Live in der Metastadt

Marilyn Manson: Der Teufel ist recht zahm geworden

Musik
22.07.2026 11:37

Nach zweijähriger Konzertpause wurde das Metastadt-Areal am Dienstagabend vor 7500 Fans mit dem lange in Ungnade gefallenen Dunkelfürsten Marilyn Manson wiederbelebt. Der lieferte eine kurze, aber memorable Show ab, die wenig Wünsche übrig ließ. Eine Glanzvorstellung eines halb Geläuterten.

kmm

Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem letzten Konzert in der Wiener Metastadt feiert die adäquate Freiluftlocation im 22. Wiener Gemeindebezirk gleich ein wildes Comeback: Marilyn Manson beehrt Österreich das erste Mal seit einem mediokren Auftritt am Nova Rock 2018. Dazwischen lagen Missbrauchsvorwürfe und Klagen von gleich mehreren Expartnerinnen, die zuweilen noch immer laufen. Manson selbst ging seit Beginn derer 2021 in die Defensive. Interviews oder Meet & Greet sind bis auf Weiteres passé, dafür sind die Konzerte wieder deutlich besser geworden. Manson ist seit mehr als vier Jahren trocken und hatte vor diesem Österreich-Comeback bereits zwei üppige Europatouren abgespult – langjährige Fans sprechen zuweilen von den besten Shows seit Jahrzehnten. Zudem ist er körperlich fit und zeigt sich stimmlich ohnehin von einer guten Seite. Beste Voraussetzungen also für einen besonderen Sommerabend im Zeichen des Fürsten der Finsternis.

Optisch Vampir, im Gespräch handzahm und gemütlich: Matt James von den Vowws gab den Anheizer ...
Optisch Vampir, im Gespräch handzahm und gemütlich: Matt James von den Vowws gab den Anheizer für Manson.(Bild: David Bitzan/DB-PHOTOGRAPHY)

Einen Traum erfüllt
Als Vorband fungieren die Australier Vowws, die sich in jüngerer Vergangenheit bereits zweimal in Österreich präsentierten. Beim Nova Rock. 2025 auf der Red Bull Stage und als durchaus adäquater Anheizer des gehypten Kim Dracula im März im Wiener Flex. Mit dem Kultrocker sind Matt James und die bereits in bester Manson-Manier geschminkte Rizz Khanjani schon früh in Berührung gekommen, wie James der „Krone“ im Gespräch vor dem Auftritt erzählt. „Wir sind mit ihm aufgewachsen, wie so viele andere. Es ist großartig, mit ihm auf Tour zu sein“. Das war man davor schon in den USA, nun auch ein paar Mal in Europa. Die Lieblingssongs von James‘ kommen alle aus der klassischen Ära. „Angel With The Scabbed Wings“ und „The Dope Show“ sind besondere Lieblinge. Beim eigenen Auftritt setzt man vorwiegend auf Tracks des aktuellen Albums „I’ll Fill Your House With An Army“ und einer düsteren Matrix-Optik. Harte Depeche Mode, eben „Death Pop“ mit Melancholie. Dem von Khanjani geäußerten Wunsch eines T-Shirt-Kaufs kamen dann doch nicht allzu viele nach.

Wo man früher ähnlich wie bei Skandalnudeln der Marke Axl Rose oder Mariah Carey lange auf den Künstler warten musste, punktet der blitzsaubere Amerikaner mittlerweile mit militärischer Pünktlichkeit. Nach dem Bauhaus-Intro „Bela Lugosi’s Dead“ legt der 57-Jährige mit dem recht neuen Song „Nod If Your Understand“ kompromisslos los und beweist, dass auch die kompositorische Aggressivität in den letzten Jahren zugenommen hat. Die aktuelle Tour hat Manson nach dem 2024er-Album „One Assassination Under God“ benannt, der zweite Teil des opulenten Frischwerks erblickt übrigens am 14. August das Licht der Welt und mit dem gutklassigen „Exit Wound“ hat er auch bereits eine erste Kostprobe mit im dunkelschwarzen Gepäck. Völlig neu durchgewürfelt ist seine musikalische Mannschaft, die er später im Set auch vorstellen wird. Tim Sköld war früher schon mal da, andere kennt man live noch gar nicht. Manson hat sich auf dem Weg zur Gesundung auch von toxischen Mitmusikern getrennt. Ein kluger Schachzug, der sich bezahlt macht.

Das Bühnenbild setzt auf satanische Symbolik und grelle Lichteffekte – sehr wirkungsvoll.
Das Bühnenbild setzt auf satanische Symbolik und grelle Lichteffekte – sehr wirkungsvoll.(Bild: EPA/Raul Caro)

Fast wie neugeboren
Die ersten Liebesbekundungen á la „I fucking love you, Vienna“ kommen schon nach dem rockigen „Disposable Teens“, bevor das bereits erwähnte „Angel With The Scabbed Wings“ einmal mehr beweist, dass die frühen, wesentlich gitarrenlastigeren Klassiker besonders gut gealtert sind. Die Frage, ob die Anwesenden bereit für eine Zeitreise ins Jahr 1996 wären, hätte er sich freilich sparen können. Ein Großteil des Publikums ist seinem Helden sichtlich lange treu und mit den Jahren mitgewachsen. Zum balladesken „Great Big White World“ wünscht sich der Frontmann ein Meer an Handylichtern und bei „This The New Shit“ gehen die vorderen Reihen komplett steil. Neben der präzise aufspielenden Band und dem üppigen Bühnenbild mit insgesamt sieben verkehrten, grell leuchtenden Kreuzen ist vor allem Mansons eigene Form so beeindruckend wie erhofft. Die Stimme im ruhigen wie auch angriffigen Zustand glasklar, die 57 Jahre merkt man ihm unter Kajal und Dunkel-Make-Up nicht an und körperlich ist er so fit wie Mick Jagger – was dezidiert als Kompliment gemeint ist.

Die Mischung aus dem Frühwerk und kommerziell erfolgreichen Songs dazwischen hin zu neueren Tracks gelingt ihm ausgezeichnet. Dazu ist Manson nach wie vor der ideale Zeremonienmeister. Ob adrett mit Fedora am Kopf, militärisch an Gräuelzeiten erinnernder Kopfbedeckung oder einer Lederkappe - jedes Utensil dient als thematisch passende Schreckensverstärkung. Die Gefährlichkeit der alten Tage ist bei Manson freilich weg. Wo er einst Bierflaschen warf, auf einem Podest herabblickend Bibeln zerriss oder sich mit Bandkollegen anlegte, ist mittlerweile längst eine Professionalität eingekehrt, die man ihm zwecks seiner Vita aber auch negativ auslegen kann. Wo die Skandale fehlen, dort zog dafür Professionalität ein und macht das Fehlende anders wett. „Sie haben versucht mich zu begraben, aber sie sind daran gescheitert“ adressiert er wohl an jene Kritiker, die ihn zuletzt cancelten, aber sein musikalisches Top-Comeback nicht aufhalten konnten. So ist „The Nobodies“ wohl eine Hymne für seine strengsten Kritiker.

Seit fast fünf Jahren nüchtern, weiß Manson wie selten zuvor sein Publikum zu begeistern und für ...
Seit fast fünf Jahren nüchtern, weiß Manson wie selten zuvor sein Publikum zu begeistern und für sich einzunehmen.(Bild: EPA/Raul Caro)

Eine souveräne Galavorstellung
Bei seiner einstigen Drogenhymne „The Dope Show“ erinnert er sich offen daran, wie sehr er unterschiedlich Aufputschendes einst geliebt hat und fragt nonchalant, wer denn high in die Metastadt gekommen wäre? Die Antwort gibt der Sänger gleich selbst: „I am your motherfucking drug“. Bescheidenheit wäre angesichts dieser Karriere auch nicht notwendig. Der ewige Hit „The Beautiful People“ geht mit viel Druck durch die Gehörgänge, beim geisterhaft-schrägen „Tourniquet“ packt Manson seine legendären Stahlstelzen aus und mit „Sweet Dreams“ und „Personal Jesus“ bleiben auch zwei etwas ausgelutschte, bei den Fans aber extrem beliebte Coverversionen übrig. Wien bekommt im Direktvergleich mit den meisten anderen Städten noch eine Sonderbehandlung – mit „If I Was Your Vampire“ gibt’s dicken Bonus im künstlichen Schneegestöber zu morbider Atmosphäre mit Messer im Rotlicht. Nach nur 80 Minuten kommt eine Galavorstellung viel zu früh zu ihrem Ende. Der vielleicht einzige Wermutstropfen in einer ansonsten überraschend tighten, ganz und gar ohne Skandale auskommenden, die einen gereiften und souveränen Vollblutmusiker zeigt. Gerne schnellstmöglich wiederholen!

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