Gewalt, Jugendgangs und die harte Realität der Straße kennt er aus eigener Erfahrung. Im Interview spricht der Hamburger Autor, Rapper und Sozialpädagoge Mashood Khan über sein Buch „Vom Stolz der Straße“, falsche Ehre, den Wendepunkt nach dem Tod seines Vaters – und warum Jugendliche nicht verurteilt, sondern verstanden werden müssen.
Mashood Khan nimmt sich am Telefon Zeit, antwortet ruhig, höflich und mit spürbarer Ernsthaftigkeit. Man merkt schnell: Hier spricht jemand, der die harte Realität der Straße nicht nur aus der Theorie kennt, sondern selbst erlebt hat. In seinem neuen Buch „Vom Stolz der Straße“ erzählt der Hamburger von Gewalt, Jugendgangs, falscher Ehre – und davon, wie ein Mensch trotz allem eine neue Richtung einschlagen kann. Heute arbeitet Khan als Sozialpädagoge, Coach und Rapper mit Jugendlichen, die ähnliche Erfahrungen machen wie er früher. Im Gespräch erklärt er, warum Stolz gefährlich werden kann, weshalb Jugendliche oft zu schnell verurteilt werden – und was es wirklich braucht, damit Veränderung möglich wird.
„Krone“: Herr Khan, Ihr neues Buch heißt „Vom Stolz der Straße“. Was bedeutet dieser Stolz für junge Menschen – und wann wird er gefährlich?Mashood Khan: Stolz ist ein Begriff, mit dem sich viele Jugendliche beschäftigen. Ich finde, darüber muss man auch sprechen. Es gibt einerseits den inneren Stolz: Man möchte auf sich selbst stolz sein können. Wenn ein Jugendlicher in der Schule aber nicht gut ist und immer nur hört: „Benimm dich, aus dir wird nichts“, dann bekommt er im Leben keine Pokale. Dann kann er sich irgendwann selbst kaum noch im Spiegel anschauen und hat nichts, worauf er stolz sein kann.
Und dann gibt es den äußeren Stolz: Wenn andere dich für etwas loben. Wenn du schlechte Noten hast, aber eine Straftat begehst und dafür Anerkennung bekommst, dann kann das gefährlich werden. Weil die Eltern vielleicht nicht stolz auf dich sind, die Lehrer auch nicht – aber auf der Straße bekommst du plötzlich Anerkennung. Genau da kann Stolz in die falsche Richtung gehen.
Wie kam es dazu, dass Sie Ihre Geschichte jetzt in einem Buch erzählen wollten? Gab es einen bestimmten Auslöser?
Ich habe das gemacht, weil ich mich damals selbst unverstanden gefühlt habe. In den Medien liest man oft nur: Jugendliche werden immer krimineller, besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund. Aber was steckt eigentlich dahinter? Ich will damit keine Gewalttaten oder Straftaten rechtfertigen. Es geht mir darum, dass man verstehen muss, wie diese Jugendlichen aufwachsen. Für mich sind Kinder und Jugendliche nie schuld daran, in welcher Situation sie sind. Jeder Täter war einmal ein Opfer. Monster werden nicht geboren, Monster werden erschaffen – oft von uns als System oder von Eltern, die selbst mit sich zu kämpfen haben. Mein Buch ist für Menschen gemacht, die den Ali von der Straße einmal wirklich verstehen wollen – und nicht nur die Schlagzeile über gestiegene Jugendkriminalität lesen.
Wie schwer war es für Sie, die eigene Vergangenheit noch einmal so ehrlich aufzuschreiben?
Ich habe mein Leben dadurch noch einmal ganz anders kennengelernt. Während des Schreibens sind auch viele neue Ideen für meine Arbeit entstanden – für Workshops in Schulen und Jugendgefängnissen, mittlerweile bundesweit. Ich könnte mir auch vorstellen, so etwas einmal in Österreich anzubieten.
Natürlich war das Buch sehr emotional für mich. Ich bin im vergangenen Jahr auch nach Paris geflogen und habe mich viel mit meinen Wurzeln beschäftigt. Ich habe mich gefragt: Wer bin ich eigentlich? Woher komme ich? Das Schreiben war für mich auch eine Art Therapie. Es steht nicht meine ganze Lebensgeschichte darin, aber die wichtigsten Dinge, die mich geprägt haben. Für mich war es auch ein Abschluss – und gleichzeitig eine Möglichkeit zu zeigen: Ich war früher so, aber ich möchte, dass man versteht, warum ich so war.
Gab es einen bestimmten Moment, an dem Sie gemerkt haben: So kann mein Leben nicht weitergehen?
Ja, diesen Moment gab es. Das war der Tod meines Vaters. Er ist 2015 bei einem Verkehrsunfall gestorben. Von jetzt auf gleich war er weg. Er war gesund, und plötzlich war alles anders. Da kamen all seine Gespräche wieder hoch. Er hat mir immer gesagt: Deutschland gibt uns viel zurück, Europa gibt uns Schutz.
Als er noch gelebt hat, habe ich das nicht richtig verstanden. Aber als er nicht mehr da war, war plötzlich vieles klarer. Ich habe mich mit dem Tod beschäftigt, mit Integration, mit Deutschland – und ich habe gemerkt: Jetzt muss ich meinen Vater stolz machen. Jetzt möchte ich diesem Land und Europa auch etwas zurückgeben. Deshalb habe ich angefangen, meine Abschlüsse nachzuholen.
In Ihrem Buch geht es auch um Ehre. Warum ist dieses Wort für viele junge Männer so aufgeladen?
Der Ehrbegriff wird oft aus den Heimatländern importiert. Zu Hause bekommen viele Jugendliche eine bestimmte Vorstellung von Ehre vermittelt – die Ehre der Familie etwa. Oft ist das aber mit der deutschen Kultur nicht vereinbar. Dann wachsen Jugendliche in zwei Systemen auf: Sie sollen der deutschen Gesellschaft gerecht werden, aber gleichzeitig auch den Regeln und Begriffen, die sie zu Hause lernen. Da stellt sich die Frage: Was ist eigentlich die Norm? Was ist richtig? Meiner Meinung nach ist Ehre oft völlig falsch definiert. Genau darüber müsste man auch in Schulen sprechen.
Wie könnte man dieses Thema in Schulen angehen?
Man müsste viel früher anfangen, über Integration, Barrieren und Identität zu sprechen – vielleicht schon in der dritten oder vierten Klasse. Kinder sollten sich mehr mit sich selbst beschäftigen. Das passiert oft gar nicht. Sie werden in ein System hinein geschubst, sollen funktionieren, und zu Hause gelten dann wieder andere Regeln, andere Nachrichten, andere Definitionen von Begriffen. In der Schule hören sie vielleicht das eine, zu Hause das komplette Gegenteil. Und dann fragen sie sich: Was ist denn jetzt richtig? Genau da müsste man ansetzen.
Was hilft Jugendlichen Ihrer Erfahrung nach wirklich: härtere Strafen, mehr Sozialarbeit – oder vor allem Menschen, die an sie glauben?
Es braucht Menschen, die an sie glauben – und Menschen, die Jugendliche wirklich verstehen. Authentische Sozialpädagogik ist wichtig, vor allem bei Jugendlichen, an die man sonst schwer herankommt. Dafür braucht es auch Menschen, die selbst etwas Ähnliches erlebt haben, die selbst einmal kriminell waren oder aus einem Brennpunkt kommen. Die können mit solchen Jugendlichen oft anders umgehen.
Ich finde, man müsste Pädagogik in manchen Bereichen umkrempeln. Es braucht mehr Prävention, aber vor allem authentische Prävention. Ich merke in Schulen immer wieder: Manche Jugendlichen glauben gar nicht, was ich von ihnen will. Dann sagen sie: „Du bist doch einer von uns.“ Genau das ist mein Vorteil. Ich verurteile keinen Jugendlichen und kein Kind. Ich frage nicht: Warum hast du das gemacht? Sondern: Ich verstehe, dass es passiert ist. Was müssen wir tun, damit es nicht noch einmal passiert?
Sie arbeiten heute mit Jugendlichen, die oft ähnliche Erfahrungen machen wie Sie früher. Erkennen Sie sich manchmal selbst in ihnen wieder?
Natürlich. Ich spreche mit ihnen auf Augenhöhe. Viele Jugendliche hören seit der vierten Klasse: Du bist schlecht, du machst alles falsch, du kannst nichts. Ich suche aber nach den Ressourcen und Talenten in diesen Jugendlichen. Genau dort setze ich an. Denn wenn man nur auf Fehler schaut, verliert man sie. Wenn man aber sieht, was sie können, bekommt man einen Zugang.
Sie sind selbst Vater. Was würden Sie tun, wenn Ihr Sohn einmal auf die schiefe Bahn geraten würde?
Ich würde versuchen, ihn in dem zu stärken, was er gut kann. Und ich würde versuchen, ihn zu verstehen. Ich bin mit ihm auf Freundschaftsbasis unterwegs. Natürlich gibt es eine Vater-Sohn-Beziehung, aber ich habe ihm beigebracht: Ich bin dein bester Freund, du kannst mir alles erzählen.
Er wird jetzt fünf und sagt selbst immer wieder, dass ich sein bester Freund bin. Man muss an Kinder herangehen – nicht nur mit Härte und Autorität. Ein bisschen Autorität ist natürlich in Ordnung, aber viel wichtiger ist Beziehung. Man muss sich Zeit für sein Kind nehmen. Wenn man das nicht tut, hat man verloren. Kinder merken, wenn man kein Interesse zeigt. Dann suchen sie sich Vorbilder und Vaterrollen woanders.
Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen und Leser nach der Lektüre von „Vom Stolz der Straße“ besser verstehen?
Ich wünsche mir, dass man Jugendliche anders versteht und sie nicht sofort verurteilt. Viele Jugendliche haben es nicht leicht. Es gibt Gründe, warum jemand kriminell wird. Es ist nicht einfach nur: Der hat halt zugeschlagen. Nein, es gibt Gründe dafür – und oft sehr ernste Gründe. Ich finde auch, dass Eltern stärker in die Verantwortung gezogen werden müssen. Denn wenn wir Jugendliche verstehen wollen, müssen wir auch verstehen, woher ihr Verhalten kommt.
Wie geht es nach dem Buch weiter? Ist auch musikalisch wieder etwas geplant?
Ich habe früher viel Musik gemacht und mache aktuell auch wieder Rap-Projekte mit Jugendlichen. Ich nutze Hip-Hop mittlerweile als Prävention. Gerade bei solchen Projekten melden sich oft Jugendliche an, die sonst nicht so leicht zugänglich sind. Aber über Musik komme ich sehr gut an sie heran.
Bin ein Fan davon, über Rap Jugendliche zu erreichen. Musik schafft Emotionen – oder lenkt sie. Deshalb ist sie für meine Arbeit ein wichtiger Zugang.
Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich heute begegnen würden – was würden Sie ihm sagen?
Ich würde ihm sagen: Egal, was andere sagen, du kannst das schaffen. Noten sind nicht das A und O. Versuch, das Beste aus dir herauszuholen. Und wenn du nicht in allen Fächern eine Eins hast, ist das in Ordnung. Es gibt in Europa Hunderte, Tausende Möglichkeiten, über andere Bildungswege alles zu erreichen.
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