Rektor Horst Bischof

„Budget-Kürzung würde uns zehn Jahre zurückwerfen“

Steiermark
05.10.2026 06:00

Horst Bischof, Rektor der Technischen Uni Graz, spricht über den Wandel der steirischen Autoindustrie, was man von China lernen kann, ob Studieren in Zeiten von KI noch sinnvoll ist – und welche drastischen Folgen die Kürzungen im Uni-Budget hätten. 

„Krone“: Wie bereitet man sich als Rektor auf den Semesterstart vor?
Horst Bischof:
 Ich begrüße alle Erstsemestrigen persönlich bei den Welcome-Days und gratuliere ihnen, dass sie an der besten Uni Österreichs studieren (schmunzelt). Am Campus Inffeldgasse halte ich die allererste Vorlesung. Ich liebe Vorlesungen, aber als Rektor habe ich die Zeit nicht mehr. Heuer war das Thema Künstliche Intelligenz und die Frage, ob man noch studieren muss.

Und – wie lautet die Antwort?
Wir brauchen Unis mehr denn je im Zeitalter von KI. Von Absolventen oder Absolventinnen erwarte ich Fachwissen, um die Ergebnisse der KI einschätzen zu können, und kritische Reflexion. Die KI kann vorhandenes Wissen sehr gut aufbereiten, aber nicht kritisch hinterfragen. Es wird immer Spezialisten brauchen. Diese bilden wir praxisnahe aus. Allerdings wird KI auch die Lehre verändern. Es braucht mehr mündliche Prüfungen, Arbeiten in Labors wird relevanter sein. Wir sammeln gerade Erfahrung, wie die KI behilflich sein kann.

Der Chef der zweitgrößten steirischen Uni im „Krone“-Gespräch: „Er herrscht ein Kampf um ...
Der Chef der zweitgrößten steirischen Uni im „Krone“-Gespräch: „Er herrscht ein Kampf um Talente. Wir wollen diese ins Land holen und müssen dafür sorgen, dass sie auch bleiben.“(Bild: Jürgen Fuchs)

Sehen Sie auch Gefahren?
Jede Technologie hat einen Jobwandel bewirkt, von der Industrialisierung bis zur Elektrifizierung. Das Tempo ist jetzt aber schneller. Es werden Jobs verschwinden, ohne Zweifel, aber auch neue entstehen. Zur Debatte über Regulierung, die in Amerika läuft: Ich denke, das ist Marketing der großen Konzerne, die sich natürlich nicht regulieren lassen wollen.

Laut einem neuen weltweiten Ranking liegt erstmals eine chinesische vor einer europäischen Uni. Die Tsinghua University auf Platz 11 vor der ETH Zürich. Was muss Europa tun, um den Anschluss nicht zu verlieren?
China zeigt, was man mit konsequenter Entwicklung und finanziellen Mitteln alles erreichen kann. Wir pflegen engen Kontakt mit der Tongji University in Shanghai. Dort ist die Infrastruktur beeindruckend. Die Bahnforschung hat zum Beispiel eine Test-Hochschwebebahn am Campus, die Bauingenieure haben eine Rüttelstrecke, wo sie für mehrstöckige Häuser Erdbeben simulieren können

Im Frühsommer wurde in Graz, Wien etc. gegen geplante Budget- Kürzungen an Unis protestiert. Im ...
Im Frühsommer wurde in Graz, Wien etc. gegen geplante Budget- Kürzungen an Unis protestiert. Im Herbst soll die Entscheidung fallen.(Bild: Jürgen Fuchs)

Fehlt bei uns die Bereitschaft, in Universitäten zu investieren?
Wenn der Bund bei der Leistungsvereinbarung für 2028 bis 2030 wirklich so massiv den Sparstift ansetzt, würde das 500 Millionen Euro weniger allein für steirische Unis bedeuten, noch ohne Inflation. Wenn ich die Einsparungen nur beim größten Faktor, dem Personal, vornehmen müsste, wären 300 bis 400 Jobs an der TU Graz betroffen. Wir haben in den letzten zehn Jahren einen Aufbau an den Universitäten hinter uns, die Betreuungsverhältnisse haben sich deutlich verbessert. Das würde mit einem Schlag wieder verschwinden. Wenn es außerdem nicht gelingt, Talente ins Land zu holen und zu halten, dann haben wir ein Riesenproblem in der Wirtschaft. Denn Österreich lebt nicht von Rohstoffen, sondern von der intellektuellen Kapazität dieses Landes, mit der wir innovativ tätig sind und der Industrie das beste Know-how zur Verfügung stellen können.

Lässt sich der Mehrwert von Unis in Zahlen umlegen?
Bis jetzt haben sich mehr als 400 Start-ups und Spin-offs aus den steirischen Hochschulen entwickelt. Steirische Hochschulen generieren mehr als 1,5 Milliarden Euro an Wertschöpfung pro Jahr in der Steiermark. Das geht aber nicht ohne adäquate, finanzielle Ausstattung. Die Universitäten haben gezeigt, was sie für das Land leisten.

Zur Wirtschaft: Steirische Automobil- und Technologieunternehmen kämpfen, bei der AVL – ein starker Partner der TU Graz – folgt eine Kündigungswelle der nächsten. Was hat man verpasst? Welchen Fokus muss Ihre Uni als Ausbildungsstätte neu legen?
Die TU Graz zeichnet aus, dass wir Innovation in all diese Firmen hineintragen. Wir können aber als TU Graz nicht die Weltwirtschaft retten. Die Autoindustrie befindet sich in einem radikalen Wandel. Ich denke, man hat viel zu lange zugesehen und sich auf den Lorbeeren ausgeruht – vor allem in Deutschland, wo die Steiermark als Zulieferer ja abhängig ist. Ich wundere mich, warum die Autoindustrie nicht langsam anfängt, Roboter zu produzieren. Wenn ich eine Prognose wagen darf: Heute hat jeder ein Auto. Was heute das Auto ist, wird künftig der ein oder andere Roboter sein. Die Autobranche wäre perfekt ausgestattet, diese zu produzieren. Die Chinesen machen es schon vor. Man muss in neuen Geschäftsmodellen denken. Da liefern die Technischen Unis natürlich die optimalen Voraussetzungen.

Infos zur Person

Horst Bischof, Jahrgang 1967, interessierte sich schon als Kind für Technik. „Mit meinem Taschengeld habe ich mir mühsam einen Commodore 64 gekauft“, erinnert er sich. Er studierte Informatik in Wien. 2011 wurde er Vizerektor der TU Graz, seit 2023 ist er deren Rektor.

Wohin muss sich die TU Graz orientieren?
Wir haben uns sehr stark auf den Bahn-Bereich konzentriert, als eine der wenigen europäischen Einrichtungen. Der Bedarf steigt, auch wenn er den Automotivbereich nicht kompensiert. Pharma legt zu. Und im Bereich der Cybersecurity, wo wir gerade den neuen Campus eröffnet haben, sind wir weltweit sichtbar. Besonders seit Forscher der TU Graz die Sicherheitslücken Meltdown und Spectre aufgedeckt wurden.

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