Aus ärmsten Verhältnissen kam er an die Uni, mit großem Interesse erforschte er Aberglaube, Geheimschriften, Sagen und vieles mehr. Generationen von Kindern und Studierenden konnten von ihm lernen. Nun ist Günther Biermann kurz vor seinem 90. Geburtstag gestorben.
Kein Fels, kein Berg, kein See, zu dem es nicht eine Sage geben würde: Geschichten prägen unser Leben, erklären unsere Landschaft und Phänomene, welche die Wissenschaft noch nicht beschreiben konnte. Günther Biermann hat (beinahe) alle gesammelt und erforscht.
Der gebürtige, am 27. September 1936 geborene St. Veiter wirkte zuerst als Lehrer an verschiedenen Schulen in Kärnten und Graz, dann bis zur Pensionierung an der Pädagogischen Akademie des Bundes in Klagenfurt. Günther Biermann forschte und publizierte unermüdlich zu Themen der Kärntner Volkskunde, seine Gesamtbibliografie dürfte mehr als 200 Titel umfassen, weiß der Geschichtsverein für Kärnten, der mit Biermanns Familie trauert.
Preise für seine Arbeit
2004 zeichnete das Land Kärnten Biermann mit dem Würdigungspreis für Volkskultur aus. Der Geschichtsverein verlieh ihm 2006 die Ehrenmedaille. Biermann war zudem Hauptakteur der Fernsehdokumentation „Sagen und Märchen aus Mittel- und Unterkärnten“, die seit 2005 von Kultursendern im deutschen Sprachraum wiederholt ausgestrahlt wurde.
Er schrieb für Gemeindechroniken und gab der „Krone“ Interviews
„Günther Biermann drängte sich nie in die breite Öffentlichkeit. Daher blieben viele seiner volkskulturellen Aktivitäten weitgehend unbemerkt, wie sein langjähriger ehrenamtlicher Einsatz für das Landwirtschaftsmuseum in Ehrental und das Freilichtmuseum in Maria Saal“, so Wilhelm Wadl, der Direktor des Geschichtsvereines. „Wer immer ihn um Beiträge ersuchte, wurde nie enttäuscht. Er bereicherte zahlreiche Gemeindechroniken, beispielsweise Hermagor, Afritz, Weitensfeld, Liebenfels, Klein St. Paul, Maria Saal, Ruden, Griffen, mit profunden volkskundlichen Beiträgen“, betont der Geschichtsvereinsdirektor. Posthum werde demnächst Biermanns letzter Beitrag zu „Volkserzählungen“ in der Gemeindechronik Feistritz ob Bleiburg erscheinen. Auch die „Krone“-Leser konnten öfters lesen, was Biermann über Traditionen und Sagen herausgefunden hatte.
Ohne Mutter, auf ins Wanderleben, sesshaft mit Familie
Günther Biermann wurde am 27. 9. 1936 in St. Veit als uneheliches Kind geboren, lernte seine leibliche Mutter nie kennen, sondern kam in die Obhut einer Pflegemutter. Seine Kindheit war von großer Armut geprägt. Nach der Volks- und Hauptschule in St. Veit ermöglichte ihm ein kleines Stipendium der Arbeiterkammer den Übertritt in die Lehrerbildungsanstalt in Klagenfurt. Nach der Matura 1955 begann ein unstetes Wanderleben als Probelehrer an landwirtschaftlichen Schulen und ländlichen Volksschulen (u. a. in St. Gertraud, Kamp, Klein St. Paul, Glödnitz, St. Donat und Sörg). 1960 wurde ihm die Leitung der einklassigen Bergschule in Hochfeistritz in der Gemeinde Eberstein übertragen. Ab 1962 wirkte er als Lehrer an der Hauptschule in Klein St. Paul. Hier lernte er seine Frau Klothhilde, geb. Pinkelnig, kennen. Sie wurden Eltern zweier Töchter.
Als Skilehrer und Bademeister Gehalt aufbessern
Im Winter besserte Biermann sein karges Lehrergehalt als Skilehrer auf der Saualm, im Sommer als Bademeister im Gemeindebad auf. Ab 1963 nahm das Ehepaar auch die jüngsten Geschwister der Frau bei sich auf. 1969 begann Biermann neben seiner Lehrtätigkeit an der Hauptschule in Graz ein Studium in den Fächern Klassische Philologie, Volkskunde und Pädagogik. Seine von Prof. Oskar Moser betreute Dissertation befasste sich mit dem Bauernhaus im Görtschitztal. Nach der Promotion 1976 wirkte er weiterhin als Hauptschullehrer in Klein St. Paul. 1981 erhielt er eine Professur an der Pädagogischen Akademie des Bundes in Klagenfurt.
Zwischen Geheimschriften und Getreidespeicher
Als Forscher hat sich Biermann unter anderem mit dem Leben der Bergleute und ihrem Brauchtum befasst sowie mit der sozialen Not und dem Lebensalltag armer Leute. Zudem bearbeitete er Themenfelder wie Aberglaube, Zauberei, mystische und esoterische Praktiken, Geheimschriften, Beschwörungsformeln. Sehr interessiert haben ihn auch bemerkenswerten Bauernhäuser und Getreidespeicher. Eigenhändig hat er zwei Almhütten abgetragen und auf der Saualm bzw. in der Lölling wieder aufgestellt. Biermann zeichnete zahlreiche mündlich überlieferte Volkserzählungen (Sagen, Märchen, Schwänke etc.) auf und betrieb dafür umfassende Feldforschung. Dabei gelang es ihm immer wieder, Erzählerinnen und Erzähler, meist ehemalige ländliche Dienstboten, aufzutreiben, die in ihrem Lebensalltag bei Petroleum und Kerzenlicht selbst noch Erzählern zugehört und deren Geschichten weitertradiert hatten.
Abschied am Freitag, 4. September
Am 26. August starb Günther Biermann nach längerer schwerer Krankheit kurz vor Vollendung seines 90. Lebensjahres. Er wird in Klein St. Paul im Görtschitztal seine letzte Ruhestätte finden. Die feierliche Verabschiedung mit Urnenbeisetzung findet am Freitag, 4. September (13 Uhr), in der dortigen Aufbahrungshalle statt.
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