuft wurden, sind sogar hier geboren. Oft sind es Nachkommen der großen Flüchtlingsbewegungen seit 2015.
Das geht aus einer Agenda-Austria-Auswertung für das Schuljahr 2025/26 hervor und beruht auf einer parlamentarischen ÖVP-Anfrage. Mit anderen Worten: In der ersten Klasse sollen Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen. In Wien muss die Schule zuerst die Sprache vermitteln, in der sie das alles erklärt.
Gravierende Unterschiede
Wie groß die Aufgabe ist, zeigt Favoriten: Von 2561 Schulanfängern konnten 1696 dem Unterricht wegen mangelnder Deutschkenntnisse nicht ausreichend folgen. Also fast zwei Drittel des Jahrgangs. In Margareten sind es mit 74,8 Prozent sogar fast drei Viertel.
Drei von vier schon ihr ganzes Leben in Österreich
Besonders brisant ist der Blick an den Stadtrand. In der Donaustadt und in Floridsdorf sind mehr als 70 Prozent der außerordentlichen Erstklassler in Österreich geboren, in Liesing sogar 76 Prozent. Im Ausland geboren ist hier nur eine Minderheit.
„Mich hat vor allem erschrocken, dass so viele tatsächlich in Österreich geboren sind“, so Agenda-Austria-Expertin Carmen Treml zur „Krone“. „Die sind da geboren, die sind da aufgewachsen, die müssten eigentlich die Sprache schon sprechen.“ Ihr Urteil: „Man verliert bis zum Schuleintritt schon so viel Zeit.“
Die sind da geboren, die sind da aufgewachsen, die müssten eigentlich die Sprache schon sprechen.

Carmen Treml
Bild: Markus Rössle
Nachteil oft nicht mehr aufzuholen
Die Folgen wiegen schwer: „Die Schüler schleppen das oft jahrelang, wenn nicht ihr ganzes Leben lang mit.“ Und sie berichtet von weiteren gravierenden Missständen: „Es kommt leider vor, dass Eltern das verweigern.“ Zuerst brauche es Gespräche und Aufklärung. „Wenn es nicht funktioniert, dann muss man mit Sanktionen arbeiten, so hart es klingt“, so Treml.
Problem von Ballungsräumen
Wien ist bei der Entwicklung der Brennpunkte aber kein Einzelfall. Alle Ballungszentren haben damit zu kämpfen. In den Wiener Klassen stößt das Mitlernen aber an seine Grenzen: „Wenn 70 Prozent nicht Deutsch als Erstsprache haben, wie soll das funktionieren?“
Das Problem beginnt nicht erst in der Schule. Es sitzt schon im Sesselkreis. In Wiens öffentlichen Kindergärten sprechen 11.450 von 16.731 Kindern der beiden erfassten Jahrgänge zuerst eine andere Sprache als Deutsch. Vor vier Jahren lag der Anteil noch bei 61 Prozent. In privaten Einrichtungen kletterte er von 43 auf 53 Prozent. Die Daten der Statistik Austria stammen aus einer parlamentarischen Anfrage der ÖVP und wurden von Agenda Austria für die „Krone“ aufbereitet.
Spielen alleine reicht nicht
Auf das Lernen im Spiel könne man nicht mehr setzen. Das funktioniere nicht, „wenn nur mehr die Hälfte oder nicht einmal die Hälfte eine deutsche Erstsprache hat“. Das Defizit beginnt oft bei den Eltern, die selbst kaum Deutsch können. „Wenn es nicht aus dem Elternhaus kommt, dann muss das trotzdem irgendwie über das Bildungssystem funktionieren“, fordert Carmen Treml von der Agenda ein. Das Wiener Mindestsicherungsgesetz öffnet dabei ein Schlupfloch: Wer ein Kind unter drei Jahren betreut und keinen passenden Betreuungsplatz hat, muss an keinen Integrationsmaßnahmen teilnehmen. Mit jedem weiteren Baby kann sich die Ausnahme verlängern. Treml verlangt Nachschärfungen: „Da gehört definitiv eine Klarheit rein.“
Obergrenze für Sprachen, aber keine für Deutsch
Die Stadt reagiert, wie die „Krone“ bereits berichtete. Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (NEOS) will die Gruppen nun durchmischen: Höchstens 20 Prozent der Kinder sollen dieselbe andere Alltagssprache sprechen. Eine Deutschquote gibt es nicht. Fünf andere Sprachen könnten dann rechnerisch eine Gruppe füllen – ohne ein Kind mit Deutsch als Erstsprache. Das Gesetz wird zudem erst ausgearbeitet und dann ab 2028 gelten. Es könnte für viele zu spät kommen.
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