„Luft nach unten“: Tamara Štajner erzählt von Müttern und Töchtern, von Träumen, Wut, Zärtlichkeit und Liebe. Wir haben mit der Autorin gesprochen.
Eigentlich kam Tamara Štajner mit 18 Jahren aus Slowenien nach Wien, um Musik zu studieren – und machte als Bratschistin Karriere. Doch schon von klein an war sie auch in der Welt der Literatur zu Hause. „Weil ich Zweifel hatte, ob ich mich vielleicht doch ganz dem Schreiben widmen soll, habe ich meine Professorin um Rat gefragt, und sie meinte: Tamara, geh nach Wien und studiere Musik, und die Worte werden auf dich warten.“
Sie haben gewartet – nicht nur die slowenischen, sondern auch die deutschen. In der neuen Sprache begann sie, Gedichte zu schreiben. „Mich hat Deutsch so fasziniert, es hat so eine andere Klangfarbe. Und ich habe Worte gefunden, die ich im Slowenischen nicht hatte.“
Vom deutschen Arbeitslager auf die Gulag-Insel
Wenn sie schreibt, dann tut sie es auf dem Sessel ihres Großvaters. „Er ist ein sehr wichtiger Mensch für mich.“ Auch wegen seiner eindrucksvollen Geschichte: „Als er 15 Jahre alt war, wurden er und seine gesamte Familie nach Deutschland deportiert, in ein Arbeitslager in der Nähe von Berlin.“ Dort überredete er die Putzfrau des Kommandanten, ihm einen Entlassungsbrief mit dessen Unterschrift zu bringen. „Er hat fast ein Jahr lang die Unterschrift von diesem Mann geübt und dann zwei Entlassungen für sich und seinen älteren Bruder gefälscht.“ Zurück in Slowenien schloss er sich den Partisanen an und kämpfte für Tito. „Nach dessen Bruch mit Stalin wurde er aus völlig unerklärlichen Gründen als Pro-Russisch eingestuft und auf der Gulag-Insel Goli Otok, dem schlimmsten Gefangenenlager in Jugoslawien, für sieben Jahre inhaftiert“, so Štajner. „Für mich strahlt seine Geschichte so eine Kraft, die zeigt, dass man wirklich alles überwinden kann.“
Darin spiegelt sich auch der Titel ihres neuen Romans „Luft nach unten“. „Für mich ist er eigentlich sehr optimistisch. Auch wenn es gerade schwierig ist, ist immer noch Luft nach unten. Da kann es gar nicht so schwer sein.“
Das Herzstück ist ein Brief an die Mutter
Mit poetischer Sprache erzählt sie von Iva, die nach vielen Jahren nach Ohrid, an den Ort ihrer Kindheit, zurückkehrt, um ihr Kindermädchen zu beerdigen. Hier beginnt eine Spurensuche in der eigenen Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart. Iva kämpft mit den Traumen von einst, ihrem unerfüllten Kinderwunsch, einer leidenschaftlichen Affäre, mit der die Realität nicht mithalten kann – und einem zerrütteten Mutter-Tochter-Verhältnis. Das Herzstück des Romans ist ein Brief an die Mutter, den sie nie abschickt – voller Wut, aber auch voller Zärtlichkeit. „Es ist eigentlich eine große Liebeserklärung an sie“, so Štajner. „Das Buch ist eine einzige Sehnsucht in allen möglichen Varianten. Sehnsucht nach der Familie, nach Liebe, Begehren, der Mutter, einem Kind, nach einem ungelebten Leben.“
Leichtigkeit trotz schwerer Themen
Es ist ein sehr persönlicher Roman, vieles hat Štajner selbst erfahren. „Mir ist es beim Schreiben sehr wichtig, dass ich die Gefühle und die emotionalen Zustände gut kenne, auch wenn vielleicht nicht alles identisch ist.“ Trotz dieser schwierigen Themen gelingt es der Autorin, mit feinem Witz eine gewisse Leichtigkeit zu schaffen.
Ein eindringlicher Roman, dessen eigene Klangfarbe noch lange nachhallt.
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