Bereits über 600 Tote

Nepal: Dieser See könnte nächste Todeswelle werden

Ausland
29.08.2026 09:45

Nach der verheerenden Sturzflut im Himalaya ist die Zahl der Todesopfer in Nepal auf mehr als 600 gestiegen. Und die Gefahr ist keinesfalls gebannt, denn ein neu aufgestauter See könnte sich im Fall einer weiteren Gletscherschmelze in die nächste Todeswelle verwandeln. 

Der See hatte sich als Folge der Sturzflut durch weitere Erdrutsche an einer Flussmündung gebildet, wie Luftaufnahmen aus Tibet zeigen. Wegen der Gefahr des Überlaufens und einer neuen Flut stellten die Rettungskräfte laut Berichten des Staatsfernsehens die Rettungsarbeiten am schwer getroffenen Grenzübergang Gyirong flussabwärts von dem See vorübergehend ein.

Wissenschaftler Xu Qiang von der technischen Universität Chengdu hatte zuvor im chinesischen Staatsfernsehen gesagt, in dem See hätten sich geschätzt zwei Millionen Kubikmeter Wasser gesammelt. Durch Regenfälle in den kommenden Tagen bestehe die Gefahr von Dammbrüchen, erklärte Xu. Die Wettervorhersage geht von Niederschlägen in den kommenden drei Tagen aus. Bricht zudem ein weiterer Gletscher und kommt es zu einer Schmelze, könnte die nächste Sturzflut drohen. 

Der Leiter eines Erkundungsteams, das dort Mess- und Überwachungsgeräte aufstellte, beruhigte am Samstag: Weil das Wasser aus dem See bereits natürlich abfließe, habe sich die Gefahr deutlich verringert, zitierte das chinesische Staatsfernsehen Chen Hanxiao. 

Chinas Zensur: Wie zuverlässig sind die Angaben?
Allerdings bezweifeln internationale Experten und Korrespondenten inzwischen den Inhalt der chinesischen Nachrichten. Da in China nach wie vor eine strenge Zensur herrscht, könne man nicht mit Sicherheit sagen, inwiefern die Angaben zuverlässig seien. 

„Alles, was Tibet betrifft, wird durch das Prisma der nationalen Sicherheit betrachtet“, sagte Steve Tsang, Direktor des China Institute an der SOAS Universität in London gegenüber dem britischen „Guardian“. China hat weitaus besser ausgerüstete Rettungskräfte als Nepal, so Tsang, allerdings wisse man aufgrund der Zensur nicht wirklich, was diese tun würden – und wie hoch die Zahl der Opfer tatsächlich ist. China hätte damit eine Chance verpasst, „ihnen fehlt das Selbstvertrauen. Ihr Instinkt ist die Kontrolle“, so Tsang.

In Nepal kämpft man sich auf der Suche nach Vermissten durch die Schlammmassen.
In Nepal kämpft man sich auf der Suche nach Vermissten durch die Schlammmassen.(Bild: APA-Images / AFP / PRABIN RANABHAT)

Unterdessen steigt die Zahl der Todesopfer immer weiter. Wie die Polizei mitteilte, wurden bisher mindestens 616 Leichen geborgen. Zusammen mit den sieben in China gemeldeten Toten liegt die Gesamtzahl damit bei 623. Nepal bat indes um gezielte ausländische Hilfe, jedoch nicht bei den allgemeinen Such- und Rettungsarbeiten.

Einige Tausend Menschen konnten laut Angaben der nepalesischen Behörden bereits gerettet werden. Allerdings werden in Tibet und Nepal zusammengenommen noch mehr als 2500 Menschen vermisst, darunter auch ausländische Touristen.

Spezialisierte Hilfe für Tunnel benötigt
Nepal bat um gezielte ausländische Hilfe, jedoch nicht bei den allgemeinen Such-und Rettungsarbeiten, sagte Außenminister Shisir Khanal am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters. Khanal zufolge benötigt Kathmandu spezialisierte ausländische Hilfe, etwa bei der Bergung von in Tunneln eingeschlossenen Menschen, der Wiederherstellung von Verkehrsverbindungen sowie bei der Identifizierung und Aufbewahrung der Toten. Man habe die Nachbarländer Indien und China bereits um Behelfsbrücken gebeten.

Khanal präzisierte damit eine frühere Aussage seines Ministeriums vom Freitag, wonach Nepal die Rettungsarbeiten allein bewältigen könne. Für die allgemeinen Such- und Rettungsarbeiten, die von nepalesischen Kräften geleistet würden, sei keine weitere Hilfe nötig, sagte Khanal. 

Rund 2500 Menschen werden seit der Sturzflut immer noch vermisst.
Rund 2500 Menschen werden seit der Sturzflut immer noch vermisst.(Bild: APA-Images / AFP / PRAKASH MATHEMA)

Schlamm erschwert Suchaktionen
Die Armee in Nepal hat zuletzt die Such- und Rettungsaktionen intensiviert, stößt aber weiter auf große Probleme. „Der schwierigste Teil ist der abgelagerte Schlamm als Folge der Flutwelle“, sagte Armeesprecher Raja Ram Basnet in Battar Bazar in der an Tibet grenzenden Provinz Bagmati. Dadurch sei es sehr schwierig, Hubschrauber in den betroffenen Gebieten wie Temure, Syabrubesi und Mailung zu landen oder zu starten.

Derzeit sind laut Basnet unter anderem 14 Rettungshubschrauber in der Region im Einsatz. Als eine weitere Hürde nannte der Sprecher bestehende Tunnel im Gebirge, in denen Menschen festsaßen. Am Freitagmorgen (Ortszeit) seien nur vier Personen aus den Tunneln gerettet worden. Vermutlich befänden sich in ihnen noch zahlreiche Menschen.

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