Regisseurin Jola Wieczorek arbeitet vor dem Hintergrund einsetzender Demenz die Flucht ihrer Familie aus Polen auf; ihr gelingt ein berührendes Zeitdokument aus Spurensuche, Flucht und Familiengeschichte. „Die noch unbekannten Tage“ ist in ausgewählten Programmkinos zu sehen.
Erinnerungen eines Menschen zu fassen, bevor sie verschwinden – etwas, das sich Angehörige von Demenzkranken oft wünschen, aber nicht immer schaffen. Regisseurin Jola Wieczorek hat im Film „Die noch unbekannten Tage“, der demnächst in Programmkinos zu sehen ist, die Flucht ihrer Familie aus Polen in den 1980er aufgearbeitet. Gerade noch rechtzeitig, bevor ihre Mutter vieles vergessen sollte.
Jola war damals ein kleines Kind. Nach der ersten Zeit im Flüchtlingslager Traiskirchen landete die Familie in Bad Goisern
Der Film ist nicht nur eine Migrationsgeschichte, sondern auch eine sehr persönliche Geschichte zwischen Mutter und Tochter, und ein gelungenes Zeitdokument über Flucht aus dem ehemaligen, kommunistischen „Ostblock“ in den Westen.
Der Film beginnt mit der Demenzerkrankung Ihrer Mutter und Ihrer eigenen Schwangerschaft. Was war der wichtigste Anstoß für diesen Film?
Das war schon der Gedanke, dass ich noch nicht alles gefragt hatte und es schnell tun muss, bevor die wichtigste Zeitzeugin nicht mehr antworten kann. Ich verspürte die Notwendigkeit, mehr über unseren Weg und die Entscheidungen für die Flucht damals zu erfahren, um auch meinem Kind später unsere Geschichte besser erzählen zu können. Ein Stück weit war es natürlich auch meine eigene Spurensuche.
Sie waren sechs Jahre alt, als ihre Familie Polen verließ. Verraten Sie uns Ihre stärkste Erinnerung?
Ich spürte, dass etwas Wichtiges passiert, war aber noch zu klein, um genau zu verstehen, wohin es geht und was meine Eltern da beabsichtigen. Aber die Nervosität meiner Eltern war natürlich für uns Kinder spürbar. Ich erinnere mich wie in einem Traum.
Wie haben Sie die ersten Tage in Österreich erlebt?
In Österreich war – abgesehen vom Flüchtlingslager – alles bunter und geordneter. Wir waren fasziniert von den vollen Geschäftsregalen, den exotischen Früchten, den vielen Säften und natürlich auch vom Spielzeug. Später, im Salzkammergut, waren es die Berge und die saftigen Wiesen. Das war schon ein Kulturschock in vielerlei Hinsicht!
Gibt es eine Szene im Film, die Ihnen ganz besonders wichtig ist?
Wir haben meine eigenen Erinnerungen reinszeniert. Das war sehr skurril – auf einmal die Bilder aus dem Kopf vor sich zu sehen: die Ankunft in Traiskirchen, die Autositze, die Szenen in den Schlafsälen mit den vielen Kindern. Das berührt mich immer noch, weil diese Bilder so tief aus mir kommen.
Sie haben auch vieles rekonstruiert, was war bezüglich Quelle schwierig? 1989 war die samtene Revolution, ab da begann der „Osten“ zu verschwinden.
Von österreichischer Seite war vor allem die Grenzsituation durch den ORF sehr gut dokumentiert. Dadurch, dass sich die Einreisebestimmungen ständig änderten, waren die Journalistinnen und Journalisten oft vor Ort. Auf der polnischen Seite wurde bereits mit sehr viel Ironie und Sarkasmus die wirtschaftliche Lage beschrieben – vor allem in den Newsreels. Wenn man dort die Kommentarstimme wegnahm, hatte man ein sehr authentisches Porträt des damaligen Polens.
Aber ja, Polen begann sich zu verändern. Der erste Runde Tisch fand im Februar 1989 statt, im Juni die ersten Wahlen, bei denen die Solidarność gewann. Aber die Demokratie war nicht von einem Tag auf den anderen da. Die 1990er-Jahre waren von Korruption und der Mafia geprägt und für viele Menschen eine sehr schwierige Zeit.
Was haben Sie bei dieser Reise mit ihrer Mutter über Demenz herausgefunden?
Ich habe auf dieser filmischen Reise verstanden, wie sehr wir über unsere Erinnerungen definieren, wer wir sind. Wenn diese Erinnerungen verschwinden, verändert sich auch unsere Persönlichkeit – interessanterweise aber nicht unbedingt unsere Emotionen. Die bleiben, sie scheinen woanders verankert zu sein. Durch die Gefühle finde ich immer wieder den Weg zu meiner Mama.
Das 20. Jahrhundert ist voller Flucht- und Vertreibungsgeschichten vom Osten in den Westen. Wurde das bisher zu wenig aufgearbeitet?
Jede Flucht- und Vertreibungsgeschichte ist sehr eigen, und doch gibt es diesen gemeinsamen Erlebnishorizont: das Verlassen der alten Heimat und das Ankommen in der neuen. Dieser ist allen gemein. Ich glaube nicht, dass schon alles erzählt wurde. Die Menschheit ist in einer ständigen Bewegung. Das zu verstehen, ist wichtig. Und zurückzuschauen hilft uns, die Menschen, die heute flüchten müssen, besser aufzufangen.
Was bedeutet Heimat für Sie persönlich?
Heimat ist für mich kein geografischer Ort, sondern sind Momente, in denen ich mich geborgen und sicher fühle und die stark mit Erinnerungen und Sinnen verbunden sind. Sei es Essen, Gerüche, manchmal auch Orte, wie der polnische Wald, aber auch meine Freunde und Familie, die mir einen Raum geben, in dem ich mich nicht rechtfertigen muss, warum ich wo bin.
Es ist interessant, wie viele Heimaten in mir Platz finden. Und dass es auch schön sein kann, zwischen den Ufern zu schwimmen und mehrere Strände im Leben zu haben.
Filmpremieren: 28. 9. im Programmkino Wels und Moviemento Linz; der Film läuft ab 25. 9. auch im Stadtkino Wien, Termine auch im Admiralkino, Wien.