Die sechsjährige Volksschule stößt auf Widerstand. Der Vorstoß von Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) war mit den Koalitionspartnern nicht abgestimmt, entsprechend ablehnend sind die Reaktionen. Auch Bildungsexperte Andreas Salcher ist skeptisch, dass damit die Bildungsprobleme gelöst werden könnten.
Es sei richtig, dass die frühe Bildungsentscheidung mit zehn Jahren ein Problem sei, so Salcher. Insofern sei der von Wiederkehr gestartete Schulversuch positiv. Die Erfahrungen mit der neuen Mittelschulen hätten aber gezeigt, dass sich einerseits wenige geeignete AHS-Partnerschulen finden.
„Es werden sich einige Idealisten melden, aber es wird keine breitflächiges Interesse geben. Und es ist auch nicht davon auszugehen, dass die Bildungsschichten scharenweise in die sechsjährige Volksschule laufen werden.“ Insofern sei dieses neue Modell eine Chance, aber es werde die Grundprobleme an den Schulen nicht breitflächig lösen.
Die Meinung der „Krone“-Leser zur Idee Wiederkehrs ist auch eindeutig. Auf die „Frage des Tages“, ob die Verlängerung der Volksschule eine gute Idee sein, antworten drei Viertel (74 Prozent) mit Nein. 26 Prozent sind dafür.
Die italienische Regierung hat diese Woche eine Obergrenze von 30 Prozent für Schüler ohne ausreichende Italienischkenntnisse sowie ein Verbot von Burka und Nikab in den Schulen beschlossen. Betroffen sind ausländische Schüler nach genau definierten Kriterien. Dabei soll insbesondere berücksichtigt werden, ob sie in Italien geboren wurden oder bereits mehrere Jahre das italienische Schulsystem besucht haben.
Die Reaktionen von Wiederkehrs Koalitionspartnersind mehr als verhalten. Für die ÖVP würde eine reine Verlängerung der Volksschule die Probleme, die es vor allem in Wien gibt, nicht lösen. „Es ist völlig offen, was sich durch die sechsjährige Volksschule bei diesen konkreten und realen Problemen tatsächlich verbessert. Das Türschild zu tauschen, ohne tatsächlich einen Mehrwert für die Schüler zu schaffen, ist noch lange keine sinnvolle Reform”, so ÖVP-Bildungssprecher Nico Marchetti.
„Die sechsjährige Volksschule kann ein interessanter Schulversuch sein. Sie darf aber nicht zum Ersatz für die notwendige Debatte über die gemeinsame Schule der zehn- bis 14-Jährigen werden“, so SPÖ-Bildungssprecher Heinrich Himmer.
In 14 Ländern der Union gibt es eine sechsjährige Primarstufe. Eine Volksschule für die Sechs- bis Zwölfjährigen wie beim geplanten Schulversuch findet man aktuell in neun EU-Ländern (Belgien, Griechenland, Irland, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Slowenien, Spanien, Zypern). In Malta wird die sechsjährige Volksschule schon ab einem Alter von fünf Jahren besucht, in Estland geht man ab sieben in die Põhikool. Auch in Finnland, Lettland und Schweden beginnt die sechsjährige Primarstufe erst bei den Siebenjährigen.
Vier Jahre Volksschule wie aktuell in Österreich findet man in der EU sonst nur in sechs weiteren Ländern. In Deutschland, der Slowakei und Ungarn gilt die Schulpflicht dabei wie hierzulande ab sechs Jahren, in Kroatien, Litauen und Polen ab sieben. In Deutschland mit seinen je nach Bundesland sehr unterschiedlichen Bildungssystemen gibt es mit Berlin und Brandenburg Sonderfälle: Dort dauert die Grundschule sechs Jahre.
In Bulgarien, Frankreich, Italien, Rumänien und Tschechien verbringen die Kinder fünf Jahre in der Volksschule. In der bulgarischen Natchalno utchilishte geht es mit sieben Jahren los, in den übrigen Ländern mit sechs. Eine siebenjährige Volksschule findet man in der Union nur in Dänemark, die Folkeskole oder Grundskole wird von Kindern zwischen sechs und 13 besucht.
Ähnlich wie die SPÖ spricht sich auch die Arbeiterkammer gegen neue Schulversuche. „Die Vorteile längerer gemeinsamer Lernphasen sind seit Jahren wissenschaftlich nachgewiesen und international erprobt.“ Statt einer sechsjährigen Volksschule, die ein Fremdkörper im bestehenden System wäre, wäre aus Sicht der AK die gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen besser umsetzbar.
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